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Die Welt · 1912-06-21 · 25 (21.6.1912) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
25 (21.6.1912)
Date
1912-06-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVI. JAHRG. BERLIN, 21. Juni 1912 nn\b£> y'Dnn 'X i^n 'l ,^13 Nr. 25. Die innerpolitische Betätigung durchführbar. Das Absterben ganzer jüdischer Erwerbsklassen irn böhmisch-mährisch-schlesischen Flachlande, die Unsicherheit des täglichen Brotes beeinträchtigen die Energie und den guten Willen auch der noch nicht Betroffenen. Es gibt kein zähes Ausharren mehr. Was bindet den kleinen Oekonomen, Landgeher, Holzverfrachter. Ladenbesitzer an seinen Beruf, wenn ihm morgen ein deutscher Volkstag oder ein tschechisches Trutzfest den Garaus machen kann? Wer stützt ihn in Tagen der Gefahr? Wer hilft ihm über Katastrophen hinweg, damit er auf der Scholle sitzen und weiterringen kann? Im jüdischen Wirtschaftsleben der Großstadt ist alles auf den Kopf gestellt. Der Kaufmann trägt seine Ausschußware mit sich herum und kriecht dem Kunden nach, anstatt daß der Kauflustige in sein Gewölbe kommt, das er längst sperren mußte. Der Gewerbetreibende macht Ratengeschäfte mit geborgten, fertigen Stücken, anstatt sie selbst zu arbeiten. An Stelle mutigen Händerührens ist verdrossenes Lauern auf mageren Profit getreten. Und erst in Galizien! Auf 1000 e r w e r b s t ä t i g e Juden entfallen 1922 erwerbslose (bei den Katholiken 757). Jeder Bau einer Wasserleitung nimmt ein paar Juden den Beruf, die bisher Wasserträger waren und nunmehr Luftproletarier werden. Alles dreht sich untätig und hungrig auf den Marktplätzen der Städtchen herum und wartet auf das nächste Kommissiönchen. Dabei hat sich gerade in Galizien gezeigt, daß sich der Jude — so verlassen er von aller Welt ist — doch noch ganz spontan zu neuen Erwerbsmöglichkeiten durchringt. Niemand würde glauben, daß irn Lande der Not jetzt schon 50 000 Juden beim Ackerbau beschäftigt sind, welche fast 120 000 Menschen ernähren. Bloß an landwirtschaftlichen Arbeitern gibt es in Westgalizien 5243, in Ostgalizien 27 452. In Ostgalizien übersteigt jetzt schon die Anzahl der landwirtschaftlichen Arbeiter fast um das doppelte die Zahl der im Warenhandel Tätigen.*) Man sieht also, daß eine zielbewußte jüdische Wirtschaftspolitik, wie sie im „Krakauer Programm" vom 1. Juli 1907 vorgesehen ist, nicht nur die jüdische Arbeit, *) Diese Daten sind einer grundlegenden Arbeit des so früh verstorbenen Abg. Dr. Gabel entnommen, die er in der „Jüdischen Zeitung" 1910, Nr. 42 und 43 veröffentlichte. Theodor Herzl (im Gespräch mit Baron Hirsch): „Zum Bleiben wie zum Wandern muß die Rasse zunächst an Ort und Stelle verbessert werden. Man muß sie kriegsstark, arbeitsfroh und tugendhaft machen." Der Ausspruch Herzls gibt die wichtigste Grundige für unsere Landespolitik in Oesterreich. Niemals itte sich in diesem Nationalitätenstaate die moralische ld physische Judennot bis zur Trostlosigkeit potenziert, enn rechtzeitig die volksbewußte Organisierung der idenheit eingesetzt hätte. Das Volk darf nicht länger dieser würdelosen Indolenz, dieser schmachvollen Zerüftung, in diesem gottsjämmerlichen Fatalismus hingehen. Wir müssen vor allem trachten, es „kriegsstark, rbeitsfroh, tugendhaft zu machen". Kriegsstark: Der kleinste Volkssplitter des eiches schützt seine Ehre und seine staatsgrundgesetz- :h gewährleisteten Rechte. Die zweieinhalb Millionen 4erreichisch-ungarischer Juden sitzen im deutschen, ehechischen, polnischen, magyarischen Lager, reiben h zum Gaudium der Judenhasser aneinander und 4 ihren gegenseitig den „nationalen Besitzstand". Jeder unp darf uns ungestraft beschimpfen, weil keine Ehrverizung so infam, kein Anschlag gegen unser Recht so rchtbar ist, als daß die in alle Parteien zersprengte Volkssamtheit zur Selbstwehr zusammengehämmert werden nnte. Just die Kultusgemeinderepräsentanzen — der zte Rest jüdischer Selbstverwaltung, aber hoffentlich e erste Zelle nationaljüdischer Autonomie — sind gelezu der Hort fremdnationaler Politik geworden. Hinein die Massen! Das verkrustete Ehrgefühl aufstacheln, e Volksverführer demaskieren, den Instinkt der Selbsthaltung aufrütteln, endlich das primitive Recht u f staatsrechtliche Anerkennung der iidischen Nation erringen, damit wir 1 ieder wehrhaft sind! Wer von den österreichischen Zionisten könnte sich ■ a ausschließen? Arbeitsfroh: Die traurige Tatsache, daß viele räfte gegen uns sind und der antisemitische Boykott üben in allen Teilen des Reiches nicht nur jüdische rbeitswerte vernichtet, sondern die noch bestehenden vielfach depraviert. Der durch den wirtschaftlichen Fortschritt bedingte Berufswechsel des kleinen Mannes ist für das alleinstehende jüdische Individuum einfach un-

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