Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1912-06-21 · 25 (21.6.1912) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
25 (21.6.1912)
Date
1912-06-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316514-3316539--56130-3349998
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 25 DIE30KELT 741 5 rä55Wy±r WELTCHRONIK o O Q^- o England und die russische Paßfrage (Von unserem Berichterstatter.) London. Wenn wir noch zweifeln konnten, wie sich die englische Regierung zur russisch-jüdischen Paßfrage stellen würde, so ist dies jetzt gelegentlich einer Anfrage im Parlament durch die Antwort Sir Edward Greys, des Ministers des Aeußern, klargestellt worden. Sir Edward verspricht wohl, daß einer jüdischen Eingabe in dieser Sache die volle Aufmerksamkeit der Regierung geschenkt werden wird, aber er stellt schon jetzt fest, daß verschiedene Schritte in der Paßfrage seitens der britischen Botschaft in St. Petersburg keinen Erfolg gehabt haben, und daß auch der britisch-russische Vertrag von 1859 keine Handhabe bietet. Solange englische Juden nicht schlechter als andere ausländische Juden in Rußland behandelt werden, hat, nach Sir Edward Grey, die britische Regierung kein Recht zur Klage. Aus dieser Antwort können wir ersehen, daß ein gemeinsames Vorgehen der Juden verschiedener Staatsangehörigkeit vielleicht doch die Paßfrage einer Lösung näherbringen könnte. Daß die Lauheit Sir Edward Qreys in der Paßfrage eben nur eine Frucht seiner russischen Politik ist, und keineswegs den allgemeinen englischen Standpunkt darstellt, ist eben durch lie Berufung des Generalstaatsanwalts Sir Rufus Isaacs in das •nglische Ministerium, sowie durch die Erregung wegen der Verurteilung der Katie Maledka zu vier Jahren Zuchthaus bestätigt worden. Die Auszeichnung Sir Rufus Isaacs hängt wohl damit zusammen, daß die höchste richterliche Würde, lie eben frei wurde, statt an ihn, an Lord Haidane, den Kriegsminister, vergeben wurde. Es wird anerkannt, daß Lord Haidane, ein sehr tüchtiger Advokat, als älterer Politiker in größeres Anrecht als Sir Rufus Isaacs auf den Posten les Lord-Kanzlers besitzt. Doch hat niemand daran Anstoß genommen, daß neben W. Herbert Samuel, dem Postninister, nun auch ein zweiter Jude im englischen Ministerium itzt. Die Proteste, die allerorts gegen die Behandlung der >\iß Malecka, der englischen Tochter eines naturalisierten ussischen Polen, an die englische Regierung gerichtet wurden, iahen viel dazu beigetragen, die englisch-russischen Belebungen einer strengen Kritik zu unterziehen. Das Ghetto im deutschen „Freisinn" (Von unserem Berichterstatter.) Wien. Am 13. Juni nahm der gemeinderätliche christlichsoziale ürgerklub die Nominierungen für den neuen Stadtrat vor. He schriftlichen Anträge der sozialdemokratischen und deutschi eiheitlichen Opposition, in welchen eine ihrer Stärke entprechende Zahl von Stadtrats- und Ausschußmandaten geforlert wurden, drangen nicht durch, was nach den bisherigen rfahrungen vorauszusehen war. Aber lehrreich war die Abtimmung doch. Die Forderung des judenreinen sozialdemokratischen Verbandes haben die Antisemiten mit 62 egen 46 Stimmen, die der liberalen Gemeinderäte, in deren Vlitte sich bekanntlich ein starker jüdischer Prozentsatz beendet — einstimmig abgelehnt. Soweit der Tatbestand, 'essen Eindeutigkeit jeden weiteren Kommentar überflüssig nacht. Nun bespricht aber das Haupt des deutschen Fortschrittes, Herr v. Dorn dieses traurige Ergebnis in der „Neuen Freien Presse" und fragt zum Schlüsse ganz verdutzt: „Sollen da konfessionelle Gründe mitgespielt haben?44 Der Leser, wrelcher ob dieser Frage in ein homerisches Gelächter ausbricht, oder Herrn v. Dorn zu dieser Naivität kondolieren möchte, sei rasch darauf hingewiesen, daß gleichzeitig das „Illustrierte Wiener Extrablatt" aus der Schule schwatzte, und folgende Mitteilungen von „authentischer fortschrittlicher Seite" publizierte: „Für die Mandate, auf welche die Fortschrittlichen aspiriert hatten, standen Männer in Bereitschaft, deren unz w eifelhaft arische A b s t a m m u n g den C h r i s 11 i c h s o z i a 1 e n j eden V o rw and zu e i ne r Ablehnung aus diesem Gesichtspunkte von vornherein n e h m e n in u ß t e." Herr v. D o r n möge also nicht nachträglich das dumme Bäuerlein spielen. Man hat vorher die ganzen Stammbäume des „Freisinns" überprüft und bei den Antisemiten mit Beruf un g darauf, d a ß m a n n ur d i e r e i n - rassigsten Arier präsentiere, um Mandate g e bettelt! Wahrlich: die „deutschfreiheitlichen Israeliten" kauern in einem schmutzigen, dumpfen Ghetto und die Herren jüdischen Gemeinderäte tragen den gelben Fleck. Zur Wiener politischen Konferenz Die bevorstehende jüdisch-politische Konferenz, die über Auttrag des III. westösterreichischen Zionistentages zu Brünn vom „jüdischen National verein für Oesterreich" einberufen wird, und am 30. Juni in Wien stattfindet, ist von besonderer Bedeutung. Sie hat drei Aufgaben: ein klares Bild von der gegenwärtigen Lage der österreichischen Judenheit zu »eben, die Richtlinien für die nationalpolitische Tätigkeit der nächsten Zeit festzusetzen und die Grundlagen für eine engere Fühlungnahme zwischen Residenz und Provinzen, sowie für eine großzügige Propagandaarbeit zu schaffen. Die Thesen des Gg. Dr. Kadisch, der gemeinsam mit Gg. Ob.-Ing. Stricke'* über das Thema: „Die politische und wirtschaftliche Lage der Juden und ihr Verhältnis zu den anderen Nationalitäten" zu referieren hat, wurden nach gründlicher Durchberatung im Ausschüsse des einberufenden Vereins akzeptiert und in der „Jüdischen Zeitung" veröffentlicht. Sie fußen auf dem politischen Krakauer Programm (an welchem bekanntlich die besten Köpfe unserer Bewegung in Oesterreich mitgearbeitet haben, und das in seinen Grundzügen trefflich ist), fixieren das Verhältnis der innerpolitischen Betätigung zum Zionismus, fordern die volle nationale Autonomie für alle österreichischen Völker und in Konsequenz dieser Forderung den Kampf um die Anerkennung der Juden als gleichberechtigte Nationalität als nächste und wichtigste Arbeit. Als Zelle der jüdischen Autonomie seien die Kultusgemeinden zu betrachten, weshalb deren Ausgestaltung zu Volksgemeinden angestrebt werden müsse. — Schließlich wird in den Thesen der modern-demokratische und national-jüdische Charakter der jüdischen Landespolitik betont. Auch die andern Punkte der Tagesordnung („Ausbau der Organisation", „Agitation und Presse", „Agitationsfonds",

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.