Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 23 (7.6.1912)
- Date
- 1912-06-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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eine, rein hedonistische, als die Ethik des Seins, die andere, rein idealistische, als die des Sollens bezeichnen kann, so kann man die Ethik des. Judentums nicht besser und richtiger definieren, als indem man sie als Ethik des Sollens auf der Basis des Seins charakterisiert. Keine Ethik betont schärfer und konsequenter als ihr letztes Ziel die Glückseligkeit ihrer Anhänger, als die des Judentums; keine aber proklamiert energischer und überzeugender die Notwendigkeit des Ideals zum glückseligen Leben. Man betrachte weiterhin die typischsten und größten Vertreter des jüdischen Geistes: die Propheten. Unter allen Repräsentanten des jüdischen Genius sind sie diejenigen, die am klarsten und mit dem höchsten Pathos für das Ideal im Leben streiten. Aber auch sie, bei all ihrem Idealismus, stehen unentwegt mit festen Füßen auf dem Boden der Realität. In demselben Maße, wie sie über ihre großen ewigen Ideen sinnen und sie unentwegt proklamieren, kümmern sie sich um alle Geschehnisse des realen Lebens ihres Volkes und ihrer Zeit. Sie sind ebensosehr Politiker wie Philosophen, ebenso heimisch in der Welt der Tat, wie in derjenigen der Ideen. Es ist eine Tatsache von nicht zu unterschätzender symptomatischer Bedeutung, daß das jüdische Volk in der Blütezeit seines Schaffens, im Altertum, keinen einzigen Systemphilosophen hervorgebracht hat. (Die alexandrinischen jüdischen Philosophen gehören dem hellenischen Kulturkreis an und zählen dabei nicht mit.) Dies liegt nicht etwa, wie man behaupten wollte, an einem Mangel an systematischer Kraft und Ordnungssinn. Die ganze talmudische Literatur, die Religionsphilosophen des Mittelalters zeigen, daß es dem jüdischen Volke an dieser Fälligkeit nie gefehlt hat. Vielmehr ist der Grund dieser Erscheinung der, daß der antike Jude es stets verschmäht hat, sich in der Welt der Ideen einzuspinnen und unabhängig und unbekümmert um alle Vorgänge des realen Lebens seiner Zeit ein System für alle Ewigkeit zu schaffen; ihn kümmerte und beschäftigte vielmehr die Realität nicht minder als das Ideal. Man braucht nur nach Griechenland hinüberzuschauen, um die ganze Eigenartigkeit dieser Tatsache zu erkennen. Da haben wir den geraden Gegensatz zur jüdischen Synthese von Ideal und Realität. Da sind auf der einen Seite die Philosophen, lebend und schaffend allein in der Welt der Idee, fern von aller Anteilnahme am realen Leben, und auf der anderen Seite entwickelt sich das reale Leben von selbst, unbeeinflußt und unbekümmert um alle noch so erhabene Spekulation der Philosophie. Was nützt es, daß Plato in seinem „Staat" das wunderbare Bild seines Idealstaates mit höchster Phantasie und Kraft entwirft, wenn zu gleicher Zeit Athen unter der Herrschaft der 30 Tyrannen seufzt, wenn Demagogen und unwahre Volksredner das Schicksal des Volkes bestimmen, wenn überall Zwist und Gewalt herrscht. Vielleicht ruht darin das ganze Geheimnis der Erhaltung des jüdischen und des Untergangs des griechischen Volkes, daß bei dem einen seine idealen Schöpfungen mit seinem realen Leben unmittelbar verknüpft waren und zwischen beiden ein inniger Konnex und eine gegenseitige Beeinflussung herrschte, während beim anderen je länger um so mehr Ideal und Realität divergierten, sich in immer stärkerem Gegensatze befanden, und so, bei aller ewigen Dauer und unvergänglichen Bedeutung ihrer idealen Welt, die reale früher oder später ihrem Untergange und Verfall entgegengehen mußte. Denn es ist wichtig, dies hervorzuheben: die Verbindung von Ideal und Realität gilt nicht nur von den größten Führern des jüdischen Volkes, den Propheten; sie gilt auch von der anderen Kategorie der Volksführer und Beeinflusser, den Priestern. Darum geht es ganz und gar nicht an, zwischen Propheten und Priestern einen fundamentalen, prinzipiellen Gegensatz konstruieren zu wollen, wie es zuerst die Bibelkritik und ihr folgend auch namhafte jüdische, auch hebräische, Schriftsteller getan haben. Der Unterschied ist gewissermaßen nur rein quantitativer Natur. Die einen, die Propheten, betonen stärker das Ideal, die anderen, die Priester, mehr die Realität. Die Grundlage ist ihnen gemeinsam: sie fußen beide auf der Basis einer Synthese von Ideal und Realität. Diese Synthese ist so typisch und eigenartig für das Judentum geworden, daß sie geradezu den Maßstab für seine innere Gesundheit abgibt. In allen Stadien der Fruchtbarkeit, da das Judentum sich im Aufstieg befindet, finden wir diese Synthese vorherrschend; in allen Zeiten der Anomalität, der ungesunden Abwärtsentwicklung treffen wir auf ihren Zerfall, auf die einseitige Betonung entweder des Ideals oder der Realität. Und eine Richtung im Judentum ist um so jüdischer, je mehr sie von dieser Synthese getragen wird. So können wir beispielsweise die erste große Parteiung im Judentum, die Zeit der Dreiteilung in Pharisäer, Sadduzäer (und ihre weitere Entwicklung im jüdischen Hellenismus) und Essaer (und ihre Fortentwicklung im Christentum) auf diese Synthese zurückführen. Während die Sadduzäer einseitig die Realität betonen, die Essäer ebenso einseitig allen Wert auf das Ideal legen, vertritt die wahrhaft jüdische Richtung, die der Pharisäer, die Synthese beider, die in ihrer größten Schöpfung, im Talmud, so deutlich zum Ausdruck kommt. Dasselbe gilt auch für die ganze folgende jüdische Geschichte. II. Das Galuth. Man hat schon oft nach einer Formel, nach einer Definition des Galuth gesucht; und zwar spreche ich hier nicht vom Galuth in seiner politischen, sozialen, physischen und biologischen Bedeutung für das jüdische Volk, sondern in seiner kulturell-geistigen Bedeutung. Denn dies ist uns ja heute so klar, daß es gar nicht mehr gesagt zu werden braucht, daß das Galuth nicht nur eine anomale Zeit in unserer politischen Voiksgeschichte, sondern auch eine solche in unserer geistigen Kulturgeschichte bedeutet. Worin drückt sich nun diese Anomalie aus? Nach der vorangegangenen Betrachtung ergibt sich dies von selbst. Das Galuth bedeutet die Sprengung der Synthese von Ideal und Realität, bedeutet die Trennung, den Riß zwischen beiden. Daß dies so kam, war nicht die Schuld des jüdischen Volkes, sondern eine Folge der Verhältnisse. Denn es ist klar, daß das Galuth für das jüdische Volk die Unmöglichkeit bedeutete, irgendwie sein Schicksal, seine Realität umgestalten, sie nurirgendwie beeinflussen zu können. Das tiefste Wesen des Galuth beruht ja eben darin, daß es uns die freie Selbstbestimmung nahm und unser Dasein von dem Willen anderer, außerhalb unseres Volkes gelegener Faktoren abhängig machte. Konnte aber eine eigene, bewußte Beeinflussung der Realität und damil eine Wirkung des Ideals auf dieselbe nicht stattfinden, so war die Sprengung der Synthese beider nur eine naturnotwendige Folge. So kam es, daß für den Galuthjuden die Welt der Realität und die des Ideals zwei voneinander völlig losgelöste, getrennte Sphären waren. Der Galuthjude führte ein doppeltes Leben; er war eigentlich ein Doppelwesen, eine Zwitternatur. Einmal, den Tag über, die Werktage hindurch, lebte er völlig in der Realität, abends, zurückgekehrt in sein Heim, am Sabbat vor allem, streifte er alles reale Erdenleben ab und ging ganz in der Welt des Idealen auf. Dieses psychische Doppelleben ist die Grundlage für das psychologische Erfassen des Galuthjuden, und aus ihm ergeben sich alle so seltsamen und sonst unerklärlichen psychischen Phänomene in seinem Seelenleben.