Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 24 (14.6.1912)
- Date
- 1912-06-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316514-3316538--56106-3349973- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 2× ep/1000834
OCR text
714 MEIaKELT: Nr. 24 Das Hinabsteigen des religiösen (Oberhauptes der orientalischen Juden in den Gerichtssaal, um dort eines seiner Gemeindemitglieder strafrechtlich zu verfolgen, erregt peinliches Aufsehen. Es dürfte das erstemal in der türkischen Geschichte sein, dal] ein Patriarch sich zu einem solchen Schritte entschließt. Dementi Die Nachricht von der bevorstehenden Ernennuno- Carasso Effendis zum Senator beruht lediglich auf Vermutung; insbesondere ist auch die Mitteilung von einem Deputiertenmandate des Advokaten Moi'se Cohen aus der Luft georiffen. Die Ausweisung der Italiener aus Saloniki (Von unserem Berichterstatter.) Saloniki. Infolge des Beschlusses des Ministerrates, alle italienischen Untertanen aus dem türkischen Reiche auszuweisen, haben etwa 3000 Juden Hals über Kopf Saloniki verlassen müssen. Vom jüdischen Standpunkt ist dieses Ereignis eine wirkliche Katastrophe für zahlreiche Juden unserer Stadt. Sie mußten ihre Geschäfte und ihr Eigentum verlassen und sich der ungewissen Zukunft anvertrauen, die vielen von ihnen, hauptsächlich den weniger bemittelten, den Ruin bringen wird. Eines der wichtigsten Handelshäuser unserer Stadt, das Haus G. A. Errera Söhne fr Co., das als italienische Firma eingetragen war, mußte sich, um weiter bestehen zu können, in eine englische Gesellschaft mit dem Sitz in Manchester umwandeln. Eine Anzahl unserer Glaubensgenossen haben die türkische Untertanenschaft angenommen. Infolge des Vorgehens der türkischen Regierung gegen die Italiener hat sich unserer braven türkischen Beamten eine Fremdenfeindschaft bemächtigt, die sich in dem Wahn, überall die Hand Italiens zu erblicken, gegen viele Institutionen richtet, die mit Italien gar nichts zu tun haben. So erhielt eine jüdische Schule unserer Stadt den Befehl, ihre Tore zu schließen, weil sie von der italienischen Familie Allatini unterhalten würde. In Wahrheit wird die Schule von der Alliance lsraelite unterstützt. Ebenso mußte das jüdische Waisenhaus „Charles Allatini' wegen des italienisch klingenden Namens seine Bezeichnung ändern und nennt sich jetzt ,,Jüdisches Waisenhaus'1. Die Wahlkampagne in Rußland (Von unserem Berichterstatter.) Odessa. Die Kämpfe anläßlich der bevorstehenden Dumawahlen sind bereits in vollem Gange. An diesen Kämpfen nimmt natürlich auch die jüdische Bevölkerung teil. Unsere allgemeine traurige Lage hierzulande bringt es aber mit sich, dal) wir an diesen Kämpfen weniger als aktive Interessenten, als Träger bestimmter politischer Interessen und Bestrebungen, denn als passive Kampfobjekte mitwirken. Der Antisemitismus ist die Fahne, unter der unsere herrschenden Parteien segeln, und der Antisemitismus ist es auch, der ihnen das Umschiffen der gefährlichen Klippen der politischen und sozialen Verhältnisse ermöglichen soll. Die Herren der Situation wissen nämlich sehr wohl, daß ihre Herrschaft im Laufe der letzten fünf Jahre die Unzufriedenheit der großen Massen eher nährte als beschwichtigte. Sie .wissen sehr wohl, daß die dritte Reidisduma auch nicht ein einziges der zahlreichen Uebel, an denen das moderne Rußland krankt, zu beseitigen oder auch nur zu lindern vermochte, daß diese Duma vielmehr alles getan hat, um die russische Konstitution, die schönen Grundsätze des Oktobermanifestes in eine reine Farce zu verwandeln. Nun brauchen die Herren allerdings die Abrechnung der Massen nicht zu sehr zu fürchten. Hiergegen schützt sie die denkwürdige Wahlreform oder besser gesagt der Staatsstreich vom 16. Juni 1907, der die Wähler des zweiten Standes voll und ganz unseren Feudalherren auslieferte. Diese aber sind mit der dritten Duma durchaus zufrieden. Nichtsdestoweniger halten es die Herren für angebracht, auch den rückständigen Kleinbürgcrstand und die unwissenden Bauemmasscn für sich zu bearbeiten. Da die Regierungsparteien allein das Privilegium der freien Wahlagitation genießen (und die Gunst der Behörde läßt diese Freiheit in Zügellosigkeit übergehen), so ist begründete Aussicht vorhanden, daß jene beeinflußbaren Schichten, im Verein mit dem Beamtentum, den natürlichen Verbündeten der antikonstitutionellen Parteien, diese vor möglichen Ueberraschungen bewahren werden. Die Arbeitsmethoden zur Beeinflussung des Kleinbürgertums und der Bauernmassen sind dabei natürlich die alten bewährten. Der Antisemitismus, „der Sozialismus der Dummen", soll dazu herhalten, die Unzufriedenheit der Massen abzulenken. Und so wird denn zurzeit im ganzen Reiche eine zügellose judenfeindliche Agitation entfaltet. Hier nur einige Beispiele. Bischof Agaphit zu Jekaterinos- 1 a \v 'bereist gegenwärtig die ihm unterstehenden Kirchspiele, um die Wahlkampagne einzuleiten. Die Reden, die er dabei in Hen Kirchen hält, sind ganz ordinäre Hetzreden gegen die Juden. Die Juden seien an all dem Elend und dem sittlichen Niedergang, die jetzt in Rußland herrschen, schuld, und es sei die Pflicht jedes gutgesinnten Russen, die Juden gesellschaftlich und geschäftlich zu boykottieren. Im Gouvernement K o w n o werden unter der littauischen Bevölkerung Flugblätter verbreitet, die schwere Verleumdungen gegen die Juden enthalten. Die Littauer werden in diesen Aufrufen getadelt, daß sie aus dem Gouvernement Kowno ein neues Jerusalem gemacht hätten, das regelmäßig einen jüdischen Abgeordneten in die Duma entsende. Die littauischen Wähler werden schließlich aufgefordert, sich mit den polnischen Gutsbesitzern zu vereinigen, um die Wahl eines Juden zu verhindern. Vielfach wird zu noch viel entschiedenem Mitteln gegriffen. So hat z. B. der Adelsmarschall des Gouvernements Tschernigo w dieser Tage die Vorsteher der jüdischen Gemeinden zu sich beschieden und ihnen im Namen des Gouverneurs kundgegeben, daß jede aktive Beteiligung der Juden an den bevorstehenden Wahlen böse Folgen für sie haben würde. Die Frage der jüdischen Kandidatur in Odessa veranlaßt die patriotischen Kreise, demnächst eine spezielle Konferenz in Petersburg abzuhalten, die darüber zu beraten haben Wird, wie dieser Gefahr vorgebeugt werden soll. Die Tatsache, daß der berüchtigte Pogromheld Odessas, Stadtverordneter Pelikan, der sich bei den letzten Dumawahlen in Odessa so große Verdienste erworben hat, vom Ministerium des Innern eigens dazu berufen wurde, die Leitung und Aufsicht über die Dumawahlen in fünf Gouvernements Südrußlands zu versehen, wird vom russischen Volksverbande nicht ohne Grund als gutes Omen betrachtet. Und so rüsten sie denn guten Mutes zum Kampfe für die Odessaer Mandate. Die rechtsstehenden Parteien und die verschiedenen patriotischen Organisationen entfalten indessen eine ungewöhnliche Energie, und man weiß nicht mehr recht, woran es ihnen eigentlich mehr gelegen ist, an der Erhaltung ihres eigenen Einflusses oder an der rücksichtslosen Bekämpfung der Juden, so sehr iriit gerade diese Seite des Wahlkampfes in den Vordergrund. Die beiden Kongresse des Verbandes des russischen Volkes und des Verbandes echt russischer Männer, die dieser Tage in Petersburg abgehalten wurden, haben sich eigentlich mehr mit dem jüdischen, als mit dem russischen Volke befaßt. Es braucht natürlich nicht erst gesagt zu werden, daß sehr scharfe Resolutionen zur Bekämpfung der ,,jüdischen Gefahr" gefaßt wurden. Unter anderem wurde beschlossen, den wirtschaftlichen Boykott der Juden durchzuführen. Auch die Herren Nationalisten blieben in ihrem patriotischen Eifer nicht hinter den extremen „Rechten" zurück. Auf der in Jekaterinoslaw abgehaltenen Konferenz der Nationalisten hielt der edle Graf Dobrinsky eine Rede, die an Blutdurst sich den wütenden Pogromhetzereien eines Purischkewitsch würdig an die Seite stellen kann. Der edle Nachkomme Katharinas II., der vornehme Herr mit den feinen weltmännischen Manieren, der erst dieser Tage an die öffentliche Meinung Europas im Namen des Rechts und der Menschlichkeit für die unterdrückten Ruthenen appellierte, der mit schöner sittlicher Entrüstung über die Verletzung der konstitutionellen Garantien, der natürlichen Menschenrechte und der unveränderlichen Menschenwürde klagte, forderte zu gleicher Zeit in Jekaterinoslaw unter den günstigen Auspizien der Polizei sein Auditorium einfach zur Veranstaltung von Pogromen auf. Mit besonderem Stolze erklärte der edle Nationalistenführer, daß die Väter des modernen russischen Nationalismus die Kischinewer Pogrom neiden gewesen seien. Es sei das Ideal der Nationalisten, daß in Rußland kein einziger Jude übrig bleibe. Die Frage, wie dies Ideal zu erreichen wäre, beantwortete Seine Durchlaucht kurz und bündig: „S c h 1 a g e t die Juden! Dies ist für sie selbst n ü t z 1 i c h."