Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 25 (21.6.1912)
- Date
- 1912-06-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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740 DIE] soweit sie noch lebt, konsolidieren und sichern, sondern auch neue Erwerbsmöglichkeiten erschließen und tausende Herzen mit erneutem Arbeitsmute erfüllen könnte. Tugendhaft: Es ist die traurigste Seite der spezifisch österreichischen Judennot, daß wir mehr als in anderen Ländern moralisch gelitten haben. Der Nationalitätenkampf, der jähe Uebergang aus dem treujüdischen Ghetto in die assimilatorische, fremdvölkische „Freiheit" und nicht zuletzt die Lebensnot, haben uns arg zugesetzt. Wir verfügen leider über die ganza Skala jüdischer Selbstverachtung und Knechtsucht vom jüdischen Antisemitismus bis zur politischen Gaukelei und journalistischen Charakterlosigkeit, wie sie in Herzls „Mauschel"- Artikel gebrandmarkt sind. Die christlich-soziale Politik wurde mit jüdischem Gelde gemacht, Wiener Großjuden haben für Rußlands Pogrompolitik das Kapital aufgebracht, das Blutbad von Drohobycz haben Hausjuden des Polenklubs mitangerichtet. Unsittlich ist die Verfassung der jüdischen Großgemeinden, die auf dem Grundsatze „Der Reichste soll herrschen" beruht, unsittlich das Gebaren der assimilatorischen Judenpresse, u n - sittlich die Koalition von Baldgetauften und Wunderrabbinern im Dienste der polnischen Schlachta. Der Umstand, daß wir der Behandlung seitens der liebenswürdigen Wirtsvölker diese Spezialitäten der Lächerlichkeit und Gemeinheit zu danken haben, gibt noch keine Berechtigung, den faktischen Zustand zu verschleiern. Nur durch straffe Zusammenfassung und eiserne Führung der Volksgesamtheit, durch Kennzeichnein der Verräter, durch Erziehung und Aufklärung kann dem Uebel gesteuert werden. Wie die Sehnsucht nach Wiederherstellung der einstigen strahlenden Reinheit des Davidschildes der Urquell des Zionismus ist, so zwingt vor allem die Sehnsucht nach Befreiung des österreichischen Judentums aus der heutigen Schmach zur Innenpolitik. * Läßt sich das österreichische Judentum durch die angedeutete Arbeit derart zusammenfassen, einrenken und umwerten, daß es sich ebenso wie die anderen Reichsvölker normal ausleben kann? Nein!! Die Landespolitik sinkt zur Farce herab, wenn sie nicht aus dem Gesichtswinkel des allweltlichen Judenproblems gedacht und geführt wird. Ohne Repatriierung eines großen Teiles unseres Volkes kann man es nicht wieder „kriegstüchtig" im Sinne Herzls machen, ohne Rückführung zur Urproduktion auf eigener Scholle nicht „arbeitsfroh". Ohne daß man den Kern der Nation nach Palästina verpflanzt und gELT Nr. 25 so aus der gegenwärtigen Umgebung befreit, kann man die Rasse nicht verbessern und sie „tugendhaft machen". Die nationaljüdische Landespolitik arbeitet also nicht auf die Utopie los, innerhalb der schwarz-gelben Grenzpfähle die Judenfrage lösen zu wollen. Sie ist vielmehr in einem Nationalitätenstaate die einzig mögliche Plattform, jene großzügige Gegenwartsarbeit zu treiben, ohne die nach allgemeiner zionistischer Ueberzeugung die Heimstättenarbeit nicht gedeihen kann: „Nationalisierung und Schaffung der Siedlung in Palästina bedingen einander", wie Dr. Hantke auf dem XIII. Delegiertentag .der deutschen Zionisten sagte. Ein guter Prüfstein für die Berechtigung und Notwendigkeit unserer Innenpolitik ist auch der Ausspruch Ruppins: „Ein jüdisches Gemeinwesen in Palästina kann auf viele Jahrzehnte hinaus nur bestehen, wenn es an einem geschlossenen jüdischen Volke in Europa einen Rückhalt hat." In diesem Sinne ist die Landespolitik wichtige Z u - kunftsarbeit nicht bloß für die zurückbleibende Judenheit, sondern auch für den zur Tat gewordenen Zionismus. Wer von dieser Warte die jüdischnationale Landespolitik in Oesterreich betrachtet, wird wünschen müssen, daß sie alle Zionisten des Reiches zu ihren Mitarbeitern zählt und sich mit der am Brünner Zionistentage geäußerten und akzeptierten Ansicht, daß es dem Belieben des einzelnen überlassen bleibe, sich innerpolitisch zu betätigen oder nicht, keineswegs abfinden können. Es gäbe nur einen diskutablen Einwand: daß die sattsam bekannten österreichischen Parteiverhältnisse mit ihrer Skrupellosigkeit, Gunstbuhlerei, Sucht nach Augenblickserfolgen auch auf die zionistische Bewegung abfärben. Daß man nur bei Wahlzeiten die Wähler umschmeichelt, an die Stelle gewissenhafter Volksarbeit marktschreierisches Versammlungsphrasentum treten läßt, statt Einigung Partikularismus bewirkt, nach Mandaten hascht, statt reinlich zu scheiden — paktiert. Dann freilich würde nichts von dem erreicht werden, was oben als Sinn der Landespolitik gekennzeichnet wurde. Dann könnte auch die gute „rein-zionistische" Arbeit verschlampen und der Zionismus von einem Hurrah - Nationalismus der Wahlwochen erschlagen wrerden. Gegen solche Bedenken gibt es ein Mittel: jeder Zionist tritt in die Innenpolitik ein, macht sich mitverantwortlich und sorgt dafür, daß die Leitung der Politik in den Händen zionistischer Führer bleibt, die vor dem Forum unserer Kongresse Rechenschaft abzulegen haben. Dr. Otto Abel es. Unsere geehrten Abonnenten, deren Bezugszeit am 30. Jutll 1912 abläuft, bitten wir, die Abonnementserneuerung unverzüglich vorzunehmen, damit in der Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintritt. Den Beziehern in Deutschland und Oesterreich - Ungarn haben wir Zahlkarten bzw. Posterlagscheine zugehen lassen, die wir zur kostenlosen Uebeiweisung der Abonnementsbeträge zu benutzen bitten. Aus allen übrigen Ländern können die Abonnementsbeträge per Postanweisung, Schecks auj europäische Banken oder per eingeschriebene Briefe überwiesen werden. 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