Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 24 (14.6.1912)
- Date
- 1912-06-14
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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724 DIEÄELT: Nr. 24 arabischen Muttersprache ein gutes Hebräisch in einer der sephardischen ähnlichen Aussprache. Er erzählt, daß er infolge eines Streites mit einem nichtjüdischcn Stamme seinen Heimatsort verlassen mußte, und so sei er nach Palästina gekommen. Neuerdings hat er als Lohnarbeiter in einem jüdischen Orangengarten der Kolonie Pethach-Tikwah Beschäftigung gefunden. Die Aussprache zur Judenfrage im „Kunstwart" I>ie Redaktion des „Kunstwart" teilt mit, daß „die Aussprache zur Judenfrage", welche im Anschluß an den aufsehenerregenden Aufsatz von Moritz (j o 1 d s t e i n begonnen wurde, in einem der nächsten Hefte fortgesetzt wird. Auch die Redaktion selbst hat eine Präzisierung ihres Standpunktes in der Angelegenheit in Aussicht gestellt. Mit welchem Interesse die Ausführungen von Goldstein aufgenommen worde.i sind, beweist unter anderem der Umstand, daß der Jüdische Verlag allein von den beiden Heften fast 100 Exemplare abgesetzt hat. (fST^S |go^ SPRECHSAAL gj>g| Herr Heinrich F r e y h a n , Mitglied des provisorischen Komitees der ,,Agudath Jisroel", ersucht uns, mit Bezug auf den in Nummer 22 der „Welt" abgedruckten Wortlaut der Kattowitzer Resolution richtigzustellen, daß nach mehrfacher Aussprache von der Aufnahme des Wortes „orthodox11 Abstand genommen worden ist. Die Anfangsworte der von der Kattowitzer Gründungsversamrnlung angenommenen Resolution lauten vielmehr: „Die heute in Rattowitz versammelten Vertreter der traditionell-gesetzestreuen Judenheit . . ." m □□□□□ o -o FEUILLETON / 0, es o o □□□□□□]O v rv-JJ o Bilder aus Saloniki Von Cheskel Zwi Klötzel. I. Friisko-o-oh! Pan espanj! Friisko-o-h! Es sind das die ersten spagnolischen Wörter, die im Ohre des Fremden haften bleiben, der einige Zeit in Saloniki, der „jüdischen Großstadt", weilt. „Friiskoh! Pan espanj!" Von allen Eeken tönt es und auf allen Straften siehst du die Verkäufer dieser billigen, von jung und alt begehrten Süßigkeiten, wie sie würdig einherschreiten, das riesige runde Brett mit der verlockenden Ware geschickt auf dem Kopfe balancierend, die kleine Wage und den tischartigen Untersatz für ihr Brett in der Hand. An jeder Ecke bleiben sie stehen, setzen die schwere Kopfbürde auf das Tischchen, und nun beginnt ein schwunghafter Handel, bei dem das ganze oder halbe „Metallik" (5 Pf.) eine weit größere Rolle spielt als der silberne Piaster, der „Grusch". Sofort findet sich Kundschaft. Der Stiefelputzer mit dem braunen Gesicht und den nicht nur von Natur dunklen Händen, der dir für eine lächerliche Kleinigkeit unter Aufwand von mehreren Bürsten, Tüchern und Glanzmitteln die Stiefel putzt, der Droschkenkutscher, der sich, wenn es ihm zu heiß wird, in den Schatten seiner Pferde legt, der Schmied, der dort in seiner kleinen Bude unter hellem „Ting-tank" seine kupfernen Kessel treibt, der Hamäl (Lastträger), der so erstaunlich schwere Lasten auf seinem krummen Rücken schleppen kann, sie alle sind Abnehmer des dunkelbärtigen Mannes, der ,,Friiskoh" und ,,Pan espanj" zu verkaufen hat. Und nicht minder das junge Volk. Bettelkinder mit „zum Schmuck" mit Ocker gefärbten Fingernägeln tragen ihren eben erbeuteten halben Metallik zum ,,Friiskoh"mann. Bildhübsche kleine Mädchen in schwarzen Schürzen und mit unergründlich schwarzen Augen und Haaren legen ihren ,,Schnob"piaster teilweise in ,,Pan espanj", teilweise drüben beim Limonadenverkäufer in ,,Gazoslimon" (Zitronenlimonade) an. Braune Buben in Fez und Hosenfragmenten — auch vom Fez fehlt meistens die Troddel — trippeln unentschlossen von einem nackten Fuß auf den andern, ehe sie ,,notgedrungen" der Versuchung weichen. Das ist so eine von den intimen kleinen Szenen, die man täglich beobachten kann und immer wieder beobachtet, wenn man weiß, daß die Akteure ausnahmslos Juden sind und man selbst eben erst aus Gegenden kommt, wo man ein solches jüdisches öffentliches Leben nicht kennt. An den Orient als solchen gewöhnt man sich ja schnell, spitze weiße Minarets und hochbeladene Eselkarawanen, verschleierte Damen und türkische Soldaten sind Dinge, die nur wenige Tage den Reiz der Neuheit besitzen. Aber lange behält man das eigentümliche, ungewohnte Gefühl: du lebst in einer jüdischen Stadt, das Leben um dich her ist j ü d i s c h e s Leben, du lebst hier als Jude! Ich möchte den wissenschaftlichen Beweis hierfür nicht schuldig bleiben. Zwar gibt es keine offizielle Statistik der hiesigen Bevölkerung, aber nach wahrscheinlichen Angaben der hiesigen Konsulate beträgt die Gesamtbevölkerung von Saloniki ungefähr 130 000 Einwohner, von denen mindestens die Hälfte, wenn nicht bedeutend mehr, Juden sind. Es stehen hier also 60 bis 70 000 Juden „geschlossen" einer ungefähr gleichen Anzahl von Individuen gegenüber, die sich aber auf die mohammedanischen, bulgarischen, serbischen, griechischen und albanesischen Bevölkerungsschichten verteilen, und denen auch die hier ansässigen Deutschen, Oesterreicher, Franzosen usw. zugezählt sind. Andererseits sind die hier ansässigen Juden, die fremde Staatsangehörige sind, in dieser Statistik als ihren Staaten angehörig mit der nichtjüdischen Bevölkerung gezählt worden, so z. B. die ca. 3000 italienischen Juden, durch deren neuerdings erfolgte Ausweisung dem Handel von Saloniki großer Schaden zugefügt wird. Man ersieht aus dieser kurzen Statistik, daß die Juden in Saloniki das stärkste Volkselement bilden, und daß demgemäß Saloniki eine ,,jüdische" Stadt ist. Und, wie gesagt, dieses Gefühl ist es, das dem fremden Juden, dem Aschkenasi, der vielleicht ,,verjudete" Städte kennt, aber keine jüdischen, länger neu zu bleiben scheint, als der Eindruck all des Neuen und Ungewohnten, den der Orient dem Neuling zu bieten vermag. Wenn man aber fragt, worin sich denn dieses Neue, Ungewohnte äußere, so muß man — so paradox es klingen mag - antworten: „Darin, daß das hier so selbstverständlich, so unbeachtet, so stillschweigend „jüdisch" ist, daß man es gar nicht merkt!" In Wahrheit, das ist kein Paradoxon! In Berlin und Hamburg erregt jedes Stück jüdischer Oeffentlichkeit Aufsehen, Freude auf der einen, Aerger auf der anderen Seite. Sicher sind wir darin schon fortgeschritten; achtete man früher darauf, daß unsere