Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 25 (21.6.1912)
- Date
- 1912-06-21
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Mr. 25 DIE3KKELT 753 zunächst einmal so schildert, wie es ist: in seiner ganzen inseligen Verknotung, in diesem kinematographischen Vechsel von Szenen, in diesem Durcheinander, Gegeneininder von Strebungen, Willensrichtungen, Theorien. Und lurch dieses Wirrsal geht der Held des Romans hiniurch, der Zionist, der alle Lösungen, alle Theorien abehnen muß, die nicht erst damit anfangen, das eigene ch — des einzelnen und des Ganzen — zu erlösen. Daniel Schafranow ist ein Prediger in der Wüste, dessen vraft am Ende versagt. Und indem der Dichter seinen Helden zur Schußwaffe greifen läßt, scheint er auf alle Probleme eine Antwort geben zu wollen, die negativ;clieint und es doch nicht ist. Denn wenn es so nicht mehr weitergeht und nur der Tod als Erlösung bleibt, iann müssen eben alle die, welche leben wollen, einen »anz, ganz neuen Weg suchen. Für den Roman hatte freilich die Unstetigkeit seines i leiden den Nachteil, daß er nicht straff genug zusammengehalten wird und die Erzählung sich in einzelne Episoden aufzulösen droht. Der Leser begleitet Schafranow lurch alle Kreise der jüdischen Bevölkerung einer Stadt ies Ansiedlungsrayons. Alle Typen weiß der Dichter plastisch herauszuarbeiten. Die Gestalt des alten Aron Rabbinowitz, dieses guten Bürgers, Schulvorstehers isvv., der auf einmal von seinen Söhnen erfährt, daß er gar xcin harmloser Hausvater, Kaufmann und Leser der „Hazeirahu ist, sondern — horribile dictu — ein Bourgeois, Uisbeuter, Exploritateur. Dieser biedere Träger einer!ten Tradition steht den neuen Begriffen ganz ratlos egenüber, weiß sich auf all das keinen Reim zu machen, is da um ihn wogt und tost und alle Werte, die ihm eilig sind, erbarmungslos zerstört. Dieses Etwas treibt :ine Söhne in die Politik, stellt sie stündlich der Gefahr er Verhaftung und Verschickung gegenüber; dieses twas zerstört die Einheit der jüdischen gegenüber der ichtjüdischen Welt, teilt sie in Klassen und Parteien, .chtfertigt die Ermordung von Juden durch Juden, wenn ene Bourgeois, diese Fanatiker der Tat sind; dieses un- >cgreifliche, ungeheuerliche Etwas sprengt nicht nur die eistige, sondern geradezu die räumliche Einheit des Fauilienlebens. Der junge Rabbinowitz, Gymnasiast und politischer Häuptling, hat drüben einen eigenen Trakt, vo niemand herein darf, als die Genossen, die da Tabak jualmen, nächtelang disputieren und debattieren. Und üe Eingeweihten des Hauses, die nun doch einmal hinin müssen, um Ordnung zu machen, erzählen Ungeleuerlichkeiten von aufgetürmten Broschüren, die von Ziaten aus Marx und Kautsky wimmeln. Und da ist diese gute Frau Rabbinowitz, die so gerne lies in schöner Ordnung hätte und die nun immer, wenn »er Sturm einer entsetzlichen Wirklichkeit durch ihr Haus eht, entschuldigend und beruhigend versichert: es ist ine Ausnahme, sonst ist alles in Ordnung. Und sie wäre o herzlich gern nach guter Tradition stolz auf ihre Söhne, iber die machen es ihr gar so schwer, lassen sich politischer Umtriebe wegen von der Universität ausschließen und treiben trotzdem ihren „Unfug" weiter. Bleibt die Tochter, diese entzückende junge Bildhauerin Nika Rabbinowitz. Sie ist natürlich eine „russische" Künstlerin, ueiß von dem russischen Barfüßer, den sie vielleicht nie gesehen hat, aber doch modelliert, mehr als von den jüdischen Gestalten ihres Städtchens, und kennt ihren Musset besser als die Bibel. Und von all diesen Dingen, die um sie geschehen, versteht sie gar nichts. Sie hört immer nur Worte, Worte: ,,Oh, wenn ich sie zerstören könnte, alle diese Theorien. Man kann gar nicht atmen in dieser Atmosphäre. Jeder hat seine Theorie: Zionist, S. S., Bund, S. R., Poale Zion — Gott weiß, was alles das bedeutet! Jeder hüllt sich in so ein Kleid, und ich allein gehe unter ihnen herum, nackt und bloß." Und das Judentum, das dieser Schafranow immer predigt, was ist das? Die Begriffe „Volk" und gar „jüdisches Volk" kommen in ihrem Lexikon nicht vor. Was mögen wohl die darunter verstehen, die so heftig darum streiten? Wieder eine langweilige Theorie . . . Und nun muß gerade dieses junge Mädchen, das wie eine Blume im Leben stehen möchte und sollte, erfahren, „daß es da ein Etwas gibt, das wir nicht sehen, das aber unser Leben verschlingt, uns alle in den Abgrund zieht". Ihr Roman ist ja nicht besonders neu. Sie liebt einen russischen Aristokraten, der ihretwegen sogar unter die Juden geht und Revolutionär, ja selbst Mitglied der Selbstwehr wird. Aber — es waren zwei Königskinder, die hatten einander so lieb usw. — — -— So muß denn die arme Nika erfahren, wie reale Wirklichkeit jene Theorie ist, die sie niemals verstehen konnte. „Sie haben mir immer gesagt, ich müsse eine Jüdin sein. Was es heißt, Jüdin sein', das sagte mir niemand. Keiner konnte es mir sagen. Jetzt ist es mir klar geworden. Jüdin sein, das heißt: Fernen nahe sein und den Nahen ferne." Dies Wort rührt vielleicht an das Schicksal der jüdischen Seele: Der Nähe fern, den Fernen nah . . . Alle seine Gestalten hat der Dichter nun um den einen Daniel Schafranow gruppiert, den Zionisten, der unter ihnen allen herumgeht wie das mahnende Gewissen. Er kann sich nicht an dem Gedanken der bevorstehenden Revolution berauschen, wie seine Altersgenossen. Er sieht nur zu deutlich, wie in diesem Rausch die Angst vor der eigenen Wirklichkeit betäubt werden soll. Er wird das Bewußtsein dieser Wirklichkeit nicht los. Nicht etwa, daß ihn irgendwie das physische Elend oder die politische Lage der Juden beunruhigte. Ihn bringt der innere Zustand des heutigen Judentums zur Verzweiflung. Was sind wir, wenn unser Leben nicht mehr von einem zentralen Gedanken getragen wird? Dieses innere Gallith ist keine notwendige Folge des äußeren. Wir hatten unsere zentralen Sonnen, auch als wir längst das Land verloren hatten: den Kusari, den Moreh Nebuchim. Aber all das ist gewesen. Man komme heute zu unsern jungen Leuten und sage ihnen: Juda Halevis Gedichte sind verloren gegangen. Eine Feuersbrunst nahm uns Rambams Schriften, S m o - lenskys Werke. Was werden sie sagen? „Ist die Jargonübersetzung des Erfurter Programms gerettet?" ... Und das Schrecklichste des Schrecklichen ist diese Ruhe, diese Sicherheit, diese Stumpfheit des Herzens, das nichts mehr fühlt. Selbst Schafranows Frau, die als Mädchen nichts anderes im Kopfe hatte als ihres Volkes Not, hat sich beruhigt und geht ganz in ihrem Kinde auf. Als ob es überhaupt noch einen Sinn hätte, ein neues Geschlecht heranzuziehen. Eine Weile schöpft Schafranow neue Hoffnung. Der Pogromschrecken geht dureh das Städtchen. Man organisiert die Selbstwehr. Die Parteien nähern sich und mit vielen Verwahrungen und Verklausulierungen setzen sich selbst die jüdischen Proletarier mit den Bourgeois an den Beratungstisch. Vielleicht ist jetzt der Augenblick gekommen, daß diese Menschen sich besinnen, daß der Königssohn sich seines Purpurs erinnert . . . Aber der Pogrom bleibt aus, die Selbstwehr löst sich auf, der Alltag zieht ein, und wieder diese Ruhe und diese Sorglosigkeit. Und alles ist, als wäre nichts gewesen. Für .«V