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Die Welt · 1912-06-21 · 25 (21.6.1912) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
25 (21.6.1912)
Date
1912-06-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
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746 DIE] wenn die Juden überall als besondere Nation anerkannt würden und nationale Rechte zugebilligt bekämen, wäre in praxi nicht viel gewonnen. Denn als Minorität könnten wir unser Volkstum inmitten einer fremdnationalen Majorität doch unmöglich zur Genüge entfalten. „Nachdem wir überall nur die kleinste nationale Gruppe bilden, wie könnten wir da hoffen, daß wir eines Tages imstande wären, in Europa unser nationales Leben i n voll e m U m f a n g e zu führen?" Deshalb allein erweist sich schon der ,,geistige Nationalismus" unhaltbar und muß durch den Zionismus überwunden werden. Auf dieser dritten Stufe müssen wir danach streben, „daß auch wir in einem Lande unter dem Himmel die „Majorität" ausmachen; in einem Lande, auf das wir zweifellos und ohne daß erst ein Beweis dafür nötig wäre, historisches Anrecht besitzen, und in dessen historischer Atmosphäre sich unser nationales Leben unserer Eigenart gemäß in Wahrheit entwickeln kann, ohne sich auf einzelne begrenzte Gebiete beschränken und einengen zu müssen". Ein derartiges Zentrum wird dann, wie man hoffen darf, auf die Diasporajudenheit entsprechende Wirkungen ausüben/') Womöglich noch deutlicher drückt sich Achad Haam in „Techijath Haruach" aus. Dort heißt es: Vereinzelte Zionisten geben zu, daß die geistige Judennot inicht weniger schlimm und gefährlich ist als die leibliche „und deshalb eine „gesicherte Heimstätte" für den Geist unseres Volkes uns ebenso nottut, wie eine solche für die Massen der Emigranten. Jene Zionisten meinen aber, die beiden Ziele, das geistige und das materielle, ließen sich auf einem Wege erreichen. Indem wir nämlich bemüht seien, in Palästina eine normale, wohlgeordnete Siedlung zu schaffen, errichteten wir eben dadurch die natürliche Grundlage, welche für die geistige Wiedergeburt dort vonnöten ist; eine Grundlage, ohne die jenes von uns erstrebte geistig-nationale Zentrum kernen Halt und Bestand haben kann." „Und in der Tat", fährt Achad Haam fort, „kein Mensch kann behaupten, daß die materielle Kolonisation gar keine Beziehung zu unserer geistigen Frage habe, und daß es möglich sei, für die letztere vollkommen die Lösung zu finden, ohne die Hilfe jener (der materiellen Kolonisation). Umgekehrt verhält es sich nach meiner Meinung! Die ganze materielle Kolonisation — ob es die Kolonisatoren selbst merken oder nicht — dient nur dazu, die Grundlage für das geistige, nationale Zentrum zu liefern, das in Palästina erstehen wird. . ." Nur dagegen ist Verwahrung einzulegen, daß man meint, sich den Arbeiten, welche die geistige Wiedergeburt verlangt, entziehen zu dürfen und ruhig zu warten, „bis sie von selber kommt, wenn die materielle Kolonisation hinreichend ausgebaut und vervollkommnet ist". Dieses „hinreichend" ist freilich ein großes Wort. Sogar hundert Ackerbaukolonien wollen noch nicht viel bedeuten. Soll das geistige Zentrum seine Aufgabe erfüllen, so muß es eine solche Größe und Vollkommenheit haben, „daß es alle Zweige des Lebens umfaßt und in ihnen überall neue Bedürfnisse schafft und neue Mittel zu ihrer Befriedigung". Daher „müssen wir den Strick an beiden Enden anfassen".10) Was hier mehrfach ausführlich erörtert wird, findet sich in dem „Haschiloach"-Artikel wiederholt angedeutet: Achad Haam betrachtet das Zentrum keineswegs schon als vorhanden. Erst in den Anfängen wächst es empor. „Noch ist allerdings der Weg zum Ziele sehr :') AI p. d. II, S. 64/65. l") A. a. O. II, S. 129/130. gELT - Nr. 25 weit — lesen wir einmal —, aber man kann es schon mit bloßem Auge am Ende des Horizontes in der Ferne erschauen." (S. 279.) Oder ein andermal: Man hat den Eindruck, als lebe man in Palästina „in einer andern Welt, in der Welt der fernen Vergangenheit oder der fernen Zukunft". Und man sagt sich: „Wenn es jetzt so ist, wie wird's erst sein, wenn die Kolonien zunehmen und ihre Form sich vervollkommnet?" (S. 288.) Mir scheint nach alledem die zweite Anklage gegen Achad Haam in keiner Weise haltbar und auf einer mangelhaften Kenntnis oder wunderlichen Verkennung der inhaltlichen Beschaffenheit seines Gegenwartsideals zu beruhen. Kommen wir zur letzten Beschuldigung. Achad Haam will uns ihr zufolge auf Grund seiner Beobachtungen in Palästina beweisen, „daß wir immer nur vereinzelte Kolonien besitzen werden, deren Einwohner keine echten Bauern und deren Arbeiter keine echten Lohnarbeiter sein werden". Er übersieht, daß die Entwicklung hierin Wände1 schaffen muß. „Wer den jetzigen Zustand der Kolonisten ... in alle Ewigkeit hineinprojiziert, der hat keine blasse Ahnung von wirtschaftlicher Entwicklung." Diese Entwicklung muß aber durch eifrige Tätigkeit gefördert werden. Die „praktische Arbeit" der Zionisten und ihr Ergebnis war bis jetzt deshalb so geringfügig, weil ihr „die stille Resignation unserer großen Masse" entgegenstand. „Und von diesem Standpunkt aus müssen wir sagen: Auch Achad Haam predigt unserem Volke Resignation und Selbstbeschränkung, auch er redet unserm Volke ein, es werde niemals ein gesundes, normales Volk werden können." Zunächst sei auf einige Einzelheiten hingewiesen. Achad Haam behauptet nicht ohne weiteres, „daß wir immer nur vereinzelte Kolonien besitzen werden, deren Einwohner keine echten Bauern und deren Arbeiter keine echten Lohnarbeiter sein werden". Er bestreitet lediglich die Möglichkeit, durch unsere praktische Arbeit, wie wir sie vorläufig leisten können, dem ganzen Land oder seinem größten Teile die „Geulah" zu bringen und bestreitet ferner, auch aus psychologischen Gründen, die Möglichkeit, eine arme ländliche Bevölkerung aus Bauern und Landarbeitern von primitivem Typus, welche die ganze gröbste Arbeit verrichtet, in Massen anzusiedeln, in wirklichen Massen, wie sie eine eigentliche „Heimstätte" für ein Volk als Grundlage braucht. Weiterhin erscheint nach dem, was bisher ermittelt wurde, auch die Zurechtweisung recht überflüssig: man dürfe den jetzigen Zustand der Kolonisten nicht „in alle Ewigkeit" hineinprojizieren. Für unsere gegenwärtige Absicht sind jedoch derlei Einzelheiten irrelevant. Es kommt uns auf das eigentliche Wesen der Anklage an: Achad Haam predige „unserem Volke Resignation und Selbstbeschränkung" und rede ihm ein, „es werde niemals ein gesundes, normales Volk werden können". Zieht Achad Haam wirklich solche Folgerungen aus seinem Urteil? Er weist darauf hin, daß der Weg zu dem von ihn? gemeinten Ziel noch sehr weit ist, daß es noch viel quantitativ und qualitativ auszubauen gibt; er wünscht „von ganzem Herzen", daß der Nationalfonds seine von korrekten Programmzionisten freilich angreifbare Tätigkeit in Palästina ruhig fortsetze („Haschiloach" a. a. O., S. 288) und meint: „Das Ziel, welches in Wahrheit mit dieser (gegenwärtigen) Arbeit verbunden ist und durch sie erreicht wird, erscheint sogar schon an und für sich groß und schön genug, um das Herz mit „Ent-

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