Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 23 (7.6.1912)
- Date
- 1912-06-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Es hatte für die Gestaltung des Ideals zur Folge, daß dasselbe maßlos wurde. Da das Ideal gar keine Wirkung auf das reale Leben besaß, da es von der Realität ganz losgelöst war, verlor der Jude den Maßstab für sein Ideal, den Blick für seine Ausführbarkeit, für seine Realisationsmöglichkeit. Ein Ideal wurde ihm um so wertvoller und höher, je größer und erhabener es war. Damit paarte sich eine Verachtung und Verschmähung aller kleineren, dafür aber um so eher realisierbaren Ideale. Ganz und gar von der Realität abgewandt, schweifte der Blick des Juden zu den höchsten Höhen; er wurde gewissermaßen weitsichtig. Das Höchste war ihm nicht hoch, das Erhabenste nicht erhaben genug. Diese Erscheinung macht sich noch heute sehr stark bemerkbar. Man lese einmal Achad-Haams schönen Aufsatz: „Bedürfnis und Möglichkeit" (Zaurech wijechaules), in dem er diese Ueberspannung des Ideals in der modernen Literatur nachweist und geißelt. Und, — um ein wirksames Beispiel anzuführen — es ist bekannt, daß, als Theodor Herzl den Massen der ristlichen Juden die Idee des „Judenstaates" brachte, diese -ofort glaubten und leidenschaftlich überzeugt waren, daß seine üründung eine Frage weniger Monate sei und jeder damit rechnete, bald in diesen „Judenstaat" übersiedeln zu können. Auf der anderen Seite bewirkte diese Losgelöstheit aller Ideale von der Realität eine Ueberspanntheit in der Psyche des Galuthjuden selbst; ungehemmt durch die Macht der Tatsachen, verlor er für sein Denken und Fühlen alle i irenzen, wurde maßlos, extrem, revolutionär. Wer auf •Jas reale Leben keine Rücksicht nimmt, geht leicht bis an die Grenze des Aeußersten. So kam es, daß derselbe Jude, der in seinem realen Erdenleben nüchterner, praktischer, realer als alle anderen war — weil er darin von keinem Ideal gehemmt wurde — in seinem Leben im Ideal unpraktisch, extrem wurde wie kein anderer, weil er hier von aller Realität unbeeinflußt war. Daß das noch für den heutigen Juden, auch den westeuropäischen, zum großen Teil gilt, ist bekannt. Alan hat daraus oft den Schluß gezogen, daß der Jude von Natur revolutionär und extrem sei. Nichts falscher als dies. ■! er wahre, unverdorbene, alte Jude ist stets maßvoll, Ananger der „mittleren Linie"; seiner Natur entspricht das llmähliche, Evolutive. Erst der Galuthjude mit seiner Trenung von Ideal und Realität wurde aus einem Evolutionisten um Revolutionären, aus einem Vertreter der „mittleren Linie" u einem Verfechter des „Alles oder Nichts". III. Die Assimilation. Die Assimilation ist nur aus dem Galuth zu erklären.;ies kann nicht oft genug gesagt werden. Denn bisher ierrscht die Ansicht vor, die Assimilation bedeute eine radikale mwandlung des jüdischen Volkscharakters. Solche radikale mWandlungen über Nacht gibt es aber überhaupt nicht. >ie Assimilation hat ihre Ursache im Galuth. Nehmt den ialuthjuden und stellt ihn in die Verhältnisse, in das Milieu der Em(anzipationswelt, und ihr habt den Assimilationsjuden. :>araus aber folgt, daß die Assimilation kein Leichtsinn, kein v erbrechen war, sondern eine Notwendigkeit. Die entscheidende, alles andere bedingende Tatsache der •manzipation besteht darin, daß sie den Galuthjuden aus seiner \bgesondertheit im Ghetto hervorholte und ihn mitten in das dlgemeine Leben, in die Realität stellte. Die Folg-e war, laß er nun nicht mehr dieses Doppelleben führen konnte; r konnte nicht mehr die Realität verachten und verchmähen, und nur soweit er es materiell nötig hatte, in ihr seilen. Er mußte nun ständig in ihr bleiben. Damit aber var das aller Realität fremde Leben im Ideal unvereinbar, ^o entledigte er sich seiner Welt des Ideals. Dies war -ben nur taöglich, weil kein Zusammenhang zwischen Ideal und Realität bestand. Das Ideal war etwas völlig Gesondertes. So konnte er es mit Leichtigkeit fortwerfen und sich in das reale Leben stürzen. In ihm suchte er alles zu finden, was ihm vorher seine Welt des Ideals gegeben hatte. Der Assimilationsjude wurde von einem Realitätstaumel erfaßt. Zudem war er gerade zu einer Zeit in das europäische Kulturleben eingetreten, da noch die Nachwirkungen des Rationalismus des 18. Jahrhunderts vorhanden waren, also die Nachwirkungen einer Strömung, die auch alle lebensfremden Ideale zertrümmert hatte und ein rationales, d. h. durch und durch reales Leben auf der Basis des gesunden Menschenverstandes predigte. In diese Strömung wurde der Jude mit hineingerissen, und wie sehr sie auf ihn eingewirkt hat, beweist nicht nur die Tatsache, daß die ganze Reformbewegung, ein großer Teil der „Wissenschaft des Judentums" durchaus von diesem Geiste getragen werden, sondern die noch interessantere Erscheinung, daß heute, da das intellektuelle Europa den Rationalismus fast völlig überwunden hat und eher zu seinem Gegenteil hinneigt, ein beträchtlicher Teil der westeuropäischen Judenheit noch ,von ihm beherrscht wird, der Judenheit, die doch sonst alle Wandlungen und Strömungen an erster Stelle mitmacht. So .ward denn der moderne Assimilationsjude realer, praktischer als alle Menschen seiner Umgebung. Der Materialismus fand und findet keinen eifrigeren Anhänger als ihn. Auf der anderen Seite aber mußte ihn für die Dauer dieser Realitätstaumel unbefriedigt lassen. Sein Bedürfnis nach dem Ideal blieb ungestillt. Die Folge war und ist jene Haltlosigkeit, jenes ewige Schwanken, das den modernen Juden charakterisiert. Aus Mangel an einem Ideal hascht er nach jedem neu auftauchenden Gedanken, wirft er sich jeder irgendwo auftretenden dekadenten oder mystischen Strömung in die Arme, Es liegt hier ein analoger Fall vor, wie im heutigen Amerika, wo wir die seltsame Erscheinung erleben, daß im Lande des nüchternsten, praktischsten Geschäftssinnes, in dem alle scheinbar nur im Realen aufgehen, Mystik, Aberglaube, Spiritismus, Sektenwesen und Hokuspokus blühen wie in keinem anderen. Die Ursache ist dieselbe: Der Mangel eines großen, der inneren Natur entsprechenden Ideals. IV. Der Zionismus. Man hat oft den Zionismus als eine Rückkehr zum alten Judentum bezeichnet. Dies darf nicht wörtlich aufgefaßt werden. Er will nicht die verflossenen zwei Jahrtausende aus unserer Geschichte auslöschen. Dies wäre wahnwitzig. Er will vielmehr nur zum Geist des alten, gesunden Judentums zurückkehren. Man kann in geistig psychologischer Hinsicht den Zionismus als den Versuch und den Willen definieren, dem Juden die Synthese von Ideal und Realität wiederzugeben. Das ist so oft in anderer Weise ausgeführt worden, daß es nicht des näheren dargelegt zu werden braucht. Was aber gesagt werden muß, ist dies: Es ist ein Irrtum, zu glauben, daß die völlige Realisierung des geistig-psychologischen Zionismus schon in der Diaspora möglich ist. Die wahre Synthese von Ideal und Realität ist im Galuth nun einmal unmöglich. Wohnen wir auch heute nicht mehr im Ghetto, haben wir auch mehr Freiheit und Entfaltungsmöglichkeit als unsere Vorfahren — die Realität, die uns umgibt, so umzugestalten, wie es unserer Natur entspricht, ist uns doch nicht möglich. Die Realität bleibt eine fremde, und unser Schicksal bleibt von fremden Faktoren abhängig. Darum ist die wirkliche, volle Synthese nur dort möglich, wo wir eine eigene, uns adäquate Realität schaffen und nach dem Ideal beeinflussen können: in Palästina. Darum wird auch dort nur der wirklich neue Typus des Juden erstehen können, eben der „neue Jude", dessen innerster Grundzug die altjüdische Synthese von Ideal und Realität sein wird.