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Die Welt · 1912-06-21 · 25 (21.6.1912) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
25 (21.6.1912)
Date
1912-06-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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742 DIE^ELT Nr. 25 i ' ,,Kulturarbeit44) wurden in den einzelnen Ortsgruppen, sowie in den österreichischen zionistischen Organen lebhaft diskutiert. Am wichtigsten ist wohl das Referat über den „Ausb a u d e r O r g anisation", das von Gg. Dr. Ehrlich erstattet wird. In seinen Vorschlägen wird den Bedürfnissen der Provinz vollauf Rechnung getragen. Prinzipielle Auseinandersetzungen über programmatische Grundfragen dürften nach der gründlichen Brünncr Aussprache diese Tagung nicht belasten und so ist zu hoffen, daß sie fruchtbare Arbeit leisten wird. Noch einmal der Ansiedlungsrayon (Von unserem Berichterstatter.) O d e s s a. Anderthalb Jahre sind es her, seitdem die Reichsduma den Initiativantrag auf Aufhebung des Ansiedlungsravons der „Konimission für die Unverletzlichkeit der Persönlichkeit" überwiesen hat, mit dem strikten Auftrage, im Laufe eines Monats dem Plenum einen motivierten Bericht über die Angelegenheit zu unterbreiten. Dieser Monat und siebzehn andere Monate waren verstrichen, ohne daß die maßgebende Partei der Oktobristen Gelegenheit genommen hätte, zu dieser wichtigen Frage Stellung zu nehmen und ohne daß die Duma sich veranlaßt gesehen hätte, die saumselige Kommission an ihre Pflicht zu mahnen. Die lieben Freunde von rechts waren rücksichtsvoll genug, um nicht zu sehr auf die Behandlung der für die pseudokonstitutionelle Augenblickshascherpartei unbequemen Angelegenheit zu dringen, trotzdem sie selbst nicht übel Lust hatten, die Vorlage ohne Aufschub zu behandeln, um sie sofort zu Falle zu bringen. Die jüdischen Abgeordneten haben ihrerseits gleichfalls eine abweichende Stellung eingenommen, da sie von der dritten Duma überhaupt, und seit der Ermordung Stolypins insbesondere, nichts gutes erwarten durften. In jüdischen Kreisen hat man sogar mit großem Bangen den Augenblick erwartet, wo es den Herren Patrioten gelungen sein würde, die Behandlung und Erledigung der Ansiedelungsvorlage durchzusetzen. Im letzten Augenblick haben sich nun die Dinge geändert. Die Oppositionsparteien, die die letzten Wochen der dritten Duma ausschließlich dazu benutzen, um im Lande zu den bevorstehenden Wahlen in die vierte Duma für sich Stimmung zu schaffen, beschlossen die Herren Oktobristen zu zwingen, in der Frage der jüdischen Freizügigkeit offen Farbe zu bekennen. Es mag dahingestellt bleiben, ob und inwiefern sich die oppositionellen Abgeordneten zu ihrem Vorgehen von den Interessen der jüdischen Bevölkerung haben bestimmen lassen. Tatsache ist aber, daß sie vor einigen Tagen im Plenum der Reichsduma die auffallende Saumseligkeit der betreffenden Kommission zur Sprache brachten und schließlich den Antrag stellten, die Kommission möge angehalten werden, innerhalb acht Tagen zu einem bestimmten Beschlüsse zu kommen und im Plenum darüber Bericht zu erstatten. Zum großen Aerger der Oktobristen, die sich gerne auch fürderhin in Dunkel hüllen möchten, wurde nun dieser Antrag angenommen. Die geschmeidigen Herren wußten sich indes auch diesmal Rat. Zu der bald darauf anberaumten Sitzung der Kommission waren von ca. '30 Mitgliedern sage und schreibe sechs erschienen. Ein erneuter Versuch zur Abhaltung einer Kommissionssitzimg scheiterte wiederum an dem unerschütterlichen Widerstand der Vertreter des Zentrums und ihrer Freunde. Den Funktionären der bezüglichen Kommission blieb also nichts übrig, als den Beschluß zu fassen, beim Plenum die Auflösung der Kommission und die Wahl einer neuen zu beantragen. Morgen soll nun das Plenum zu dieser Frage zurückkehren. Es wird sich dann zeigen, ob es den oktobristischen Taschenspielern wieder einmal gelingen wird, die Entschei dung ad calendas graecas zu verschieben, oder ob es nicht vielmehr den Radikalen von rechts und links gelingen wird, die Duma zu zwingen, ein für allemal die endgültige Ent Scheidung zu treffen. — Das Ableben von Manasche Margotis Am Freitag, den 14. Juni verschied plötzlich der bekannte Schriftsteller Rechtsanwalt Manasche Margolis zu Odessa. Erst vor wenigen Wochen wurde in Odessa unter Beteiligung weiter Kreise sein fünfundsiebzigster Geburtstag gefeiert. -— Margolis war eine sehr rührige und tätige Natur, und mehr als ein halbes Jahrhundert wirkte er für das Wohl seines Volkes, wie er es verstand. Er zählte zu den tätigsten und einflußreichsten Persönlichkeiten der russischen jüdischen „Haskalah". Sein Programm, das er sein Leben lang in Wort und Schrift verfochten hat, lautete Aufklärung der jüdischen Massen und Anschluß derselben an die allgemein menschliche Kultur; Aufklärungsarbeit nach außen, die den Völkern und Regierungen die Ueberzeuguni von der Ungerechtigkeit der Judenverfolgungen beibringen soll; die Wissenschaft des Judentums im westeuropäischer: Sinne des Wortes. — Kurz, es war das Programm der deutschjüdischen Emanzipations-Kämpfer. Diesem naiven Programm blieb Margolis treu, auch nachdem im modernen Judentum die Regenerationsbewegung mächtig eingesetzt hatte, und deshalb war er auch ein heftiger Gegner dieser Bewegung. Daß M. eine Zeitlang im Odessaer Palästinakomitee mitgearbeitet hat, ja sogar sich um das Zustandekommen desselben große Verdienste erworben hat, war nicht mehr als eine zufällige Episode, ein historisches Mißverständnis. Im Grunde seines Herzens war er nie Nationaljude im modernen Sinne des Wortes, wenngleich er es schließlich wie selten jemand mit seinem Volke gut gemeint hat. Zu den Enthüllungen Brasul-Bi uschkowkys Großes Aufsehen erregen die Veröffentlichungen im konservativ-antisemitischen „Kiewljanin", aus denen hervorgeht, daß der eigentliche Entdecker der wahren Mörder des Knaben Justschinsky der frühere Kriminalbeamte Krassowski ist, der eine Zeitlang amtlich mit der Untersuchung der Mordaffäre betraut war, seine Nachforschungen aber nicht tendenziös in der gewünschten Richtung des „Ritualmordes4, betrieb und darum das Vertrauen seiner vorgesetzten Behörde verlor. In Gemeinschaft mit Brasul setzte er nunmehr seine Nachforschungen als Privatmann fort und gelangte zu den bereits bekannten überraschenden Ergebnissen. Die Redaktion des „Kiewljanin" gibt den Inhalt der zweiten Meldung Brasuls, bzw. Krassowskis, ausführlich wieder und bemerkt dazu, dit Ehre der russischen Rechtspflege erfordere, daß dieses von einem gewiegten Fachmann, einem gewesenen Geheimagenten der Polizei, gesammelte Material gewissenhaft nachgeprüft werde. Die Verteidiger des Angeklagten B e i 1 i s haben der Staatsanwaltschaft eine neue Eingabe überreicht, in der sk auf Grund der neuen Enthüllungen um eine Revision des schwebenden Prozeßverfahrens gegen Beilis bitten. Zugleich erneuerte der Verteidiger Margolin sein Gesuch um vorläufige Haftentlassung des Angeklagten Beilis gegen Erlegung einer angemessenen Kaution. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft gegen einen der Verteidiger Beilis', den Rechtsanwalt Grigorowitsch-Barski, das Disziplinarverfahren eingeleitet, weil er den Protest gegen die Ritualmordbeschuldigung mitunterzeichnet hatte. Die Kiewer Mordaffäre beschäftigte auch die Reichsduma in einer ihrer letzten Sitzungen. Die oppositionellen

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