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Die Welt · 1912-06-07 · 23 (7.6.1912) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
23 (7.6.1912)
Date
1912-06-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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688 Juden haben sich gesagt: Ihr wollt uns nicht? Gut! Wir ziehen uns dann auf uns selbst zurück. So ist jene zionistische Bewegung entstanden, die eine sehr merkwürdige Erscheinung unserer Zeit ist. Konsequente Zionisten wollen die Wiedererweckung der Nation, der Sprache usw. Die Sprache soll, wie ich höre, sehr bildungsfähig sein und auch bereits von vielen gesprochen werden. Wir können heute nicht darüber reden, ob die zionistische Bewegung Erfolg haben wird oder nicht. Es ist aber gewiß töricht, diese Bewegung im Vorhinein verurteilen zu wollen und darüber zu streiten, ob der schon begonnene Weg weiter beschritten werden soll oder nicht. Ich höre sehr viel Positives aus Palästina, das unser Urteil hierüber beeinflussen muß. lieber die Assimilation sagt: Pernerstorfer, daß sie nur dann möglich sei, wenn die Liebe zueinander auf beiden in Betracht kommenden Seiten vorhanden ist. Nach diesem Vortrage sollte eine Diskussion stattfinden. Von den zahlreich anwesenden sozialdemokratischen Assimilanten versuchte natürlich keiner, dem Redner entgegenzutreten. Wie werden Austerlitz und Dr. Diamant die Ausführungen ihres Kollegen aufnehmen? Ein neues „Ritualverbrechen*6 (Von unserem Berichterstatter.) Odessa. Der Eifer unserer patriotischen Judenfresser hat sich wieder einmal um ein verblüffendes Beispiel bereichert. Nachdem man mit der mehr als gewagten Beilis-Affäre den kühnen Versuch gemacht hat, durch haarsträubende mittelalterliche Beschuldigungen das furchtbare Pogromgespenst über die Millionen russischer Juden heraufzubeschwören, findet man offenbar einen besonderen Gefallen an allerlei gruseligen Lügen dieser Art. Man wird sich erinnern, daß im Laufe der letzten Monate zahlreiche Versuche gemacht wurden, weitere „Ritualmorde" in Szene zu setzen, man wird sich auch noch an die Chanah-S p e k t o r - Affäre erinnern, die sich wegen eines angeblichen Mordes aus religiösen Gründen vor Gericht zu verantworten hatte. Der Ausgang der Chanah-Spektor-Affäre wurde nun für einen anderen ähnlichen Fall vorbildlich. Bekanntlich wurde die Spektor vom Geschworenengericht freigesprochen, der Staatsanwalt legte aber Berufung ein, und der regierende Senat annullierte das Urteil und versetzte die Spektor von neuem in Anklagezustand. Dieser Erfolg ermutigte den Herrn Staatsanwalt zu weiteren Leistungen. Es war nur natürlich, daß neben dem Ritualmorde auch die alte Beschuldigung wegen Schändung christlicller Heiligtümer ihre Auferstehung feierte. In einem kleinen Städtchen des Kreises Um an logierte vor einigen Jahren ein christlicher Heiligenbildermaler bei einer jüdischen Frau namens Chanah Taft. Als der Maler später verreiste, ließ er bei seiner Wirtin unter anderem Kram auch einen begonnenen Holzstich zurück, der den Erzengel Gabriel zur Darstellung bringen sollte. Das Brett lag so jahrelang im Holzstall, ohne daß jemand davon Notiz genommen hätte, und die Bildskizze verblich allmählich ganz. Vor einiger Zeit ließ nun Frau Taft einen neuen Zaun um den Hof errichten und ihre christlichen Arbeiter bedienten sich ahnungslos unter anderem Materiale auch des fatalen Brettes mit dem verwischten Gabrielantlitze. Später bemerkte jemand die Spuren des Heiligenbildes und erstattete Anzeige. Frau Taft mitsamt den christlichen Arbeitern wurden nun wegen Schändung christlicher Heiligtümer angeklagt. Die naiven Bauern vom Geschworenengerichte erkannten aber, daß den Angeklagten jede gotteslästerliche Absicht ferngelegen hätte und sprachen sie frei. Der diensteifrige-Staatsanwalt beeilte sich natürlich, gegen die Frei* Nr. 23 sprechung Berufung einzulegen, und unser regierender Senat rechtfertigte wieder ein mal die in ihn gesetzten Hoffnungen: Da? Urteil des Umaner Kreisgerichts wurde auf gehoben und gegen Frau Taft wird ein neue? Rechtsverfahren eingeleitet. Patriotische Morde Die außerordentlich umständlichen Pogrome großen Stile^ kommen bekanntlich in letzter Zeit nicht mehr zur Anwendung Statt des unbequemen Systems der großangelegten Pogromi zieht man es vor, die Juden durch das bloße Pogromgespens; zu demütigen und zu entnerven. Um aber das edle Hand werk nicht ganz zu verlernen, wird von Zeit zu Zeit gleich sam ein kleiner Streifzug veranstaltet, wobei dieser oder jene; Jude zur Strecke gebracht wird. — Man wird sich noch defamosen Liwkin erinnern, der au; purem Mutwillen und in sicheren Bewußtsein .seiner Straflosigkeit die wehrlosen Judei Bjelostotzky und Benjaminowitsch einfach nieder geschossen hat. Dieser Tage hat sich nun in Kiew, in dieser nunmehr hervorragenden Pflanzstätte patriotische! Geistes, ein ähnlicher Vorfall ereignet. In einem Variek Theater forderte der anwesende Oberstleutnant Lilie dei jüdischen Dirigenten Schreiber auf, den Regimentsmarsc! spielen zu lassen. Schreiber erklärte ruhig, er könne leides dem Wunsche des Herrn Oberstleutnant nicht nachkommen da ihm der betreffende Marsch unbekannt sei und er hier di». bezüglichen Noten nicht habe. Darauf erschoß Hen Lilie den Dirigenten auf der Stelle. Ein anderer patriotischer Mord wurde dieser Tage \n dem Gerichte zu C h w a 1 i n s k verhandelt. Hier hatte sie! im September 1911 folgender Vorfall ereignet: Die Jüdi; Münz war vom Krankenhause der Saratower Landschaftsverwaltung als Arztgehülfin angestellt worden. Sie mietete eii Zimmer beim Pedell des Krankenhauses Woltschkow, ent deckte aber gleich am folgenden Tage, daß sie von ihre? Hauswirten gründlich bestohleri wurde. Sie erstattete dahe Anzeige bei der Polizei. Diese unternahm eine Haussuchung bei Woltschkow und entdeckte hier prompt die gestohlenen Gegenstände. Als Woltschkow darauf nach dem Krankenhause kam, begann er laut auf die Juden zu Schimpfer und erklärte, mit der Jüdin zusammen nicht dienen zu wollen Plötzlich zog er den Revolver und feuerte auf die Münz indem er erklärte, die Ermordung Stolypins an der Jüdi rächen zu wollen. Fräulein Münz fiel tot zu Boden. Dieser Tage fanden nun die Gerichtsverhandlungen ürn Woltschkow statt. Der Mörder wurde zu der geringe Strafe von 16 Monaten Gefängnis (!) verurteilt. Das Schicksal des Angeklagten Beilis Obwohl die Staatsanwaltschaft den neuerlichen Enthüi lungen des Journalisten Brasui-Bruschkowski größer Aufmerksamkeit schenkt als seiner ersten Eingabe und d; sensationellen Hinweise Brasuls auf die wirklichen MörcU des Knaben Justschinsky ernstlich prüft, schmachtet de unschuldige Beilis nach wie vor im Gefängnis, und al' Bemühungen seiner Verteidiger, ihm bis zur Hauptverham lung gegen eine hohe Kaution die Freiheit zu verschaffe! sind bisher erfolglos geblieben. Neue Beschränkungen für jüdische Handelsreisende in Rußland Das Ministerium des Innern hat in Gemeinschaft mit der Ministerien der Finanzen, des Handels und der Justiz neu Regein über die Registrierung der in Rußland reisenden jüdi DIE^ELT

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