Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1912-06-07 · 23 (7.6.1912) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
23 (7.6.1912)
Date
1912-06-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316514-3316537--56083-3349949
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

686 DIE3KEELT; Nr. 23 tragen; die einen (die Klügeren?) tun es früher, die anderen mögen sich später dazu genötigt sehen.. Und wenn, trotz d^r ^momentan geringen Realisierungschancen, dennoch die Konferenz der Mächte zustande kommen sollte, so dürfte sie wahrscheinlich alles ausscheiden, was nicht den Konflikt mit Italien betrifft. Es wird also voraussichtlich bei der konservativen Politik mit dem Status quo als Richtschnur bleiben, diesem Status quo, der so oft ein Interim und ein Präludium für die völlige Auflösung der Türkei zu bedeuten schien und nun, je länger er gewahrt bleibt, desto mehr die innere Kräftigung der Türkei fördert. Dem osmanischen Reiche drohen zwar noch genug Klippen im Inneren, wie die albanische und die Arabienfrage; aber es ist doch wieder gegründete Hoffnung auf eine gute Zukunft im Sinne der Reformer von 1908 vorhanden. Der gegenwärtige kritische Moment scheint also eine günstige Wende zu versprechen, die der Türkei helfen wird, Türkei zu bleiben und ihre bisherigen territorialen Besitztümer zu behalten. Für uns Zionisten hat diese Feststellung etwas Tröstliches und Beruhigendes. Unsere Politik, die die Erhaltung des osmanischen Reiches und den Bestand Palästinas als integrierenden,Teils desselben zur Basis genommen hat, kann durch sie nur an Stetigkeit und Zielsicherheit gewinnen. Die Orientierung ist klar gegeben; Geduld und Ausdauer werden zum Erfolge führen. ff - WELTCHRONIK O tl 6 P- 'J O Die Italiener-Ausweisung (Von unserem Berichterstatter.) Konstantinopel. Die Freude an der relativ günstigen Situation der. Türkei und die an sie sich knüpfenden Hoffnungen für unsere Volkszukunft können nicht von dem Schmerze ablenken, den uns als Juden die augenblicklichen Ereignisse im Orient bereiten. Wir haben schon einmal an dieser Stelle betont, daß die Juden beider kriegführender Länder am bittersten an den Kriegsleiden zu tragen haben, den moralischen und den materiellen. Die große allgemeine Italienerausweisung, die vergangene Woche die hohe Pforte verfügte, ist nun tatsächlich eine Katastrophe für unser Volk geworden. Es leben in der gesamten Türkei an 50 000 ausländische Juden, d. h. etwa ein Zehntel aller Juden des Reiches. Von diesen sind mehr als die Hälfte italienische Untertanen, alle unter dem Drucke der Verhältnisse des alten Regimes dazu gelangt, sich auswärtigen Schutz zu sichern, und nun in altbewährter jüdischer Treue, trotz, der innigen Sympathien, die sie mit ihrem eigentlichen Heimatslande, der Türkei, verbinden, trotz des Unheiles, das ihnen droht, doch entschlossen, den genossenen Schutz mit Anhänglichkeit zu erwidern. So wird sich denn innerhalb der nächsten Tage eine ganze Armee unserer Volksgenossen, an 20 -30 000 Seelen, in Bewegung setzen und die jüdische Weltwanderung um eine neue und ganz eigenartige Nuance bereichern. Die meisten dieser italienischen Juden sind nicht schlecht situiert, das ist wahr, einige von ihnen sehr wohlhabend. Aber zahllose unter ihnen, zumeist Kaufleute, werden durch die plötzliche Liquidation ihrer Geschäfte ruiniert, und vielleicht ebenso zahllose zurückbleibende nicht-italienische Juden, die in Kreditabhängigkeit von den ausziehenden Banken und Auftraggebern gestanden haben, werden in den großen Ruin mit hineingerissen werden. Furchtbar ist die Katastrophe vor allen Dingen für Saloniki, das an 12 000 seiner besten Bürger und seine wichtigsten wirtschaftlichen Institute verlieren muß. Aus Konstantinopel werden ca. 8000 jüdischer Seelen wandern; die hiesige italienische Gemeinde, die ihren eigenen Tempel und eigenen Friedhof besitzt, wird schwer heimgesucht werden. Ein harter Schlag wird damit auch gegen verschiedene lokale Organisationen geführt, die z. T. fast ihren ganzen Verwaltungsrat verlieren, u. a. die Alliance Israelite, deren hiesige Vertretung sich wesentlich auf die hervorragenden Juden italienischer Untertanenschaft stützte. Aber es werden auch die Gemeinden leiden, die, so schon auf höchst geringe Einkünfte angewiesen, nun noch eine so starke Summe finanzieller und intellektueller Kräfte einzubüßen haben. Auf das orientalische Judentum fällt Schlag auf Schlag. Jeder Schritt, den es vorwärts machen will, ist durch neue Katastrophen und neue Opfer bezeichnet. * Die italienischen Juden büßen für die Kriegssünden Italiens, die türkischen Juden haben für die Niederlagen des osmanischen Reiches herzuhalten. An der Besetzung der Insel Rhodus müssen natürlich böse Judenfinger mitgewirkt haben. Es gibt Blätter, die den Verlust der Insel zu einem Teile wenigstensder Spionage, dem Vaterlandsverrate — von welcher Seite anders als von jüdischer? — zuschreiben wollen. So schreibt der „Köjlü" von Smyrna: „Der Feind verbot den muselmanischen Bootsführern du Fortführung ihrer Berufstätigkeit. Nur die griechischen und jüdischen Bootsleute wurden ausgenommen und dürfen weiterfahren. Erkundigungen aus sicherer Quelle zufolge treiben die Juden Spionage für Rechnung des Feindes. Besonders denunzieren sie ihm die Aufenthaltsorte der Mitglieder des Komitees für Einheit und Fortschritt. Wie wir hören, haben sich jetzt sogar Juden von Smyrna nach Rhodus begeben, um hier als Dragomane oder für andere Geschäfte den Italienern zu dienen." Eine andere Zeitung will wissen, daß ein Grieche und drei Juden (deren Namen, sagt das Blatt vorsichtig, unbekannt sind) wegen Spionage verhaftet worden seien. Solche Dinge werden erfunden, aus Dummheit ode: bösem Willen, ohne daß im geringsten Anhaltspunkte dafür vorhanden wären. Um die Behauptungen zu illustrieren, sei nur darauf hingewiesen, daß es überhaupt vollkommen unmöglich ist, von Smyrna nach Rhodus zu dringen, da der Verkehr dahin vollkommen unterbunden ist, und daß es ebensowenig für eine Zeitung wie für sonstwen in der Türkei möglich ist, aus Rhodus überhaupt etwas zu erfahren, da Kabel- und Postverbindung unterbrochen sind. Schlimmer werden die Dingi dadurch, daß die haltlose Verdächtigung, mit der ein odei wenige Juden beworfen werden, sofort auf die jüdische Gesamtheit ausgedehnt wird, was geeignet ist, den leichtgläubige Türken, der noch auf seine Zeitung schwört, mit blindem Hai gegen unser Element zu erfüllen. Demission des Medschliss Dschesmani Konstantin opel, 1. Juni. Der Medschliss Dschesmani, der mit dem Großrabbiner seit mehr als vier Monaten in: Konflikt gestanden hatte, hat gestern infolge des Austrittes zweier seiner Mitglieder i r corpore seine Demission gegeben. Zur jüdischen Beamtenfrage (Von unserem Berichterstatter.) Wien. Im österreichischen Abgeordnetenhause hielt anläßlich clor Beratung über die Dienstpragmatik der Staatsbeamten der tschechische sozialistische Abgeordnete Dr. S c h m e r a 1 ein', bemerkenswerte Rede, in der er ein trauriges Kapitel dei österreichischen offiziösen Judenfeindschaft mit Verständnis und dankenswerter Offenheit behandelte. Die Regierung hatte die Aufnahme einer Bestimmunoin die neue Pragmatik, wonach politische, nationale und k o n *

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.