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Die Welt · 1912-06-07 · 23 (7.6.1912) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
23 (7.6.1912)
Date
1912-06-07
Page
– (sequence 10)
Language
German
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694 DIEl^ELT Nr. 23 Der V. Jüdische Turntag Wie bereits kurz mitgeteilt, fand der V. jüdische Turntag vom 26. — 2S. Mai d. J. im Marinchaus zu Berlin statt. Am Sonntag, den 26. v. M., mittags 12 Uhr, eröffnete der Vorsitzende des Turnerschaftsausschiisses, Herr Rechtsanwalt Dr. Jalowie/, den Turntag vor ungefähr 75 Delegierten und zahlreichen Oasten. Er begrüßte die Vertreter aller der jüdischen Turnbewegung nahestehenden Organisationen und verlas die eingelaufenen Begrüßungstelegrarnme. In das Präsidiuni des Turntages wurden sodann gewählt: die Herren Dr. [alowiez, Dr. Tuch (Hamburg), Dr. Immerglück (Wien), als Vorsitzende; Zahnarzt Unna und Rechtsanwalt Heilbrunn als Schriftführer. Nach Erledigung der üblichen Formalitäten nahm Herr Dr. Jalovvicz das Wort zu dem allgemeinen Rechenschaftsbericht und führte ungefähr folgendes aus: Fast ein Dezennium ist verflossen, seit im Jahre 1903 anläßlich des Baseler Kongresses die jüdische Turnerschaft mit einem Bestände von neun Vereinen begründet wurde. Im Jahre 1907 umfaßte sie bereits 16 Vereine mit 1213 Mitgliedern und ca. 1500 Zöglingen. Auf dem IV. Turntage 1909 stellte der Vorsitzende einen Zuwachs von 20 °o der Vereins- und Mitgliederzahl fest. In der Berichtsperiode ist die Zahl der Bundesvereine von 17 auf 27 gestiegen. (Beifall.) Die Kraft und das Ansehen unserer Bewegung ist dadurch beträchtlich gestiegen. Unter den angeschlossenen Vereinen befindet sich der jüdische Turnverein Zürich, der in die offizielle Organisation der schweizerischen Turnerschaft, den patriotisch gerichteten eidgenössischen Turn verband, als gleichberechtigtes Mitglied aufgenommen wurde. Diese Inkorporation beweist, daß Patriotismus und Nationaljudentum sich harmonisch ergänzen. Mit besonderer Genugtuung begrüßen wir, daß der jüdische Turnverein in Jaffa als erste Turnorganisation Palästinas sich unserem Verbände angeschlossen hat. (Stürmischer Beifall.) Im Mittelpunkt unserer heutigen Beratung steht die Reform unserer Verfassung. Es soll u. a. der Teil unseres Programms, der die systematische Erziehung unserer Jugend in bewußtjüdischem Sinne bezweckt, stärker betont und besser ausgebaut werden. Unsere Vereine sind in der Tat jüdische Jugendvereine, die das Turnen zu ihrem Hauptinhalt gemacht haben. Die jüdische Jugendvereinsbewegung, die getrennt von uns ihre eigenen Wege geht, ist umgekehrt gegangen: sie hat versucht, durch Vorträge und Pflege der Geselligkeit auf die jüdische Jugend einzuwirken. Da sich das Interesse der Jugend auf die Dauer aber hierdurch nicht erhalten läßt, sind die Jugendvereine auf den Gedanken gekommen, ein Turn- und Sportprogramm aufzunehmen. Die Mitglieder der Jugendvereine können in unseren Vereinen turnen. Auf dem II. westdeutschen Verbandstage der jüdischen Jugendvereine wurde eine Resolution angenommen, die den Jugendbundmitgliedern empfiehlt, bereits bestehenden jüdischen Turnvereinen ohne religiöse oder politische Tendenz beizutreten. Da unserem Verbände derartige Tendenzen nicht innewohnen, so steht dem Beitritt in unsere Verbandsvereine nichts im Wege. Wir wollen hoffen, daß sich die Mitglieder der Jugendbünde nicht unnötig separieren und ihre Kräfte durch überflüssige, lebensunfähige Neugründungen verschwenden mögen. (Beifall.) Offenbar in Kampfstimmung gegen uns ist das „Turnkartell deutscher Juden'1 gegründet worden. Es möchte die Früchte unserer mühevollen Tätigkeit ernten (sehr richtig!), indem es die durch den Aufschwung unserer Bewegung ins Leben gerufenen, aber unserem Verbände noch abseits stehenden Turnvereine zu sich herüberzuziehen sucht. Diese Neugründung ist keinem lebendigen Bedürfnis entsprungen und daher nicht existenzberechtigt. Auf unseren früheren Tagungen wurde darüber Klage geführt, daß die Zionisten, insbesondere die Vorstände der einzelnen Ortsgruppen, ein außerordentlich geringes Interesse für die jüdische Turnsache an den Tag legten. Jetzt hat man sich in zionistischen Kreisen, zu der Erkenntnis durchgerungen, daiß die jüdische Turnbewegung mit ihrem positiven, auf die Gesundung und Erstarkung unseres Volkes gerichteten Programm ein bedeutsamer Faktor in der jung-jüdischen Bewegung ist und von den Zionisten tatkräftig unterstüzt werden müsse. (Lebhafter Beifall.) Unser Verhältnis zu den anderen jüdischen Organisationen ist gegeben. Die einzige Voraussetzung, die die jüdische Turnerschaft verlangt, das einzige Dogma, das sie aufstellt, ist das jüdische Bewußtsein, ist das jüdische Volk. Und darum ist uns willkommen und darum muß zu uns kommen, wer immer für lebendiges Judentum arbeitet. Wir konstatieren mit Freuden eine starke Abwärtsbewegung unseres Bundes und dürfen mit froher Zuversicht in die Zukunft blicken. Unsere gute Entwicklung war die Folge unseres treuen, kraftvollen Festhaltens an unserer Tendenz. Sie wird auch in Zukunft die einzige Richtschnur unseres Handelns sein, und wir werden bleiben chasak, chasak weemoz, stark, stark und fest! (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Sodann erstattet der Geschäftsführer des Ausschusses, Herr Rechtsanwalt Dr. Zirker, einen ausführlichen Geschäftsbericht, dem wir folgendes entnehmen: Die jüdische Turnerschaft hat in der Berichtsperiode besser als je abgeschnitten. Es sind ihr neu beigetreten die Vereine in Boskowitz, Breslau, Brünn, Budapest, Dortmund, Essen, Halberstadt, Hamburg, Iglau und Zürich. Diese Beitritte be deuten einen Zuwachs von etwa 700 ordentlichen Mitgliedern. Wenn einige vorliegende Aufnahmegesuche genehmigt sind, hat die jüdische Turnerschaft die stattliche Zahl von ca. 8600 Mitgliedern erreicht. (Beifall.) Die Propagandatätigkeit des Ausschusses bestand vor allem in der Herausgabe der jüdischen Turnzeitung, der offiziellen Monatsschrift des Verbandes. Ferner dienten ein Verbandsschauturnen in Hamburg anläßlich des Zionistenkongresses, eine Verbandstürnfahrl nach Thüringen, die Herausgabe des jüdischen Liederbuches, die Förderung des hebräischen Kommandobuches der Propagierung unserer Idee. Für die Dresdener Hygieneausstellung hatte die Turnerschaft reichliches Material zur Verfügung gestellt. Der Verbandsturnwart, Herr Turnlehrer Erich B u r i n, erstattet einen ausführlichen T u r n b e r i c h t. Er betont, dal namentlich das Jugendturnen einen erheblichen Aufschwung genommen habe und die beste Gewähr für einen turnerisch tüchtigen Nachwuchs bilde. Der allgemeinen Entwicklung folgend, hat die jüdische Turnerschaft dem Sport die weitgehendste Berücksichtigung in ihrem Programm eingeräumt und dadurch viele wertvolle Kräfte für sich zu gewinnen gewußt. Die Generaldebatte brachte manches Wort ehr licher Kritik und viele wertvolle Anregungen für die künftige Arbeit. Sie zeigte, daß die in der Turnerschaft organisierte Jugend, fein von jener satten Selbstzufriedenheit, die auf den Tagungen mancher Jugendorganisationen so kraß zutage tritt, Ansprüche an sich stellt, daß sie sich ihres Wertes und ihre; Pflichten bewußt ist. Eine fruchtbare Tendenzdebatte bildete den Höhepunkt der Tagung. Sie entwickelte nach den verschiedensten Gesichtspunkten das Problem unserer jüdischen Jugend. Als Ergebnis dieser Debatte fand der Tendenzparagraph der jüdischen Turnerschaft eine Abänderung in folgender Fassung:

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