Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 22 (31.5.1912)
- Date
- 1912-05-31
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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660 ME 3 liches Memorandum zu überreichen, das er dem Senate unterbreiten werde. Da sich die allgemeinen Sympathien der jüdischen Oeffentlichkeit den zionistischen Studenten und ihrer wackeren Aktion zuwenden, behandelt den Gegenstand nunmehr auch die zionistenfeindliche „Oesterreichische Wochenschrift". Dieses offizielle Organ der israelitischen Kultusgemeinde, das bisher die traurigen Vorfälle totschwieg, sucht jetzt seine grobe Pflichtverletzung mit bösartigen Ausfällen gegen die Zionisten zu bemänteln und macht plumpe Anstrengungen, die jüdisch-nationale Studentenschaft, die sie wiederholt mit dem Schimpfworte „zionistische Bubokratie" verunglimpfte, gegen die zionistische Leitung auszuspielen. Gegenüber den unrichtigen Behauptungen des genannten Blattes, man habe durch Ausschließung des Kultusvorstandes und der nichtzionistischen Oeffentlichkeit der Aktion Abbruch getan, sei konstatiert, daß sich die Studenten in ihrem Aufrufe an die gesamte jüdische Oeffentlichkeit gewendet und die ganze Judenschaft zur Solidaritätsbekundung und Mitwirkung an der Protestversammlung aufgefordert hat. Die in tausenden Exemplaren verbreitete Proklamation gelangte auch dem Kultus vorstände zur Kenntnis, denn Herr Kultusgemeindepräsident Dr. Stern hatte mitteilen lassen, er werde in der. Versammlung erscheinen und sprechen und wurde auch von den Veranstaltern erwartet. Nach der Demonstration gab Herr Vizepräsident Dr. K o h n die Gründe bekannt, warum sich die Gemeinderepräsentanz absentiert hatte: Die Herren schenkten dem Inhalte der Proklamation keinen Glauben. Bis zum Versammlungsabend sei es nicht gelungen, durch Umfrage bei den kompetenten Faktoren die Richtigkeit des in der Flugschrift angeführten Sachverhaltes zuüberprüfen... Diese ebenso amüsante wie beschämende Episode hätten wir gerne unterdrückt. Herr Dr. Stern möge sich bei Herrn Dr. Bloch bedanken. Die Brunnenvergiftung der „Oesterreichischen Wochenschrift" wird unsere Studenten in ihrem schönen Beginnen, die ganze jüdische Bürgerschaft zu gemeinsamer Abwehr zu einen, nicht erlahmen lassen. Es besteht die Absicht, eine Massenadresse von möglichst großem Umfange den maßgebenden Behörden zu überreichen, um zu erweisen, daß es sich nicht etwa bloß um eine interne studentische Angelegenheit, sondern um die Ehre des Judentums, um die staatsrechtlich gewährleisteten Rechte eines österreichischen Volksstammes handelt. In den nächsten Tagen wird auch eine Deputation von Bürgern und Studenten unter Führung von Reichsratsabgeordneten bei der Regierung vorsprechen. Die Familie Sassoon (Zum Abieben Sir Edward Sassoon s.) (Von unserem Berichterstatter.) London. Sir Edward Sassoon, das Haupt des englischen Zweiges dieser berühmten indisch-jüdischen Familie, ist vorigen Freitag gestorben. Mit seinem und dem vor einigem Monaten erfolgten Tode seines Onkels Arthur David* Sassoon haben die Sassoon« in England ihre führenden Persönlichkeiten verloren, denn der alte Frederick Sassoon ist nur geschäftlich tätig, während der einzige Sohn Sir Edwards noch zu jung ist, um irgendwelche Bedeutung im öffentlichen Leben zu besitzen. Es verlohnt sich, etwas länger bei dem Tode Sir Edward Sassoons zu verweilen, als es sonst bei dem Hinscheiden eines jüdischen Finanzbarons angebracht wäre. Ein Teil der Familie Sassoon, die aus B a g d a d stammt, aber in Indien zu einem ungeheuren Reichtum und Einfluß gelangt" ist, hatte sich vor zwei Generationen in England niedergelassen, und durch die persönliche Gunst des verstorbenen Königs Eduard, der mit den Sassodns während seiner Reise in Indien als Prinz von Wales in freundschaftliche Verbindung trat, wurde die Familie in die höchsten aristokratischen Kreise eingeführt. Die Sassoons wurden tonangebend in der besten Gesellschaft, in der Oper, auf dem Turf. Die Brüder Reuben Und Arthur Sassoon waren sehr oft im Gefolge des Prinzen und späteren Königs zu sehen. Wenn dieser der Ruhe bedürftig war, verweilte er ein paar Wochen bei den Sassoons. Es war sein Vergnügen, an der Jagd auf dem schottischen Sitz der Sassoons teilzunehmen. [EU ■ Nr. 22 Dabei verraten die Sassoons ihren orientalischen Ursprung auf den ersten Blick. Noch mehr, als sie nach England übersiedelten, waren sie nicht nur gut jüdisch gesinnt, sondern auch gut jüdisch gebildet Noch gibt es einige Neuankömmlinge der Familie in London, die ein ganz bedeutendes jüdisches Wissen besitzen. Die alten Sassoons hatten ihre eigene Synagoge, kostbare Sepharim usw. Das jüdische Gefühl verflüchtigte sich im Laufe der Zeit. Wohl blieben die Sassoons dem Judentum treu, denn ihre jüdische Abkunft war ihnen eher ein Vorteil als ein Hindernis in ihren gesellschaftlichen Beziehungen mit der englischen Aristokratie. Zu dem überschwänglichen orientalischen Glanz eines indischen Magnatengeschlechts kam noch der legendhafte Ruhm der Abstammung von einem jüdischen Exilarchen. Sir Albert Abdallah Sassoon war ein mächtiger Kaufherr, aber dessen Sohn Edward wollte mehr sein. Er heiratete eine Tochter von Baron Gustave de Rothschild aus Paris und wurde Politiker. War schon sein Weg durch seinen Reichtum und seinen sozialen Einfluß geebnet, so wäre es ihm wahrscheinlich ein leichtes gewesen, als Pair in das House of Lords einzuziehen. Aber da kam gerade die jetzige liberale Regierung ans Ruder, und der streng konservative Sir Edward Sassoon mußte sich mit der Hoffnung auf die Zukunft begnügen. Er war auch einmal der Präsident der sephardischen Gemeinde, aber er demissionierte und beschränkte sich ganz und gar auf seine politische Tätigkeit. Da starb ihm seine Frau, eine äußerst sympathische Dame, und er selbst verfiel einer tödlichen Krankheit. Für die jüdische Welt bedeutet der Niedergang der Familie Sassoon in England einen gewissen Verlust — und eine gewisse Lehre. Auch unter den günstigsten Umständen ist es uns unmöglich, unsere Patrizierfamilien zu erhalten. Der jüdische Adel ist nicht wie der Adel eines anderen Volkes, der ihm die natürlichen Führer liefert. Bei uns schwindet er dahin, um in dem Leben der Wirtsvölker aufzugehen. Der neue Präsident der englischen Zionisten London. Dr. Samuel A. Hirsch, der zum ersten Präsidenten des neugeschaffenen Joint Zionist Council gewählt wurde, ist in der großen zionistischen Welt nicht genügend bekannt, aber er ist einer der ältesten Zionisten Englands, der schon in Vor-H erzisch er Zeit einer der tätigsten Mitkämpfer der englischen Chowewe-Zion war. Als Herzl auf dem Schauplatz trat, da zogen sich Dr. Hirsch, sowie Oberst G o 1 d s u n d, der Präsident der Chowewre Zion, von der Bewegung zurück. Es ist bekannt, daß Oberst Goldsmid sich gerade vor seinem1 Tode der Bewegung wieder anschloß, und auf dem 6. Kongreß als Gast anwesend war. Auch nahm er an der Expedition nach El-Arisch teil. Dr. Hirschs Wiederkehr in die Bewegung bedeutet einen großen Gewinn für die englischen Zionisten. Dr. Hirsch, der soeben von seinem Amte als Dozent am englischen Rabbinerseminar, dem Jews' College, nach 32 jähriger fruchtbarer Arbeit in den Ruhestand getreten ist, gilt als ein Mann von bedeutender jüdischer Gelehrsamkeit und schätzenswerten Charaktereigenschaften und wird nun wohl seine Muße ganz in den Dienst unserer Bewegung stellen. Bezalel-Ausstellung in Krakau Am 2. Juni wird in Krakau eine Bezalel - Ausstellung eröffnet. Dieselbe dürfte sich sehr erfolgreich gestalten. Dafür bürgt das Ehrenkomitee, bestehend aus den jüdischen Notabein der Stadt, wie dem Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde, Dr. S. Till es, Rabbiner Dr. O. Thon. Hof rat J. S a r e , Landtagsabgeordneten Dr. Ignatz Landau usw. Die rührige akad. Verbindung „Przedswit-Haschachar", deren Initiative diese großartige Veranstaltung zu verdanken ist und deren Mitglieder unter der Führung des Herrn Dr. Gh. H i I f s t e i n die mühselige Vorbereitungsarbeit verrichten, bietet alles auf, um der Ausstellung einen glänzenden Verlauf zu sichern. Der Ort der Ausstellung ist das vornehme Palais „Spiski" am alt ehrwürdigen Krakauer Ringplatz. Die künstlerische Leitung liegt in den Händen des bewährten Meisters Artur Markowicz. Markowicz hat auch das Plakat für die Ausstellung gezeichnet, das einen hohen künstlerischen Wert repräsentiert.