Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 22 (31.5.1912)
- Date
- 1912-05-31
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Das jüdische Vereinsleben in Konstantinopel (Von unserem Berichterstatter.) Es wird immer augenfälliger, daß im gleichen Maße, wie in Konstantinopel das Gemeindeieben verfällt, ein neues jüdisches Leben und Treiben in den Vereinen sich mehr und mehr entwickelt, das zu guten Hoffnungen berechtigt. Vielleicht, daß die jetzige Generation erst völlig durch diese Schule gehen muß, um für die sozialen und kommunalen Aufgaben der hiesigen Judenheit reif zu werden, und dann erst, auf ganz neuer psychologischer und organisatorischer Basis, die jüdische (Gemeinde der Zukunft aufzubauen. In fast allen Schichtungen, Parteischattierungen und Ständen regt es sich; an den Gruppierungen nehmen teil die Armen wie die Reichen, die Jungen wie die Alten, die mehr oder weniger Jüdischen wie die mehr oder weniger Unjüdischen. So lichtet sich nach und nach das Chaos, die trübe und faule Ruhe schwindet, und um die verschiedensten Kristallisationspunkte formen sich Gebilde, die sich zu bewußt Organischem zu gestalten suchen. Eine gesunde Eifersucht untereinander spornt sie zu Stärkstmöglichen Anstrengungen, die Kräfte an die Oberfläche treiben, die bis dahin unsichtbar gewesen waren Mehr oder weniger leisten alle diese Vereine ihr Gutes, wenn auch die einen mehr in der Realität, die anderen mehr auf dem Papiere; selbst auf die Rechnung der uns am wenigsten Zusagenden läßt sich Lobenswürdiges setzen. Die „Amicale", die Association des anciens eleves de PAUiance Israelite Universelle, hat zwar ihre pompös angekündigte Kulturaktion wesentlich eingeschränkt. Ihre zweijährige Vortragsserie ist im Debüt des christlichen Grafen Ostrorog über Japan steckengeblieben, bei jenem interessanten und einzigen Vortrag, von dessen Ruhm noch heute die Vereinigung zehrt und dessen Zusammenhang mit dem Judentume eine offizielle Präsidentenrede in der Tatsache findet, daß eine Ueberlieferung die Japaner für Nachkommen der zehn israelitischen Stämme ausgibt. Ihre Abendkurse in den vielen Vororten bleiben unbenutzt, und ihre Turngeräte zieren stummtraurig und verlassen die immeröde Halle. Ihre Mitgliederziffer hat, wie offiziell bekanntgegeben, gegen das Vorjahr nicht zugenommen, sondern, wie aus dem statistischen Vergleiche hervorgeht, sich beträchtlich vermindert. Sie hat sich Vom Sportfest des jüdischen Turnvereins „Makkabi" in Konstantinopel (12. Mai 1912) Aufmarsch der Turner Reckübungen und materielle Leistungen erzielen, die man hier nicht für möglich gehalten hätte. Bisher scheinen aber Erfolge nur ihren Einzelbestrebungen beschieden zu sein; zu gemeinsamen Aktionen und Resultaten fehlt ihnen noch die Fähigkeit, über sich selbst hinaus zu steigen. Es ist interessant, daß alle diese Vereinsbildungen in positiver Folge oder als negative Reaktion ihr Entstehen dem Wirken der nationaljüdischen Idee zu verdanken haben. Als allererster auf den Plan trat der Turnverein „Makkabi". Sein Aufblühen und seine durchgreifende Wirkung in nationalem Sinne trieb seine Feinde dazu, eine Gegenkraft zu schaffen, und sie gründeten den Alliancebund „Amicale". Ein zionistischer und hebraisierender Jugendverein kleineren Stiles brachte in seinem Gefolge eine jargonisierende Antithese, der wiederum eine kräftigere nationale Zusammenfassung gegenübertrat Aus der opferfreudigen Hingabe warm jüdisch Fühlender ist im vergangenen Jahre die Loge „Bene Berith" hervorgegangen; und der schöne Aufschwung, den dieses Werk genommen, wurde für andere, weniger jüdisch interessierte Kräfte der Ansporn dazu, ihren „Petit Cercle" zu einem Gegenkraftpunkte auszubauen. Interessant ist auch, daß alle, auch nicht- und antinationale Vereinsbildungen am hiesigen Platze gezwungen wurden, positives Judentum in irgendeiner Form auf die Fahne zu schreiben; zuletzt der „Petit Cercle", der es, um seiner Auflösung zu entgehen, für nötig befand, sich aus einem „internationalen", d. h. mit zwei oder drei Renommierchristen versehenen Klub in einen rein jüdischen umzureformieren. im wesentlichen auf die positive Aktion beschränkt, Fonds anzusammeln, zu deren künstlicher Vergrößerung eine große Geldforderungskampagne, besonders nach Paris und Deutschland hin, unternommen wurde, und die dem Zwecke der Errichtung eines großen Vereinshauses dienen sollen, der künftigen Hochburg zur Bekämpfung alles nationalen Judentums. Aber die ihrem Tun immanente Anerkennung der Wichtigkeit des ihr vom „Makkabi" gezeigten Turnens als Mittels physischer Judenregenerierung, wie der ihr von den Hilfsvereinsschuleh gelehrten Bedeutung der türkischen Abendkurse, hat zum Durchdringen guter Prinzipien beigetragen, und ihr eifriges Streben nach einem eigenen Heime hilft die Ueberzeugung von der Unerläßlichkeit eines großen allgemeinen und neutralen jüdischen Volkshauses in Konstantinopel vorbereiten und in immer weitere Kreise tragen. Im „Bene Berith" hat das hiesige Judentum denjenigen Konzentrierungspunkt gefunden, der ihm vielleicht am notwendigsten war. Es galt, den moralisch oder materiell wertvollen jüdischen Bürger, der dem jüdischen Gesamtinteresse vollkommen abzusterben drohte, wiederzuerwecken und mit seinesgleichen zu nützlichen Werken zu vereinigen. Es war, um diesem Beginnen Ansehen und Finanzkraft zu gewinnen, notwendig, sich vornehmlich an die oberste Schicht der hiesigen Judenschaft zu halten; und es gelang tatsächlich, die Elite des jüdischen Konstantinopel hier zu vereinigen. Das ist ein um so größerer Erfolg, als nicht abzusehen ist, welche andere Sache sonst dieses Kunststück hierorts hätte zustande bringen