Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 25 (21.6.1912)
- Date
- 1912-06-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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zücken und Begeisterung" zu erfüllen" (S. 287). In einer Unterredung, die er vor seiner Abreise aus Palästina einem Berichterstatter der „Hazefirah" gewährte, äußerte er nach der Wiedergabe der „Welt" (1911, Nr. 49): „Er sehe infolge der verworrenen politischen Lage keine Möglichkeit zu großzügiger Arbeit. Unser Werk müsse in der bisherigen Richtung langsam vorwärtsschreiten. Nach wie vor müsse kolonisatorische Kleinarbeit verrichtet werden, die allerdings mühsam und langwierig sei." Aehnlich sprach sich übrigens Achad Haam von jeher aus. Man lese den Schluß von „Habokhim", von „Hatorah wehaabodah", von „Hakohanim wehaam"! Mir klingt dies alles nicht wie eine Predigt der Resignation und Selbstbeschränkung, sondern der Ermutigung und Anregung zur rastlosen, unverdrossenen Weiterarbeit in der jeweils eben möglichen Weise. Worauf sich endlich die Behauptung stützt, Achad Haam rede uns ein, wir könnten niemals ein gesundes, normales Volk werden, wird uns nicht gesagt. Freilich bildet nach Achad Haam die vollständige ,,Sammlung der Verstreuten" im Lande der Väter ein „Unendlichkeitsideal", dessen vollkommene Realisierung nur durch ein Wunder bewirkt werden könnte, während auf natürlichem Wege, wofern nicht etwa die halbe Judenheit ausstirbt, nur ein bestimmter Teil des ganzen Volkes dort zu einem in jeder Hinsicht gesunden nationalen Eigenleben zu gelangen vermag.11) Aber ist hier der Gedanke zu finden, das jüdische Volk ,,werde niemals ein gesundes, normales Volk werden können?" Wir kommen demnach zu dem Ergebnis, daß auch die dritte Beschuldigung gegen Achad Haam nicht zu Recht besteht. Er erscheint uns nicht als Prediger der Resignation und Selbstbeschränkung, den wir als unsern Peind zu betrachten hätten. * Wir gingen aus, die gegen Achad Haam gerichteten Anklagen nachzuprüfen und fanden, daß für die zahlreichen Kleinbürger in den zionistischen Reihen, welche „in ihrer Goluspsychologie" die „Utopie von einem geistigen Volkszentrum ernst nehmen", kein zureichender Grund gegeben sein dürfte, nunmehr ihren „volksfeindlichen" Standpunkt zu verlassen. Ja, ihre Hartnäckigkeit könnte sogar durch die Beobachtung noch verstärkt werden, daß die Lehre Achad Haams teilweise bereits in den obersten Schichten der offiziellen Programmzionisten Wurzel gefaßt hat. Ich denke vor allem an das in der jüdischen Presse allgemein als „Ereignis" bezeichnete Buch des Leiters des zionistischen Palästinaamtes und an die freudig begrüßte neuere Propagandaschrift der zionistischen Vereinigung für Deutschland.12) Unverhüllt tritt uns hier z. B. der Gedanke entgegen: „Der Zionismus kann nicht die wirtschaftliche, sondern nur die moralische Judennot beseitigen" (Ruppin, S. 297; Lichtheim, ganz ähnlich, S. 35 und 40 ff.), und unter der Hand verwandelt sich der Begriff der „Heimstätte" in den des „Kulturzentrums". Wo aber gegen den „Kulturzionismus" von den Autoren polemisiert wird, geschieht es in einer Weise, daß sich jeder Kulturzionist, der Achad Haams wahre Meinung kennt, dieser Polemik im wesentlichen selbst anschließen kann. Jedenfalls erscheint auch die neuerliche Warnung vor Achad Haam nicht geeignet, ihren Zweck zu ern) AI p. d. II, S. 25. 1 ■-) A. Ruppin, Die Juden d. Gegenwart und R. Lichtheim, Das Programm des Zionismus. Man vergl. auch den Haseler Vortrag Zollschans („Die Welt" 1911 Nr. 34). reichen. Zwar dürfte kein Achad-Haamist geneigt sein, blindlings auf alle Worte des Meisters zu schwören: sachlicher Kritik wird man ihn stets zugänglich finden. Weniger Erfolg verspricht dagegen — die Methode der Abschreckung. Siwan 5672. S c h e a r J a s c h u b. * * * Nachwort R„ L. Der Artikel von D. Pas man i k: „Staatsmännische und kleinbürgerliche Utopien" hat in unserer Organisation großes Interesse gefunden. Befinden wir uns doch in einem Prozeß fortschreitender Klärung der zionistischen Grundbegriffe, die keineswegs, wie manche Leute behaupten, von jeher klargestellt und nur von den „Theoretikern" umstritten waren. Es ist die erste Pflicht dieses Blattes, jenen Prozeß der Klärung zu fördern, und nur schwächliche Sentimentalität kann Anstoß daran nehmen, wenn zuweilen in der Debatte ein scharfes Wort fällt. Es ist besser, daß deutlich gesagt werde, was zu sagen ist, und zuweilen ist auch die Uebertreibung gut, weil sie, gleich der Zeichnung des Karikaturisten, das Charakteristische hervorzuheben strebt. So ganz ohne Sentimentalität soll auch der Meinungskampf ausgefochten werden, der sich an den letzten Aufsatz Achad Haams geknüpft hat. Wir bringen vorstehend eine Entgegnung auf Pasmaniks Artikel aus der Feder eines ausgezeichneten Kenners und Vertreters der Ideen Achad Haams. Unser eigener Standpunkt sei hier kurz angedeutet, damit kein Irrtum entstehe, aus dem unserem Blatt ein Vorwurf erwachsen könnte. Wir sagten, daß es unsere Pflicht sei, dem zionistischen Meinungskampf einen würdigen Turnierplatz zu schaffen, und es ist klar, daß ein Autor, den wir zu Worte kommen lassen, stets nur seine eigene Ansieht, nicht die der Redaktion vertritt. Wenn wir dem Artikel Pasmaniks ein besonderes Gewicht verliehen und ihn an der Spitze unseres Blattes gebracht haben, so geschah dies, weil dieser Artikel, ganz abgesehen von der Polemik gegen Achad Haam, einige Grundgedanken des Zionismus in allgemein verständlicher Weise hervorhob und so geeignet erschien, der Begriffsklärung im Zionismus zu dienen. Es mag wohl sein, daß Pasmanik nicht durchweg dem Standpunkt Achad Haams gerecht geworden ist, und deshalb haben wir die vorstehende Entgegnung publiziert. Auch wir sind der Ansicht, daß die verächtliche Gebärde, mit der hier und da von einigen Gesinnungsgenossen, die sich selbst den Titel „politische Zionisten" verliehen haben, die Meinung Achad Haams abgefertigt wird, nicht am Platze ist. Auch wir sind der Ansicht, daß die zionistische Organisation Achad Haam D a n k schuldet, weil er dem zionistischen Denken viel gegeben hat und weil alle, die vom Zionismus etwas verstehen, auch von Achad Haam gelernt haben. Seine Idee des „geistigen Zentrums" und der Rückwirkung dieses Zentrums auf die Diaspora hat viele Irrtümer, die mit den Schlagworten „Charter" und „Großkolonisation" verbunden waren, korrigiert. Dennoch will es uns scheinen, als ob zwischen dem Zionismus, wie wir ihn verstehen, und der Anschauung Achad Haams ein Unterschied ist, den auch der vorstehende Artikel erkennen läßt. Das nationale Wollen, das nach nationalen Zielen drängt, ist uns nicht eine verschwiegene Sehnsucht, sondern es ist uns zum politischen Pro;