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Die Welt · 1912-05-31 · 22 (31.5.1912) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
22 (31.5.1912)
Date
1912-05-31
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 22 mal auf das Thema zurück. Er glaubte sich zu der Erklärung verpflichtet, daß die „Agudah" kein Surrogat für den Zionismus darstellen solle. Wir verlangen, sagte er, keine Offizierstellen für unsere Söhne, \vir wollen .nicht einmal in den Verdacht kommen, Zionisten zu sein, wir wollen nicht wanken in unserer Treue zum Vaterland. Uns orthodoxen Juden ist Patriotismus eine Mizvvoh. Wir bleiben treue Untertanen, deutsche, ungarische, russische, auch wenn man uns Scheiterhaufen errichtet und den gelben Fleck anheftet..... Herr Dr. Breuer, der „Ubi bene, ibi patria"-Patriot, der vor zirka zwanzig Jahren noch in Ungarn begeisterter königlich ungarischer Vaterlandsfreund war und dann nach Deutschland kam, der aber vor fünfzehn Jahren schon auf dem Sprunge war, kaiserlich-österreichischer Staatsbürger zu werden, ist wohl, — dies werden auch seine engsten Gesinnungsgenossen zugeben — nicht der richtige Mann für solche Anwürfe, abgesehen davon, daß sich gerade vom Standpunkte der jüdischen Religion, als deren Wortführer Herr Rabbiner Breuer sprach, eine derart halt- und grundlose Beschuldigung jüdischer Brüder in keiner Weise rechtfertigen läßt. IN ach einer überaus sympathischen kurzen Rede des Herrn Dr. Hoff mann, Rektors des Berliner Rabbinerseminars, der zum Frieden mahnte, sprach wieder Jakob Rosenheim - Frankfurt a. M. und erstattete namens des provisorischen Womitees den Tätigkeitsbericht. Die Aufgabe der Agudah sei vornehmlich die religiöse Hebung der jüdischen Jugend Westeuropas, in zweiter Reihe auch Osteuropas. Andererseits harren ihrer auch auf wirtschaftlichem Gebiete vielfache Aufgaben. So obliegt ihr: 1. Die großzügige Förderung des Thorastudiums und der jüdischen Erzienunig. 2, Wirtschaftliche Besserstellung der Juden in allen Ländern und Palästina. 3. Hilfsaktionen im Falle des Bedürfnisses. 4. Förderung einer von echt jüdischem Geist erfüllten Presse und Literatur. 5. Vertretung der orthodoxen Judenheit nach außen. Für die Organisation sei zu fordern: Volkstümlichkeit, Anerkennung der rabbinischen Autoritäten unserer Zeit und Dezentralisation. In der Generaldebatte, die bis spät in den Nachmittag dauerte, beschäftigten sich einige Herren mit der Kulturfrage,, d. h. der Frage der Erziehung und des Unterrichts, wobei Rabbiner S ch n u r - Tarnow insbesondere von Rabbiner Wiener- Wadowice stark angegriffen wurde. Ferner sprach Herr Rabbiner Dr. Kaatz-Zabrze sehr scharf gegen Dr. Breuers Ausführungen, ebenso Gg. Dr. Franck-Altona, der mit Entrüstung gegen Breuers Ausfälle protestierte. Unter allgemeinem Beifall lehnte er namens der orthodoxen Zionisten jede Verantwortung für das taktlose Hineinzerren der Misrachi- und Zionistenfrage ab. Er erklärte alle Org-anisan tionsversuche der orthodoxen Judenheit als Frucht der zionistischen Arbeit und betonte, daß der Misrachi gerne der Einladung zur Mitarbeit gefolgt sei. Der Misrachi sei berufen, den Vermittler zwischen Orthodoxie und Zionismus zu bilden. Auch Jakob Rosenheim betonte den durchaus friedlichen Öharakter der „Agudath Jisroel", die keine Kampforganisation sei. Hierauf wurde die folgende Resolution angenommen, in die auf dringenden Wunsch der „offiziösen", beileibe nicht offiziellen, Vertreter der ungarischen orthodoxen Landeskanzlei das Wort „orthodox" eingefügt wurde: „Die heute in Kattowitz versammelten Vertreter der thoratreuen, orthodoxen Judenheit aus allen Ländern der Diaspora erklären nach Anhörung des vorgetragenen Referates die „Agudath Jisroel" für begründet und verpflichten sich, für den Aufbau der Organisation mit allen iKräften zu arbeiten. Die „Agudath Jisroel" dient derFörde- 659 rung aller jüdischer Interessen auf religiöser Grundlage, unter Ausschluß jeder politischen Tendenz." Nach Schluß der Generaldebatte, die mit der Annahme der vorgeschlagenen Thesen endete, gelangten als nächster Punkt der Tagesordnung die Wahlen zur Durchführung. Herr Rosen heim sprach über die Motive, die den provisorischen Ausschuß bei seinen Anträgen für die zu wählenden Kommissionen leiteten; nach seinem Vorschlage wurde eine Rabbiner^Kommission und eine Anzahl Herren aus Rußland, Ungarn und Galizien zur Verstärkung des provisorischen Komitees gewählt, dessen endgültige Konstituierung erst später erfolgen soll. Ueber den Ort der nächsten „großen Versammlung" (Aßifah gedolah) — Krakau, Wien oder Franfurt a. M. — wird das Komitee Entschließungen treffen. Vor dem Schlußwort erbat das provisorische Komitee Zeichnungen für den Propagandafonds; die Versammlung schloß darauf mit dem Danke an die jüdische Gemeinde Kattowitz. Den formellen Abschluß bildet eine für Mittwoch abends naich Krakau einberufene Volksversammlung, an der ein großer Teil der nichtgalizischen Delegierten teilnehmen soll. Die Vorgänge an der Wiener Universität (Der Eindruck in der Oeffentlichkeit. — Die Deputation beim Rektor. — Die Brunnenvergiftung der „Oesterreichischen Wochenschrift". — Eine Massenadresse.) (Von unserem Berichterstatter.) Wien. Die Aktion der zionistischen Studenten Wiens und des zionistischen Verbandes ehemaliger Akademiker in der an dieser Stelle wiederholt besprochenen Angelegenheit der Ausschließung jüdischer Hochschüler vom Studium trägt bereits Früchte. Zunächst haben die Verbreitung einer aufklärenden Flugschrift, die imposante Straßendemonstration und die Massenversammlung die Öffentlichkeit gezwungen, sich die Frage vorzulegen, ob es geduldet werden darf, daß man jüdische Jünglinge von der alma mater verbannt, wenn sie sich gegen die Behandlung als vogelfreie, „von Geburt aus ehrlose Söhne eines ethisch minderwertigen V o 1 k e s" zur Wehre setzen, während die Beleidiger straf- 1 o s ausgehen. Sämtliche Tagesblätter, die vorher die Aufnahme auch der kleinsten Notiz über diese Vorgänge an der Universität verweigerten und nicht einmal der Ankündigung der Versammlung Raum gewährten, haben nachträglich über die Ursachen und den Verlauf der Protestkundgebungen berichtet. Auch die akademischen Behörden stehen sichtlich unter dem Eindrucke der allgemeinen Erregung. Nach der Demonstration sprach der Obmännerausschuß der zionistischen Studentenschaft im Rektorate vor und erklärte zunächst, fürderhin mit Herrn Kanzleidirektor B1 u m a u e r nicht verhandeln zu wollen, da dieser Beamte — selbst ein ehemaliger antisemitischer Student — wiederholt die jüdischen Hörer brüskiert, ins Unrecht gesetzt und seine Parteilichkeit zugunsten der deutschnationalen Judenhasser bekundet hat. Der Rektor empfing daher die Deputation persönlich. Der Sprecher der Abordnung wies auf die Solidarität der gesamten Judenheit mit den zionistischen Akademikern hin. Der akademische Senat dürfe die Propagierung des Weidhofener Beschlusses auf akademischem Boden fürcTerhin nicht dulden, da er eine unerhörte, unmoralische, den Staatsgrundgesetzen hohnsprechende Beleidigung eines großen Teiles der Kommilitonen und auch A n - fe höriger des Professorenkollegiums involviere, o sehr die jüdisch-akademische Jugend die Universitätsgesetze achte und den friedlichen StudienSetrieb wünsche, würde sie doch auch weiterhin ihre Volksehre schützen und zur Selbsthilfe greifen müssen und auch vor Massenrelegierungen nicht zurückschrecken, wenn der akademische Senat nicht unnachsichtlich alle Elemente bestraft, die es wagen, akademischen Bürgern wegen ihrer Zugehörigkeit zum Judenvolke die Ehre abzuschneiden. Der Rektor erwiderte, daß er die Erregung der jüdischnationalen Hörer „menschlich" begreife und den Weidhofener Beschluß verurteile. Er ersuchte die Deputation, ihm ein schrift- DIE^ELT

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