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Die Welt · 1912-06-07 · 23 (7.6.1912) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
23 (7.6.1912)
Date
1912-06-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE LT BERLIN W15,. SACHSISCHE STB. 8. W ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVI. JAHRG. Berlin, 7. Juni 1912 umto? rann fH ]vo n'O /^nn Nr. 23. Eine europäische Orientkonferenz? Wieder ist die jungtürkische Geschichte an einem Punkte angelangt, den man als einen kritischen bezeichnen muß. Er wird die Entscheidung darüber bringen, ob die Mächte Europas es für nötig erachten, das ganze Orientproblem einer Revision zu unterziehen oder ob sie im Sinne der von ihnen seit der Revolution von 1908 beobachteten Haltung nicht daran rühren wollen. }ie Frage einer Konferenz ist aufgetaucht und hat in der ganzen europäischen Presse eine eingehende Erörterung gefunden. Wenn man die Haltung der türkischen Welt zu diesem Vorschlage beobachtet, so gewinnt man den Eindruck, als ob sich dahinter eine ernste Gefahr für den Fortbestand der Türkei als Großmacht verberge. In der Tat lehnt die gesamte osmanische Presse den Gedanken an eine solche Konferenz entschieden ab, zumindest, wenn das Programm dieser Konferenz sich nicht auf die Beilegung des türkisch-italienischen Streitfalles beschränken, sondern auch andere, vielleicht gar alle Probleme des nahen Orients umfassen soll. Man ist hier gegen den Vorschlag schon deshalb von vornherein mißtrauisch, weil er auf die russische Quelle zurückgeht, an deren Lauterkeit nach den russischen Truppen- und Flottendrohungen und nach den allrussischen Forderungen auf Entschädigung für die Verluste der Schiffahrt durch den Dardanellenschluß nun auch die Naivsten in der Türkei nicht mehr glauben. Man fühlt instinktiv, daß hinter diesen Forderungen und Drohungen das verhängnisvolle Verlangen des Zarenreiches nach dauernder Oeffnung der Meerengen für die russische Kriegsflotte lauert, dessen Erfüllung die furchtbarste Gefahr für die Existenz der Türkei bedeuten kann. Die Türkei hat da- Her, wie aus der Zusammenziehung erheblicher Truppenkörper an der Küste des Schwarzen Meeres hervorgeht und wie sich auch aus der Sprache der Diplomatie ergibt (wenn auch vielleicht offiziell kein Frage- und Antwortenaustausch stattgefunden hat), ablehnend auf den Konferenzvorschlag geantwortet. Ueber die wahren Absichten der europäischen Kabinette der Türkei gegenüber liegt ein dichter Schleier gebreitet, der nur nach und nach erst einige Zipfel lüftet. Dachte man , und denkt . man hier oder dort wirklich an eine Liquidation der neuen Türkei, wie geflüstert wurde? Es scheint, nach den neuesten Informationen zu urteilen, daß derartige Pläne nicht bestehen. Zwar hat Frankreich, wie schon vor zwei Jahren, wieder einmal der Aufnahme einer Zehnmillionen-Anleihe Schwierigkeiten in den Weg gelegt, was kaum das Prädikat einer freundlichen Handlung verdienen dürfte; aber daß die moralische Nötigung zu Gefälligkeiten an die verbündete russische Diplomatie weiter reichen wird, ist nicht recht anzunehmen. Deutschlands Aufrichtigkeit der Türkei gegenüber ist anläßlich der Abberufung Marschalls von Bieberstein wieder einmal bezweifelt worden. Aber es scheint ganz ausgemacht, daß eine jahrzehntelang in bestimmter Richtung sich bewegende Politik, wie die auf Erzielung wirtschaftlicher Erfolge im Orient eingestellte Politik Deutschlands, die nur in einer Kräftigung der Türkei ihre Realisierung finden kann, sich nicht von einem Tage zum anderen ändern werde und ändern ließe. Es wird auch von maßgebenden Stellen versichert, daß Deutschland nicht daran denke, sondern daß Freiherr von Marschall in London die alte Türkenfreundschaft zur Geltung bringen und seinem Nachfolger Wangenheim in Konstantinopel die gleiche Haltung als politische Erbschaft hinterlassen werde. Oesterreich ist, schon im Hinblick auf die Expansionsbestrebungen seiner südlichen und nordöstlichen Nachbarn, fester als je zum Schutze der türkischen Reichsintegrität entschlossen, und es hat diesen Willen im gegenwärtigen Kriege durch seinen Einspruch gegen die Ausdehnung der italienischen Aktion auf die adriatische Küste offen betätigt. England vollends scheint, nach bestimmten Versicherungen der darüber sehr beglückten politischen Türkenkreise, sich zu einer Wandlung seiner früheren Haltung, d. h. zu einer entschiedenen und weitgehenden Freundschaft bekehrt zu haben; die Beziehungen zwischen Pforte und britischer Botschaft sind momentan inniger als je, worauf die plötzliche Unterbrechung der italienischen Flottenaktion im Archipel zurückzuführen sein dürfte. Ist dieses diplomatische Situationsbild richtig, so ist die Lage der Türkei nach außen augenblicklich besser als seit langer Zeit. Der Widerstandskraft, die die Türkei offenbart hat, muß Europa wohl oder übel Rechnung

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