Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 24 (14.6.1912)
- Date
- 1912-06-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24 o t?—--\j Oll □□□□□□ o o H blE3^ELT WELTCHRONIK ":^J; 713 o~ □□□□□□!) O 4 o Die Konstantinopeler Gemeinde ohne Vorstand (Von unserem Berichterstatter.) Der Mcdschliss dschismani, der Laienrat des Großrabbinats, der nach europäischen Begriffen dem Vorstande der Konstantinopeler Gemeinde entspricht, aber auch die gesamte Landesjudenheit der Türkei administrativ leitet, hat, wie wir in voriger Woche bereits kurz gemeldet, seine Demission gegeben. Es ist dieselbe Körperschaft, die um des nationalen Geistes willen, der sie in ihren Aktionen erfüllt hat, aufs heftigste gehaßt und befehdet worden war, dieselbe, die vom hierarchischen Oberhaupte des osmanischen Judentums wegen angeblicher ungesetzlicher Handlungen bei der Regierung angezeigt und direkt oder indirekt des Zionismus „verdächtigt" und infolgedessen als mehr oder weniger gefährlich hingestellt worden war. War auch durch diese Anklagen und Verdächtigungen das Ansehen des Medschliss beim Volke keineswegs erschüttert, welches fortfuhr, ihm Vertrauen zu beweisen und Hoffnungen auf ihn zu setzen, so war es doch schon ein vollkommen abnormer Zustand, daß eine Körperschaft, welche der staatliehen Anerkennung bedarf und in ständiger Fühlung mit den Reichsautoritäten zu stehen hat, ihnen gegenüber von der höchsten Stelle des Judentums aus in ein zweifelhaftes Licht gesetzt war. Oer türkischen Regierung war künstlich die Ueberzeugung beigebracht worden, daß dieser Großrabbiner und dieser Laienrat zusammen das Judentum nicht leiten könnten. Und da der Großrabbiner selbst nicht vom Platze weichen wollte — seine Scheindemission war ja eilig wieder zurückgenommen worden — und da das Gesetz nur schwer Handhabe geboten hätte, ihn, der ja lebenslänglich zu amtieren hat, gewaltsam zu entfernen, so mußte man das Gefühl haben, daß die Regierung, darum besorgt, nicht noch von jüdischer Seite Scherereien zu haben, wohl oder übel wünschen mußte, daß der Medschliss nachgebe. Aber es waren dem Medschliss dschismani auf keine Art irgendwelche Ungesetzlichkeiten nachzuweisen. Die Regierung, die in dem ihr zugekommenen Anklagematerial keinerlei Anlaß zum Einschreiten fand, hatte die Affäre an den Großen Nationalrat, den Medschliss Umumi, der jüdischen Gemeinde überwiesen, dessen Entscheid jedoch der Großrabbiner, wie man hernach sah, mit Recht fürchtete und hinauszuschieben versuchte. Als der Umumi dann endlich auf Regierungsorder doch zusammengetreten war, entschied er, wie bekannt, für die Gesetzlichkeit der Handlungen des Dschismani, indem sich seine Majorität in einem dem Großrabbiner ungünstigen Sinne aussprach. Der Großrabbiner Nahum, dem es seine Pariser Beziehungen und der Einfluß des berüchtigten Tiempo-Journalisten vorschrieben, unter allen Umständen diesen „gefährlichen" „zionistischer^' Medschliss zu vernichten, gab sich durch die Niederlage in seiner eigenen Nationalversammlung nicht geschlagen. Durch seinen Posten mit tausend Aktionsmitteln und -mittelchen ausgestattet und im Vertrauen auf seine vielfachen Beziehungen zu den Ministern legte er nun alles darauf an, das Votum der Nationalversammlung zu entkräften. Er wandte sich daher mit gewissen „Anfragen" an den Staatsrat, die den Zweck verfolgten, einen höchsten Bescheid dahingehend zu erzielen, daß die Medschliss-Majorität in der Nationalversammlung keine gewesen sei und daß infolgedessen seine anfänglichen Anklagen nicht durch deren Votum aus der Welt geschafft worden seien. Der Nebenzweck dieser Bemühungen war gleichzeitig, den Medschliss dschismani, dessen Autorität er damit so dauernd in der Luft schwebend erhielt, zu ermüden und kirre zu machen. Es war deshalb wohl kaum ein Zufall, daß die Affäre sich beim Staatsrat unerträglich in die Länge zog. Drei Monate lang wußte man nicht, woran man war. Drei Monate lang verweigerte der Großrabbincr eine ernste Zusammenarbeit mit seinem Laienrat, drei Monate lang blieb dieser über seine Rechstitel, seine Machtbefugnisse und Verantwortlichkeiten im Zweifel. Es war nur ein Gefühl persönlichen und korporativen Pflichtbewußtseins, das diese Männer noch auf ihrem Posten ausharren ließ. Aber ihr Gegner hatte gut gerechnet und geschickt gearbeitet. Es gelang ihm, nach und nach drei der Medschliss-Mitglieder zum Austritte zu bringen, so dali den gesetzlichen Bestimmungen zufolge ein Neuersatz durch die Nationalversammlung nötig geworden wäre. Der Rest der Körperschaft fand es nunmehr nicht für ehrenvoll, sich in solcher Rumpfgestalt vor seinen Auftraggebern zu repräsentieren, und beschloß, angesichts der Endlosigkeit der Krise, in corpore die Demission zu geben. Der Medschliss dschismani hat diese Demission am Freitag, den 31. Maf, dem Präsidenten der jüdischen Nationalversammlung, Deputierten F a r a g g i E f f e n d i , und der Regierung eingereicht und seine Geschäftsführung niedergelegt. Seitdem ist die Konstantinopeler Gemeinde ohne Vorstand, das türkische Judentum ohne Verwaltung. Wie und wann die notwendigen Schritte unternommen werden sollen, um sie wiederherzustellen, ist noch nicht bekannt. Voraussichtlich wird es nicht leicht sein, in dieser Sommerszeit, da alle ,,Notabein" die Stadt verlassen haben, um in die Sommerfrische zu flüchten, einen Medschliss Umumi zu versammeln, und noch weniger leicht, die neue Neunmännerschaft zur Bildung des Laienrates zusammenzufinden. Da die Reaktion für diesmal Siegerin geblieben ist, so wird jedenfalls versucht werden, nunmehr wieder einen assimilatorischen und vielleicht scharf antinationalen Laienrat ans Ruder zu bringen. Möglicherweise wird man das auch erreichen, da hierzulande immer der momentan Stärkere recht behält. Aber das Mandat des neuesten Dschismani wird gesetzlich nur bis zum Ablauf dieser Amtsperiode, d. i. bis kommendes Frühjahr, vorhalten; und dann muß auch die Nationalversammlung zu einein Fünftel erneuert, d. h. für zwölf ausscheidende Mitglieder durch zwölf neue ergänzt werden, so daß die wirkliche und wichtigere Entscheidung erst in dieser Zeit fallen wird. Auf alle Fälle ist die nationale Amtsführung des abgetretenen Medschliss dschismani von bleibender Bedeutung geworden. Sie hat die türkische Judenheit zum ersten Male offiziell mit nationalen Werten und Zielen bekannt gemacht, zum ersten Male ein nationales Programm aufgestellt und nationale Unterrichtspläne gestaltet. Hat sie ihre Saat auch noch nicht einernten können, so hat sie docli Körner ausgestreut, und die Körner werden reifen. Sie sind tief ins Erdreich des orientalischen Judentums gedrungen und werden sieh nicht mehr gewaltsam ausroden lassen. Mag eine kommende. Reaktion das versuchen wollen: es kann nur die doppelt starke Wiederkehr der nationalen Strömung beschleunigen, die da ist und bleibt, ob ihre Vertreter an der Spitze stehen oder im Hintergrunde verschwinden, die nationale Strömung, die keine Demission, keinen Verzicht und kein Zurückweichen kennt. Ein Prozeß Haim Nahum contra David Elnecave Der Großrabbiner hat gegen den Journalisten E 1 n e c a v e, Herausgeber der nationalen Zeitung „El Judio", einen Prozeß wegen Beleidigung angestrengt, der Ende Juni zur Verhandlung kommen wird. Rabbi Nahum sieht die Beleidigung in einem Mitte Februar erschienenen Artikel des „Judio", der den Akt und die Art der Anzeige des Dschismani durch den Großrabbiner bei der Regierung scharf kritisierte. Allgemein fällt auf, daß erst jetzt, vier volle Monate nach dem Fallen der Beleidigung, auf sie zurückgegriffen wird.