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Die Welt · 1912-06-07 · 23 (7.6.1912) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
23 (7.6.1912)
Date
1912-06-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
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daß es eine deutsche Nation gebe und daß deren Fortdauer in ihrem eigentümlichen und selbständigen Wesen dermalen in Gefahr sei? 2. Ob es der Mühe wert sei oder nicht wert sei, dieselbe zu erhalten? 3. Ob es irgendein sicheres und durchgreifendes Mittel dieser Erhaltung gebe, und welches dieses Mittel sei?" Diese „Reden an die deutsche Nation" von Johann Gottlieb Fichte (erschienen in einer sehr schönen Ausgabe, eingeleitet von Rudolf Eucken, im Insel-Verlag für 2 M.) sollte jeder Zionist lesen. Schon weil es uns tröstlich ist zu sehen, daß über die Existenz jenes Volkes, das heute an der Spitze der Kulturvölker marschiert, genau dieselben Fragen aufgeworfen worden sind, die wir heute über unser jüdisches Volk stellen; die Analogie ist sehr lückenhaft, aber die Aehniichkeit der Fragenstellung auffallend und mehr als äußerlich begründet. Dann aber darum, weil wir viel, sehr viel daraus lernen können. Denn was Fichte im deutschen Volk seiner Zeit bekämpft, das ist es auch, woran unser jüdisches Volk vor allem krankt: jene Niedrigkeit der Gesinnung, der Sklavensinn, der es sich wohl einrichten läßt in der unehrenhaften Knechtschaft, der nur dem persönlichen Vorteil nachjagt und keine höhere Sache kennt, der keiner Gemeinschaft dient und für Opfer unfähig ist, der jede Störung seiner Bequemlichkeit uirchtet und deshalb gegen jede Bewegung ist, der „sich hinter den staatsfeindlichsten Oppositionen verkriecht und diese heimlich hetzt, wenn ihm die herrschende Autorität nicht benagt, oder sich hinter den Polizeischutz flüchtet und Angeberdienste tut, wenn ihm vor dem Umsturz bange wird/' Dieser Typus ist es, den Herzl in seinem unvergänglichen „Mauschel" so unübertrefflich charakterisiert hat: „Wenn die Geschäfte gehen nid man gesund ist, läßt sich das übrige ertragen." Wenn wir unser Volk erheben wollen, dann müssen wir or allem gegen diese Gemeinheit kämpfen. Herzl sagt, der /weite Pfeil des Zionismus sei für Mauscheis Brust bestimmt. Doch scheint mir, daß wohl der erste Schuß ihr gelten muß; der Zionismus ist wie jedes nationale Problem vor allem ein Erziehungsproblem; darum müssen wir jenen Geist der Trägheit und Gemeinheit aus dem jüdischen Volke bannen, wir müssen das Volk wieder zum Wollen erziehen, wenn es für das nationale Ideal reif werden soll. Fichtes schwungvolle Worte können wir fast genau auf unsere Verhältnisse übertragen; und Martin Buber sagte einmal im Freundeskreis, als ihn ein allzu Wißbegieriger nach der „Methode" fragte, wie man zum rechten Judentum gelange: „Etwas gibt es, was man jedem einzelnen Westjuden sagen kann, nur ist es scheinbar nicht nationaler, sondern menschlicher Art: Daß jeder Westjude es ernst mit sich selber nehme, daß er sich besinne auf das, was in ihm ist, und sich mit den Dingen, die er in sich vorfindet, auseinandersetze, daß er versuche, aus sich selbst eine Einheit zu machen, aus sich selbst überhaupt etwas zu machen; das, was dann in ihm produktiv wird, das wird jüdisch sein." Wir haben den Glauben, daß, wenn wir die Juden aus ihrem gedankenlosen Hinleben (was Fichte ein „Pflanzenleben" nennt), zu menschlicher Aktualität erwecken, ihr Handeln jüdisch sein wird. Die unermeßliche Bedeutung der Persönlichkeit Herzls liegt ja auch nicht, wie man jetzt oft hört, in irgendwelchen politischen Methoden oder kolonisatorischen Grundsätzen, sondern darin, daß er als vollkommene sittliche Persönlichkeit sich in ganzer Größe über der Gemeinheit seiner Zeit aufgerichtet hat, daß er, dieser trägen, dahinwelkenden Gemeinschaft entstammend, sich zu einem Wollen und Handeln erhoben hat, daß er durch dieses Aufstehen einen Geist erzeugt hat, der dem flügellahmen Volke Schwung verliehen hat. Denn „es siegt immer und notwendig die Begeisterung über den, der nicht begeistert ist. Nicht die Gewalt der Arme noch die Tüchtigkeit der Waffen, sondern die Kraft des Gemütes ist es, welche Siege erkämpft". So ruft Fichte seine Nation auf. Wenn wir das jüdische Volk zu menschlicher Sittlichkeit erziehen werden, so wird es auch von jenem Geist erfüllt werden, der den einzelnen befähigt, einer großen Sache zu dienen. Deshalb ist sicherlich Achad Haams Forderung nach Besserung des Volkes vor der Rückkehr in das Land berechtigt. Und von uns gilt, was Fichte seinen Zeitgenossen zuruft: „Bedenket, daß ihr die Letzten seid, in deren Gewalt diese große Veränderung steht!" Wir haben noch einen gewissen Zusammenhang mit der Vergangenheit; aber durch unsere Generation geht der große Bruch, und es wird von uns abhängen, ob wir „die Letzten sein wollen eines nicht achtungswürdigen, von der Nachwelt sogar über Gebühr verachteten Geschlechtes, oder ob wir der Anfang sein wollen und der Entwicklungspunkt einer neuen, über alle Vorstellungen herrlichen Zeit". Wir, die in einer nationalen Bewegung noch ganz anderer Art stehen, als jene deutsche war, fühlen jedes dieser Worte an uns gerichtet. Es ist gut, wenn jeder einzelne Jude sich der großen Verantwortung gegenüber seinem Volke bewußt wird. Darum gedenken wir auch jenes Mannes, der in so unübertrefflicher Weise gesagt hat, was der einzelne Mensch der Gemeinschaft seines Volkes schuldig ist. Ideal und Realität Von Nachum Goldmann I. Das alte J u d e n t u m. Zum wahrhaft glückseligen und ersprießlichen Leben sowohl des einzelnen wie der Gesamtheit ist eine harmonische Synthese von Ideal und Realität notwendig. Sowohl der weltfremde, in keiner Realität wurzelnde Idealismus der deutschen Metaphysik wie auch der allen Idealen feindliche, rein praktische Materialismus der aufblühenden Naturwissenschaft um die Mitte des vorigen Jahrhunderts ist überwunden zugunsten einer diese beiden Richtungen in sich vereinigenden Strömung, deren letztes und höchstes Postulat las einer am Ideal orientierten und ihm zustrebenden, zugleich aber fest in der Realität wurzelnden Lebensanschauung und Lebensführung bildet. Diese Synthese von Ideal und Realität ist aber eines der wichtigsten und höchsten P o s t u 1 a t e des alten Judentums. Sie entspringt dem innersten Wesen dieses alten Judentums, das man als die typische potenzierte Weltanschauung des „goldenen Mittelweges'4, als den vollendetsten und konsequentesten Ausdruck eines idealistischen Utilitarismus bezeichnen kann. Letztes Ziel des Judentunis ist die Heiligung des realen Lebens, die Idealisierung des Natürlichen, nicht a^ber seine Zurückdrängung zugunsten eines aller Realität fremden und abgewandten Idealismus. Beweise hierfür findet man überall. Man nehme die gewaltigste, unvergänglichste Schöpfung des jüdischen Geistes: die jüdische Ethik. Wenn man im großen ganzen alle ethischen Systeme in zwei große Gruppen teilen kann, von denen man die

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