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Die Welt · 1912-06-21 · 25 (21.6.1912) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
25 (21.6.1912)
Date
1912-06-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 25 DIEX&ELT 743 Parteien stellten nämlich den Antrag-, die Duma sollte mit Rücksicht auf die neuesten Enthüllungen Brasuls und Krassowskis in eine Besprechung der vor einem halben Jahre eingebrachten Interpellation der rechten Parteien betreffs des Kiewer Knabenmordes eintreten. Die Rechte mußte diesem Antrag, der ihr eigentlich sehr wider den Strich ging, notgedrungen zustimmen, und so wurde denn die Beratung der betreffenden Interpellation auf die Tagesordnung einer der lächsten Sitzungen gestellt. Eine deutsche Beschwerde gegen die Behandlung jüdischer Handelsreisender in Rußland Mehrere deutsche Handelskammern haben beim Berliner uiswärtigen Amte gegen einen Erlaß des Gouverneurs von Petrikau Beschwerde erhoben, der den jüdischen Handelsreisenden zu den bisherigen Beschränkungen eine neue, den bestehenden Handelsverträgen direkt widersprechende auferlegt. Bekanntlich muß vor jeder Abreise von Rußland nach dem Auslande der Paß mit einer Bescheinigung der russischen Polizei des letzten Aufenthaltsortes versehen werden darüber, daß dem Reisepaßinhaber der Austritt aus Rußland gestattet ist. Nach einem ganz willkürlichen Erlaß des Gouverneurs von Petrikau, in dessen Amtsbezirk die großen Industriestädte Lodz, Czenstochau und Sosnowice gelegen sind, werden jüdischen Kaufleuten diese Bescheinigungen erst dann erteilt, wenn diese die russische Gewerbesteuer von 150 Rubel 025 Mark) pro Jahr bezahlt haben. Von christlichen Reisenden wird dagegen eine derartige, ganz ungesetzmäßige Steuer überhaupt nicht verlangt, während jüdische Reisende in jedem! all die Steuer bezahlen müssen, auch wenn sie in Rußland elbst keinerlei Geschäfte betreiben. Bisher sind die erwähnten Beschwerden der Handels- .ainmern ganz erfolglos geblieben. Aegypten im Jahre 1911 Der erste Bericht Kitcheners, der 1911 zum Nachfolger es verstorbenen Sir Eldon Gorst ernannt wurde, über seine ätigkeit als englischer Generalkonsul in Aegypten ist eben rschienen. Wie allseitig erwartet, genügte das bloße Erheinen des eisernen Siegers von Omdurman im Lande, mi die in den letzten Jahren mit großer Heftigkeit ■entnannte jungägyptische Agitation verschwinden zu lassen und ns Land trotz der unmittelbaren Nachbarschaft des tri politischen Kriegsschauplatzes in völliger Ruhe zu halten. Aber wie der ganze Stab seiner ägyptisch-sudanesischen Schule ist Kitchener nicht in erster Linie Militär, sondern Administrator Landwirt, Sozialpolitiker, Schulmann, Hygieniker und vor allem Kaufmann in einer Person. Man hat das Gefühl, als ob die erheblichen Schwierigkeiten, unter denen der ägyptische Baumwollanbau in den letzten Jahren gelitten hat, durch die Energie der leitenden Persönlichkeit wenigstens prinzipiell als beseitigt anzusehen wären; das von der Versalzung und Versumpfung bedrohte nördliche Delta wird in großzügigster Weise drainiert, der Kampf gegen den Baumwollwurm fast militärisch organisiert, während der gefährlichsten Wochen muß in einzelnen Gegenden die gesamte Polizei und Verwaltung zur Unterstützung der Fellachen auf die Felder. Unsere palästinensischen Kolonisten seien wiederholt auf alle detaillierten Maßregeln verwiesen, die die ägyptische Regierung zur Hebung der Landwirtschaft trifft; sie sorgt für sorgsamste Auswahl der Baumwollsaat, die sie dem Fellachen selbst liefert, führt gute algerische Dattelarten ein und schützt die Orangenbäume gegen Insekten. Ein glänzendes Zeugnis für die englische Verwaltung in Aegypten ist es auch, daß es gelang, die Cholera 1()11 von Aegypten, das von allen Seiten, insbesondere von den Mekkapilgern bedroht war, völlig fernzuhalten, und daß energische Maßnahmen ein Ueberhandgreifen der in Oberägypten endemischen Pest bisher verhütet haben. Dem Sudan scheint es noch besser zu gehen wie Aegypten. Der Mahdi-Aufstand hatte die Bevölkerung von 1SS4-1Sl)8 von 9 Millionen auf 2 Millionen Menschen heruntergedrückt; jetzt haben sie sich auf 3 Millionen vermehrt, und Kitchener rechnet binnen 5 Jahren auf eine weitere Verdoppelung auf b Millionen, da jetzt die unter der englischen Herrschaft geborenen Kinder in Produktion treten. Sobald die neuen Bewässerungsanlagen im Sudan vollendet sein werden, ist dort fruchtbarster Boden in Hülle und Fülle verfügbar. Der ganze Bericht zeigt wiederum, was sich unter guter Verwaltung aus den fruchtbaren Ländern des Orients machen läßt, und er erinnert uns für unseren Teil daran, daß deren Wiedergewinnung für die Kultur die w ichtigste Aufgabe unseres Jahrhunderts ist. Dr. H. G. H e y mann. Ein Volksfeind Achad Haam bleibt allezeit der Mann des Streites nd des Zankes. Als er vor Jahren schlimme Kunde us Palästina brachte, da erschien er als ein Feind des olkes und Störer des Werkes der nationalen Wiedereburt. Jetzt bringt er frohe Botschaft aus dem Lande er Väter — und wieder hören wir den Ruf: Achad iaam gehört zu unseren Feinden! Achad Haam geihrdet unser hohes Zukunftsideal und schwächt den Uit der Schaffenden!1) Es ist notwendig, die Anklagen, welche dergestalt egen Achad Haam neuerdings erhoben werden, auf hre Berechtigung hin genauer nachzuprüfen. Und zwar leshalb, weil „in den zionistischen Reihen ziemlich viel Kleinbürger vorhanden sind, die in ihrer Goluspsychoogie" Achad Haams „Utopie", mit welcher „wir sicher ugrunde" gehen, „ernst nehmen" und von denen zu befürchten steht, daß sie ihren „volksfeindlichen Standpunkt" erst dann zu verlassen geneigt sein möchten, wenn hnen jene Utopie der Beschränktheit" als verhängnisx) D. I\a s m a n i k , Staatsmännische und kleinbürgerliche Utopien. „Die Welt" Nr. 21. voller Irrtum und schwere nationale Gefahr unwiderleglich bewiesen ist. * Achad Haam, so lautet die erste Beschuldigung, sucht die gewaltige „staatsmännische Utopie" Herzls durch eine beschränkt „kleinbürgerliche" zu ersetzen. Herzl schuf „die Utopie von der raschen Regeneration des jüdischen Volkes im Lande der Väter": ein Ziel, das vielleicht niemals ganz, sondern stets nur annähernd erreicht werden kann, dessen Größe aber gerade darin besteht, daß es, auf die fernste Zukunft gerichtet, jeder beliebigen Gegenwart die weitere Entwicklungsbahn vorzeichnet. Demgegenüber bildet nun Achad Haam die „Utopie von einem geistigen Volkszentrum", welches „die zerstreuten Teile unseres Volkes geistig zusammenkitten und dem jüdisch-nationalen Leben wieder zuführen" soll. Ein solches Zentrum „besitzen wir schon jetzt in Palästina" nach dem Eindruck, den Achad Haam soeben im Lande gewonnen hat, und damit begnügt er sich. Seine Utopie „kennt nur die Gegenwart und will aus ihr die ganze Zukunft bestimmen."

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