Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 25 (21.6.1912)
- Date
- 1912-06-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 25 DIEE&ELT 745 Achad Haams an der gegebenen Wirklichkeit orientiert? Oder sie bedeutet: Ist das Urteil Achad Haams über die unmittelbaren Ergebnismöglichkeiten der gegenwärtigen praktischen Palästinaarbeit an der gegebenen Wirklichkeit orientiert? In ihrer letzten Bedeutung ist die Frage tatsächlich zu bejahen. Der ganze, oft erwähnte „Haschiloach"- Artikel will lediglich das Urteil zum Ausdruck bringen, welches sich Achad Haam über die wahrscheinlichen unmittelbaren Ergebnisse der gegenwärtigen und in absehbarer Zeit allein möglichen zionistischen und sonstigen Palästinaarbeit im Lande gebildet hat, und zwar auf Grund der dort von ihm beobachteten Tatsachen und Vorgänge. Worin besteht aber die Unrichtigkeit eines derartigen Verhaltens? Auch mir scheint, daß man die Erfolgsmöglichkeiten eines Unternehmens vor allem nur aus dem Wesen des Unternehmens selbst unter gleichzeitiger Berücksichtigung der entsprechenden realen, es begünstigenden oder hemmenden Faktoren beurteilen kann, wofern man die allgemeine Gültigkeit des Kausalitätsgesetzes anerkennt. Anders steht es mit der Frage in ihrer ersten Bedeutung, ob das nationalistische Ideal Achad Haams an der Wirklichkeit orientiert sei. Schon ein einziger seiner Aufsätze gibt hinlänglich Aufschluß: Konen wenabi". Das universal-ethische Ideal der Propheten, dessen „dauernder besonderer Träger" das jüdische Volk als Ganzes sein soll, bildet das echte jüdische Nationalideal. Es verlangt „die fortwährende Hinlenkung des praktischen Lebens nach der Seite der absoluten Gerechtigkeit, ohne jede Möglichkeit, jemals zum vollständigen Sieg zu gelangen." Aber selbst diese relative Realisierung kann nur durch eine wenigstens partielle Vereinigung und Zentralisation der Kräfte des jüdischen Volkes an einem Orte vor sich gehen, wo das letztere ein seiner Eigenart entsprechendes Leben zu führen vermag.<:) Gerade als Gegensatz zur Wirklichkeit stellt sich somit dieses Unendlichkeitsideal, wie wir uns kurz ausdrücken wollen, dar; gerade durch die imperativische Forderung (ihm gemäß sogar im Bewußtsein, niemals zum vollen Sieg zu gelangen), die Gegenwartswirklichkeit umzugestalten, wird sein Wesen mitbestimmt! An dem so erkannten historisch-nationalen „Endideal" des jüdischen Volkes gewinnt nun Achad Haam zu einem Teil die Orientierung für sein „Gegenwartsideal", welches freilich eben als solches, als nächstrealisierbares Strebensziel, zum anderen Teil die Berücksichtigung der gegebenen Wirklichkeit notwendig verlangt. Betrachtein wir den kurzen Aufsatz: „Hakongress hazioni harischon." Achad Haam macht ein schweres Bedenken gegen die rasche Errichtung einer „Heimstätte" für das jüdische Volk geltend. Er fürchtet, „das nationale Ideal" möchte, selbst wenn sonst alles gut ginge, auf diesem Wege nicht erreicht werden. „Unmöglich kann sich das jüdische Volk damit zufriedengeben, daß es zu guter Letzt, nach Jahrtausenden voll unsagbarer Leiden und Unbilden, auf die Stufe eines kleinen niedrigen Völkchens gelangt", dessen politischer Bestand auf dem unsicheren Grunde diplomatischer Kunststücke beruht und von dem wechselnden Wohlwollen der Großen abhängt. „Unmöglich kann sich das uralte Volk, welches das Licht der Völker war, an so Kleinem genügen lassen." Sein historisches Nationalideal enthält als wesentlichen Bestandteil den Ge- G) AI par. der. 1, S. 184. Vgl. auch „Schinuj Haarachin" a. a. O. II, und „Möschen" a. a. O. III. danken der allmenschlichen sittlichen Vollkommenheit; und ihm gemäß kann Israel auch in der allergesichertsten eigenen Heimstätte erst dann endgültig Ruhe finden, „wenn die ewige Gerechtigkeit den Thron bestiegen hat und das Leben der Völker und Staaten beherrscht". Infolgedessen muß unser Bestreben vor allem dahin gehen, unser verlorenes nationales Einheitsbewußtsein zu wecken und zu stärken, uns auf ein freies, ehrenvolles Eigenleben durch innere Selbstbefreiung vorzubereiten, das historische Nationalideal wieder in uns zu beleben.7) Zu diesem Zwecke brauchen wir, wie Achad Haam an verschiedenen Stellen immer wieder erklärt,*) die Schaffung eines geistigen Zentrums in unserer historischen Volksheimat. Zugleich der leiblichen Judennot eine wesentliche Abhilfe zu bringen, vermag es vorläufig freilich nicht. Ist aber einmal die Judentums not behoben, dann wird es an der Zeit sein, das nächste „Gegenwartsideal" aufzustellen. Wir sehen, daß die zweite Bedingung, die wir prüfen wollten, ebenfalls nicht erfüllt ist. Das Endideal Achad Haams ist im Sinne des prophetischen Unendlichkeitsideals entworfen, sein Gegenwartsideal bestimmt sich dessen Begriff gemäß aus jenem Endideal und aus der gegebenen Wirklichkeitslage zusamm e n. Wo aber das unmittelbar zu erwartende Ergebnis der Gegenwartsarbeit beurteilt werden soll, geschieht es unter Beachtung des Verhältnisses zwischen Wirkung und Ursache. Hatte der erste Vorwurf dem inneren Werte des von Achad Haam aufgestellten Ideals gegolten, so wendet sich der zweite gegen seine inhaltliche Beschaffenheit. Nach Achad Haam, heißt es, „besitzen wir schon jetzt in Palästina ein geistiges jüdisches Zentrum mit nationalen Schulen, nationaler Sprache und Literatur, und damit eine Quelle zur Gesundung der jüdischen Volksseele". Aber „welches Gehirn kann eine solche Utopie ersinnen?"' Ein geistiges Volkszentrum muß „auf einer normalen sozialen Basis" ruhen. „Nationale Kultur ist nicht bloß die Sprache, die Schule und das Buch, sondern das Individuelle in allen Lebenserscheinungen des Volkes." Wir müssen in Palästina „eine wirtschaftlich gesunde und selbständige jüdische Masse, die ein kompakt-soziales Leben führt, zusammenbringen". Bleibt „das Judentum in Palästina immer eine zusammenhanglose Minorität", dann „ist es auch mit unserem geistigen Zentrum aus". Auch das Gymnasium und der Bezaiel sind vorerst nur von außen unterhaltene Kunstprodukte. „Was sich selber nicht halten kann, muß mit der Zeit verschwinden oder degenerieren". Lassen wir alles Nebensächliche beiseite, um gleich auf den Kern der Beschuldigung zu kommen. Denkt sich Achad Haam das geistige Zentrum wirklich bloß aus „Sprache, Schule und Buch" bestehend, ohne jede normale, soziale Basis? Der II. Band von AI paraschath derakhim enthält eine Abhandlung unter dem Titel „Schalosch madregoth". Hier wrird eine Dreistufentheorie über die Entwicklung des nationaljüdischen Bewußtseins aufgestellt und dabei der sogen, geistige Nationalismus Dubnows, nach welchem die nationale Autonomie der Juden in ihren europäischen Wohnländern angestrebt werden soll, als die zweite Stufe angesehen. Achad Haam unterzieht nun den Standpunkt Dubnows einer eingehenden Kritik. Selbst ") AI p. d. III, S. 53. s) Vgl. außer den bereits zitierten Stellen z. B. noch die 2. Vorrede zum I. Bande von AI p. d.