Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 23 (7.6.1912)
- Date
- 1912-06-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 23 t)\E% fessionelle Gründe auf die Anstellung von Beamten keinen Einfluß üben dürften, rundweg abgelehnt und als absolutes Sanktionshindernis erklärt. Der Ausschuß war schwach genug, sich ins Bockshorn jagen zu lassen und ränderte diesen bereits akzeptierten Passus ab. Im Plenum beantragte nun Dr. Schnieral als Minoritätsherichterstatter von neuem die Annahme dieser Bestimmung und besprach aus diesem Anlasse den judenfeindlichen Geist der Staatsverwaltung. Der Antisemitismus der Behörden sei nicht so primitiv und plump, wie er „zur Schande der Wiener Kultur von den Christlichsozialen gezüchtet wird", sondern eine latente, aber sehr konsequente Judenfeindschaft, die d e m jüdischen Staatsbürger fast alle Zweige der V e r w a 11 u n g verschließe. „Gegenüber dem Millionär hört freilich auch bei den höchsten Herren der Antisemitismus auf, und immer häufiger wird in adeligen Kreisen zu dem Wittel reicher Judenheiraten gegriffen.'' Es sei nicht nur eine Pflicht der Gerechtigkeit, der antisemitischen Tendenz der Verwaltungsbehörden entgegenzutreten, die Annahme der erwähnten Norm läge auch im Interesse aller nationalen Minoritäten des Reiches, da ja die Regierung gegen andere mißliebige Völker und Parteien ebenso vorgehen könnte, wie gegen die luden. Nicht ohne Humor war der Schluß seiner Ausführungen:! r forderte die Deutsch liberalen auf, sich dieser Sache energisch anzunehmen. Wer die bittere Ironie dieses Appells au die getauften Deutschliberalen Licht und Redlich nicht -ieich empfindet, sei daran erinnert, daß der deutsche Freisinn klubbrüderlich mit jenen Judenhassern beisarnmensitzt, 'ie für die Resolution Schmidt stimmten, also die Juden -ogar aus der Schule ausschließen wollten, die Menschen jüdischer Abstammung (also auch die getauften Klubmitglieder) als ehrlos betrachten und die engsten Bundesgenossen der vom Redner charakterisierten Christlichsozialen sind. Selbstverständlich hat die „Neue Freie Press ea, das Organ des judenfeindlichen deutschen Nationalverbandes, diese Aufforderung Dr. Schmerais unterschlagen. Bezeichnenderweise hat aber auch die „Arbeiterzeitung" die Ausführungen ihres tschechischen Genossen mit einer nichtssagenden Notiz abgefertigt, trotzdem sie prinzipielle Bedeutung haben und das Los eines Heeres von Intelligenzproletariern betreffen, die dem Staate Blutsteuer zahlen, aber in seine Aemter keinen Einlaß finden. Das kerndeutsche jüdische Redaktionskollegium des Wiener sozialdemokratischen Organs will eben keine „Judenschutztruppe" sein. Auch fordert es die Parteidisziplin, daß Aktionen eines tschechischen Sozialdemokraten im deutschen Parteiblatt totgeschwiegen werden . . . Zionistische Erfolge in Galizien Die Gewaltmaßregeln während der letzten Reichsratswahlen ^egen die galizischen Zionisten, das Blutbad von Drohobycz und die drückenden Strafen für das Bekenntnis zur jüdischen Nationalität anläßlich der Volkszählung vermochten die Entwicklung des Zionismus in Galizien nicht aufzuhalten. In den jüngsten Wochen sind drei zionistische Wahlsiege in galizischen jüdischen Gemeinderepräsentanzen zu verzeichnen, denen um so größere Bedeutung zukommt, als ja vor allem in den Kultusgemeindestuben leider die gefügigen Werkzeuge der Feinde des bewußten Judentums sitzen. In Z I o c z o w wurden bei den Gemeinderatsersatzwahlen die zionistischen Kandidaten Dr. E i t e 1 b e r g , Dr. Großköpf und Dr. Landesberg, sowie der dem Zionismus nahestehende Herr Opper mit sehr großer Mehrheit gewählt, und in Tarnopol zogen trotz aller Anstrengungen der Gegner und auch der Bezirkshaüptmannschaft unsere Wahl- [ELT 687 werber Dr. Waldmann, Baumeister Ocze r e t und Apotheker Kahane in den Gemeinderat ein. Auch in S t r y j wurden mehrere Mandate erobert, und bei Konstituierung des Kultusrates erlangte Gg. Dr. Byk das Amt des Vizepräsidenten der Kultusgemeinde. Die Forderungen der jüdischen Studenten Wien. Wie berichtet, hat das Rektorat der Wiener Universität unter dem Eindrucke der allgemeinen Entrüstung über die vielbesprochenen Maßregelungen jüdischer Akademiker die jüdische Studentenschaft aufgefordert, ihr Anliegen in einem Memorandum zu formulieren. Die Denkschrift, die dieser Tage von einer Deputation überreicht wurde, behandelt zunächst den Weidhofen er Beschluß und ersucht die maßgebenden akademischen Behörden, die A u f h e b u n g desselben anzustreben und so die Beleidigung der jüdischen Studentenschaft durch deutschradikale Studienkollegen zu beseitigen. Ferner forciert die jüdische Studentenschaft Abänderung der Disziplinarordnung im Sinne moderner, gerechter Rechtspflege und bis dahin strengste Bestrafung jedes deutsch radikal en Studenten, der a u f G rund des W e i d h o f e n e r B e s c h 1 u s s e s einem Juden wegen seiner Abstammun g i n einer w i e i m m e r g e a r t e t e n Form die E h r e abspricht. Schließlich gibt die jüdische Hörerschaft bekannt, daß sie jeden Verkehr mit dem Kanzleidirektor Herrn Dr. Blumauer wegen seiner politischen Vergangenheit und seines bisherigen Verhaltens abgebrochen habe, weshalb verlangt werden müsse, daß ein anderer Universitätsbeamter zur persönlichen Führung aller Angelegenheiten mit zionistischen Studenten betraut werde. Bezüglich des letzterwähnten Punktes hat der Rektor der Petition bereits Rechnung getragen und einen anderen Beamten nominiert. Mit den anderen Forderungen wird sieh der akademische Senat zu befassen haben, in welchem bekanntlich auch Juden und Judenstämmlinge sitzen. Abgeordneter Pernerstorfer über den Zionismus Die „Jüdische Zeitung" in Wien berichtet: Am 22. Mai hielt der Vizepräsident des österreichischen Abgeordnetenhauses, Pernerstorfer, im sozialw issenschaftlichen Verein in Brünn einen Vortrag über Nationalismus und Sozialismus. Im Verlaufe des Vortrages kam er natürlich auch auf die Judenfrage zu sprechen, die er eines der größten Probleme der Gegenwart nennt. Pernerstorfer sagte: „Die Juden sind eine eigene Rasse, manche sagen, eine eigene Nation. Ich vertrage mich mit jedem Juden, wenn er auch sagt: „Ich bin ein Jude, ich will nichts sein als ein Jude/4 Er gehört einem alten Kulturvolke an, dessen er sich nicht zu schämen braucht. Wie unglücklich ist doch der Mensch, der nicht seines Volkes Kind ist, der nicht in der Gemeinschaft steht, nicht in ihr wirkt. Nur mit einer Art der Juden vertrage ich mich nicht. Das sind diejenigen, die auftreten und da sagen, es gäbe keine Nation, die die Nation dekomponieren wollen. Jene Leute, deren Merkwürdigkeit darin besteht, daß sie einem Volke angehören, das durch 2000 Jahre durch Blut und Tränen gegangen ist und trotzdem besteht und eine Eigenart bewahrt und soviel für die Kultur geleistet hat, sollten doch nicht so verächtlich von der „Rasse" reden. Was soll also mit den Juden werden? Der Antisemitismus der achtziger Jahre hat eine natürliche Reaktion gebracht. Diese