Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 23 (7.6.1912)
- Date
- 1912-06-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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690 DIE%QgELT= Nr. 23 Zum Fichte-Jubiläum Von Robert Weltsch „Unsere Zeit stellt es oft als einen über alle Gegenrede erhabenen Grundsatz auf, daß man eben schmeicheln, kriechen, sich zu allem gebrauchen lassen müsse, wenn man leben wolle, und .daß es auf keine andere Weise angehe. Sie besinnt sich nicht, daß, wenn man sie auch mit dem heroischen, aber durchaus wahren Gegenspruch verschonen wollte, daß, wenn es so ist, sie eben nicht leben, sondern sterben solle, noch die Bemerkung übrig bleibt, daß sie hätte lernen sollen, mit Ehren leben zu können.4' Mit solchen Worten charakterisiert Johann Göttlich Fichte, dessen 150. Geburtstag das deutsche Volk vor einigen Tagen gefeiert hat, eine Zeit, als deren typische Vertreter wir oft die größten Geistesheroen des deutschen Volkes, die Goethe, Schiller, Kant betrachten. Es wird gut sein, wenn wir uns einmal bewußt machen, dal) jene großen Männer durchaus allein standen, ja daß vielleicht gerade der Gegensatz, in den sie sich zu der Volksmehrheit, besonders zu den leitenden Kreisen, stellten, ihnen ihre sittliche Größe gibt. Das gilt vor allem von Fichte. Eine Würdigung des Philosophen kann hier nicht unsere Absicht sein; aber der nationale Heros, die sittliche Persönlichkeit, verdient unser Interesse. Nach der Niederwerfung Preußens durch Napoleon bietet sich das kläglichste Schauspiel, das dem hochgesinnten Patrioten das Herz in wildem Schmerz entbrennen läßt: er sieht, wie die politische Unterdrückung sein Volk entnervt und demoralisiert, die gemeine Gesinnung und niedrige Denkungsart, die er bei seinen Volksgenossen beobachtet, läßt ihn an einer Weiterexistenz des deutschen Volkes gänzlich verzweifeln. Der Verlust der Freiheit hat einen Sklavensinn erzeugt, der eine Erhebung nicht hoffen läßt. Fichte begreift den Ernst der Situation, er sieht sein Volk am Scheideweg zwischen Sein und Nichtsein, und aus der Not seines Herzens ruft er mit flammendem Pathos zur Erneuerung. Wenn das deutsche Volk nicht seine ganze ruhmreiche Vergangenheit jämmerlich desavouieren will, wenn es seine Energien in eine spätere Zeit hinüberretten will, wenn es weiterleben will, so muß es aus seiner Indolenz aufgerüttelt werden, es muß sich aus dem Sumpf der Gemeinheit erheben; der einzelne muß lernen, seinen persönlichen Vorteil der gemeinsamen Sache zum Opfer zu bringen; der einzelne muß überhaupt wieder denken und wollen lernen, dann wird er einsehen, daß die Zukunft seines Volkes seine eigene Zukunft ist, und er wird diese Zukunft wollen, mit der ganzen Glut seines Heizens für sie arbeiten. Das nationale Problem ist daher wesentlich ein Erziehungsproblem; durch gänzliche Umwandlung des bestehenden Erziehungswesens soll bewirkt werden, daß die n e u e Generation zur Selbständigkeit des Wollens und Handelns vordringt, daß sie sich der Pflichten gegenüber ihrem Volke bewußt ist. Denn nicht in gedankenlosem Fortsetzen überkommener Lebensformen besteht das Volkstum, sondern „dies ist in höherer, vom Standpunkt einer geistigen Welt überhaupt genommener Bedeutung des Wortes ein Volk: Das Ganze der in Gesellschaft miteinander fortlebenden und sich aus sich selbst immerfort natürlich und geistig erzeugenden Menschen, das insgesamt unter einem gewissen besonderen Gesetze der Entwicklung des Göttlichen aus ihm steht. Die Gemeinsamkeit dieses besonderen Gesetzes ist es, was in der ewigen Welt und eben darum auch in der zeitlichen, diese Mengen zu einem natürlichen und von sich durchdrungenen Ganzen verbindet. . . . Jenes Gesetz bestimmt durchaus und vollendet das, was man den Nationalcharakter eines Volkes genannt hat; jenes Gesetz der Entwicklung des Ursprünglichen und Göttlichen. . . . Der Glaube des edlen Menschen an die ewige Fortdauer seiner Wirksamkeit auch auf dieser Erde gründet sich demnach auf die Hoffnung der ewigen Fortdauer des Volkes, aus dem er selber sich entwickelt hat, und der Eigentümlichkeit desselben. Diese Eigentümlichkeit ist das Ewige, dem er die Ewigkeit seiner selbst und seines Fortwirkens anvertraut; ihre Fortdauer muß er wollen, denn sie allein ist ihm das entbindende Mittel, wodurch die kurze Spanne seines Lebens hinieden zu fortdauerndem Leben hinieden ausgedehnt wird. Das Leben bloß als Leben, als Fortsetzen des wechselnden Daseins, hat für ihn ja ohnedies nie Wert gehabt, er hat es nur gewollt als Quelle des Dauernden; aber diese Dauer verspricht ihm allein die selbständige Fortdauer seiner Nation; um diese zu retten, muß er sogar sterben wollen, damit diese lebe, und er in ihr lebe das einzige Leben, das er von je gemocht hat." Bevor aber die Generation herangewachsen ist, der solches Denken natürlich ist, droht der Nation das Verderben, wenn nicht die Menschen der Uebergangszeit sich aufraffen und wenigstens durch zielbewußtes Wollen ersetzen, was ihnen infolge der unzulänglichen Erziehung abgeht. Die Hauptforderung ist die, daß jeder Mensch es ernst mit sich selber nehme. Denn „wer sich ohne Aufmerksamkeit auf sich selbst gehen läßt und von den Umständen sich gestalten, wie sie wollen, der gewöhnt sich bald an jede mögliche Ordnung der Dinge. . . . Man gewöhnt sich sogar an Sklaverei, wenn nur unsere sinnliche Fortdauer dabei ungekränkt bleibt, und gewinnt sie mit der Zeit lieb: und dies ist eben das Gefährlichste an der Unterworfenheit, daß sie für alle wahre Ehre abstumpft, und sodann ihre sehr erfreuliche Seite hai für den Trägen, indem sie ihn mancher Sorge und manchen Selbstdenkens überhebt. Laßt uns auf der Hut sein gegen diese Ueberraschung der Süßigkeit des Dienens, denn diese raubt sogar unseren Nachkommen die Hoffnung auf Befreiung. Wird unser äußeres Wirken in Fesseln geschlagen, — laßt uns desto kühner unsern Geist erheben zum Ge danken der Freiheit, zum Leben in diesem Gedanken, zum Wünschen und Begehren nur dieses einigen. Lassen wir nur nicht mit unserem Körper zugleich auch unseren Geist niedergebeugt und unterworfen und in Gefangenschaft gebracht werden!" Und so redet Fichte zur deutschen Nation: „Fragt man mich, wie dies zu erreichen sei, so ist darant die einzige, alles in sich fassende Artwort diese: W i r m ü s s e n eben zur Stelle werden, was wir ohnedies sein sollten, Deutsche. Wir sollen unsern Geist nicht unterwerfen: so müssen wir eben vor allen Dingen einen Geist uns anschaffen und einen festen und gewissen Geist, wir müssen ernst werden in allen Dingen und nicht fortfahren, bloß leichtsinnigerweise und nur zum Scherze da zu sein; wir müssen uns haltbare und unerschütterliche Grund sätze bilden, die allem unserm übrigen Denken und unserm Handeln zur festen Richtschnur dienen; Leben und Denken muß bei uns aus einem Stücke sein und ein sich durchdringendes und gediegenes Ganzes; wir müssen in beiden der Natur und der Wahrheit gemäß werden und die fremden Kunststücke von uns werfen; wir müssen, um es mit einem Worte zu sagen, uns Charakter anschaffen!" Die Fragen, die Fichte seiner Nation zur Entscheidung vorlegt, sind folgende: „1. Ob es wahr sei oder nicht wahr,