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Die Welt · 1912-06-21 · 25 (21.6.1912) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
25 (21.6.1912)
Date
1912-06-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
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" iii?•• i nm 744 DIEEaEELT: Nr. 25 » Ii Unter zwei Bedingungen wäre die „Utopie" Ach ad Haams zweifellos „kleinbürgerlich" und beschränkt: wenn sie in Wahrheit als allerletztes Endziel der jüdisch-nationalen Regenerationsbewegungverkündet würde und wenn sie in Wahrheit die ganze Zukunft nur an der Gegenwart orientiert hätte. Um über den ersten Punkt Klarheit zu gewinnen, erscheint es ratsam, zunächst die grundlegende Auffassung Achad Haams vom Wesen des Ideals überhaupt in Betracht zu nehmen.1') Zwei Idealerlebnisse will er unterschieden wissen: das Endideal (ideal kizoni) und das provisorische oder G e g e n w a r t s i d e a 1 (ideal semani). Das Endideal ist „ein in weiter Ferne vor uns liegendes Ziel, dem wir zustreben, dessen Realisierung jedoch für die Gegenwart unsere Kräfte übersteigt". Es ist eine notwendige Bedingung für die geistige Entwicklung des Menschen, insofern es in ihm den Willen wachruft, unablässig und unermüdlich immer höher emporzusteigen. Seine praktische Bedeutung besteht darin, seinem Träger „wie ein von weitem her strahlender Stern den ganzen künftigen Lebensweg für einen Augenblick hell zu beleuchten, so daß er weiß, wohin er geht und wozu er sich abmüht." Hat jedoch das Endideal diesen Zweck erfüllt, dann soll man es in Latenz treten lassen: eine andauernde innere Beschäftigung mit ihm wäre nur vom Uebel. Denn sobald man mit seiner Verwirklichung beginnt, wird sein übergroßer Abstand von der gegebenen Wirklichkeit kenntlich, und die ständige Vergegenwärtigung des allzufernen Ideals muß bewirken, daß die praktische Realisierungsarbeit, die naturgemäß immer nur in geringem Maße den Abstand vermindern kann, zuletzt aussichtslos erscheint und ganz aufhört. So empfiehlt es sich für den Erlebenden, in der durch das Endideal vorgezeichneten-Richtung einen Punkt zu wählen, welcher ihm v o r 1 ä u f i g gerade noch als erreichbar zu gelten vermag, und von dem aus er nachher, nach seiner Erreichung, in derselben Weise fortschreitet. Auf solche Art entsteht jeweils ein G e g e n w a r t s ideal, das stets gewissermaßen eine Station auf dem Wege zum Endideai bildet. Genau im Sinne dieser Theorie ist nun die Konzeption des „geistigen Zentrums" gehalten. Sehr unmißverständlich wiederholt Achad Haam fortwährend die wahre Meinung. Begnügen wir uns mit ganz wenigen Stellen. Besonders eingehend wird das Thema in „Dr. Pinsker umachbarto" behandelt. „ . . . Was uns vor allem fehlt", heißt es hier einmal, „dies ist ein fester Ort als geistig nationales Zentrum, welcher eine „gesicherte Heimstätte" . . . für das Judentum . . . sein soll, an dessen Ausgestaltung sich alle Juden in allen Ländern der Diaspora beteiligen sollen." Nachdem auf solchem Wege deren gegenseitige geistige Annäherung erfolgt ist, wird durch die gemeinsame Arbeit und später auch „durch die Einwirkung des Zentrums auf sämtliche Punkte der Peripherie in allen Herzen eine Wiederverjüngung des nationalen Geistes und die Wiedererstarkung des Gefühls der nationalen Einheit sich vollziehen." Freilich wäre es viel besser, wenn in Palästina mit der Juden t u m s frage zugleich die Juden frage ihre Lösung finden könnte. Aber „mit tiefem Schmerze müssen wir konstatieren, daß für diese Lösung die Stunde noch nicht gekommen ist". Und deshalb, weil „die Stunde noch nicht gekommen ist", müssen wir die Frage: „Palästina für das Judentum oder für die Judenheit?" also beantworten „Zuerst für das Judentum, und die Judenheit wird nachkommen."3) Aehnliches lesen wir in „Techijath Haruach". Weshalb, fragt Achad Harn, nimmt der neue (Herzische) Zionismus das Beiwort „politisch" an? „Auch vorher war ja der Zionismus als ferne Zukunftshoffnung seinem Wesen nach „politisch", insofern diese Hoffnung, nämlich im Laufe der Zeit in Palästina zu voller Freiheit hinsichtlich der nationalen Lebensführung zu gelangen, dem Zionismus notwendig von Anfang an zugrunde liegen muß als eine Bedingung, ohne welche die freie und vollständige Entwicklung des nationalen Wesens überhaupt nicht vorgestellt werden kann."!) Ebenso lautet eine Stelle in „Hakongress hazioni harischon". Der Zionismus hat hiernach vorläufig nur ein moralisches Ziel: die innere Befreiung von der Assimilation, die Stärkung des nationalen Zusammengehörigkntsbewußtseins usw., ^b'is wir geeignet und vorbereitet sind, ein Leben in Ehre und Freiheit zu führen — in der Zukunft". >) Derselbe Grundgedanke findet sich — in dem „Haschiloach"-Artikel selbst, welcher die ganze Anklage gegen Achad Haam hervorgerufen hat. Dort stoßen wir auf Aeußerungen folgender Art: „DL Hoffnung auf die zukünftige Erlösung (Oeulah) ist eini dauernde, nationale Hoffnung, welche auch jetzt 'noch im Herzen eines jeden nationalgesinnten Juden lebt, sei es in religiöser oder in irgendeiner anderen Form. In welcher Weise sie sich verwirklichen wird, mag sich jedei nach Belieben vorstellen, ohne daß er sich dabei um dk gegenwärtige Wirklichkeit viel zu kümmern braucht. Wei kann wissen, was im Schoß der fernen Zukunft schlum mert?" Wer dagegen praktisch arbeiten will, muß mi: den vorliegenden Tatsachen rechnen und sich klarmachen, in welchem Verhältnis seine Arbeit zu dem beabsichtigten Zwecke steht. Betrachtet man in diesem Sinne die heutig' Palästinaarbeit, so findet man, daß sie zur Schaffung eines geistigen Zentrums führen kann, das jetzt scho> in seinen ersten Anfängen emporwächst. „So nimm dann der Gedanke der Geulah den ihm gebührenden Platz ein: er rückt an die Stelle einer Lieblings h Öffnung, für die noch nicht die Zeit gekommen ist, in welcher sie als praktisches T ä t i g k e i t s z i e 1 zi gelten vermöchte.",;) Arn Schlüsse des Artikels wirc abermals gesagt: Die Frage nach dem „Später", nacl dem, was dann geschehen werde, wenn das in seine Verwirklichung selbst noch recht ferne Ziel eines geistige! Zentrums erreicht sei, braucht uns vorerst nicht zu bc schäftigen. Die „später" lebende Generation wird dn. i h r gestellte Aufgabe zu lösen wissen. Aus .alledem gewinnt man den Eindruck, daß di erste der oben formulierten Bedingungen, unter denei die „Utopie" Achad Haams beschränkt-kleinbürgerlicl wäre, nicht erfüllt ist. Das geistige Zentrum bedeute ihm nicht das nationale Endideal, sondern ein für absei; bare Zeit gültiges Gegenw artsideal; die nächste, abv immer noch sehr ferne Station auf dem Wege zum letzte: Ziel: der „Geulah". Wie sieht es mit der zweiten Bedingung aus? Br stimmt sich für Achad Haam in Wahrheit die Zukun1 allein aus der Gegenwartswirklichkeit? Die Frage kann in doppeitern Sinne verstanden wer den. Sie kann meinen: Ist das nationalistische Idea S. 28/29. -) AI paraschath derakhim II, S. 9/10.;') Vgl. auch AI par. der. ') A. a. O., S. 113. *) A. a. O. III, S. 53. <5) „Haschiloach" 1912, Nr. 3, S. 286/87.

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