Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 22 (31.5.1912)
- Date
- 1912-05-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Nunmehr ergreift Herr Julius S i in o n das Wort und spricht in herzlichen Worten, die stürmischen Beifall hervorrufen, die Befriedigung über den Verlauf des Delegiertentages aus. Der Delegiertentag sei merkwürdig dadurch, daß er alte, früher oft behandelte Streitfragen wiederum aufgerollt, aber doch zu wahrem Einvernehmen gelang! sei. Besonderer Dank gebührt Herrn Wolffsohn, der durch sein Erscheinen und durch seine Teilnahme an dem Delegiertentage zum Frieden gewirkt habe und uns allen ein Vorbild sei, wie man in der zionistischen Organisation wirken solle. Herr Wolffsohn, mit stürmischem Beifall empfangen, erwidert, daß dieser Dank ihm nicht gebühre, denn es sei kein Eingreifen von seiner Seite nötig gewesen. Die Meinungskämpfe im Zionismus seien notwendig und könnten nie schaden, wenn sie in dem brüderlichen Geiste ausgekämpft würden, der die zionistische Organisation beseelt. Besonderer Dank gebühre dem Präsidium und seinem Vorsitzenden Dr. Hantke. Dann ergreift Herr Dr. Hantke das Wort. Er dankt den Posener Gesinnungsgenossen, die diesen Delegiertentag veranstaltet haben und stellt mit Nachdruck fest, daß die Debatten wiederum gezeigt haben, worin die Stärke der deutschen Landesorganisation beruhe: In der straffen organisatorischen Zusammenfassung der Kräfte und in dem entschiedenen Auftreten nach außen, das keine Kompromisse kennt. Der Friede, den wir auf dieser Tagung konstatieren konnten, sei ein wirklicher Friede, und wenn wir in dem Geiste, in dem wir heute versammelt sind, auf dem nächsten Kongreß erscheinen, so werden wir in der deutschen Landsmannschaft keine Majorität und Minorität haben und unsere Beschlüsse werden von einheitlichem Geiste beseelt sein. Um 7 Uhr abends schließt der Vorsitzende die Tagung. Die Gründungsversammlurig der „Agudath Jisroel" in Kattowitz (Von unserem Berichterstatter.) Kattowitz, 27. Mai 1912. Die Vorkonferenz. Für heute war die zwanglose Zusammenkunft der Versammlungsteilnehmer vorgesehen. Wer die strenge Kontrolle am Tore der Reichshalie glücklich passiert hatte, gelangte endlich in einen großen, menschenüberfüliten Saal, der gleich beim Betreten einen ganz eigenartigen Eindruck machte. Nichts von der feierlichen und erhebenden Stimmung unserer zionistischen Kongresse, nicht viel von der freudigen Begrüßung alter Freunde bei frohem Wiedersehen, wie sie dort den letzten Viertelstunden vor dem Einzug des Präsidiums ihren Stempel aufdrückt, sondern der erste Blick zeigt, daß hier Leute sich zusammengefunden haben, die einander wenigstens äußerlich recht fremd gegenüberstehen. Neugierig mustert man seine Umgebung, fragt hie und da nach dem Namen einer besonders charakteristischen Erscheinung und wartet der Dinge, die da kommen sollen. Endlich erscheint das Präsidium, bereitet aber den Versammlungsteilnehmern gleich von allem Anfang eine böse Enttäuschung. Keine programmatische Erörterung erfolgt, vielmehr will das Präsidium nach wenigen Worten die Delegierten wieder entlassen, will ihnen Gelegenheit zur „Aussprache" geben, — aber diese protestieren gegen dieses Vorhaben und bestehen auf Abhaltung einer ordnungsmäßigen Versammlung. Und von da ab zerfällt die Tagung in zwei Teile. Oben sprechen temperamentvolle Herren über alles mögliche, u. a. auch Herr Direktor G a b e l - Großwardein, der die Kämpfe der ungarischen Orthodoxie schildert und deren bekannte Trennungsgrundsätze strikte auch bei der Agudath Jisroel befolgt wissen will. In einem besonderen Räume des Erdgeschosses aber tagt die entscheidende Rabbinerversammlung, die alle Resolutionen und Anträge, bevor sie ins Plenum gelangen, prüft und eingehend bespricht. Viel konnte der „Laie" über diese geschlossene Versammlung nicht erfahren. Aber soviel ist doch durchgesickert, daß Herr Rabbiner Dr. Breuer aus Frankfurt a. M. auch diesmal gegen uns böse Zionisten gar gründlich loszog, insbesondere sollen die Misrachisten ihr gerüttelt. Maß erhalten haben. Erfreulicherweise fand Rabbiner Breuer dem Vernehmen nach unter seinen Amtsgenossen fast gar keinen Anhang und recht ansehnlichen Widerstand, den ihm irisbesondere bedeutende Rabbiner Rußlands und Galiziens bereitet haben sollen. Die Stimmung im Saale, die unter dem Eindrucke der dort gehaltenen, meist wenig sachlichen Reden etwas ungemütlich geworden war, rettete Jakob Rosenheim mit seinen streng sachlichen Ausführungen. Nach einem kurzen Schlußworte endet die erste, vorberatende Sitzung um Uhr abends. Kattowitz, 2S. Mai 1912. Die eigentlichen Verhandlungen. Das Chaos der gestrigen Sitzung ist einem streng überwachten und wohlfunktionierenden Ordnungsdienste gewichen, der alle Nichtdelegierten vom Beratungssaale fernhält und auf die Galerien weist. Knapp vor 10 Uhr eröffnet Dr. Abr. H i r s c h - Halberstadt namens des provisorischen Komitees die Verhandlungen mit einer herzlichen Begrüßung, spricht über Ziele und Zwecke der „Agudah" und mahnt alle, die auf dem Boden der Thoratreue stehen, nur das Große und Gemeinsame in den Vordergrund zu stellen. Nach einigen Bemerkungen zur Geschäftsordnung begrüßt Stadtrat Wiener- Kattowitz die Versammlung namens der jüdischen Gemeinde. Eine weitere Begrüßungsrede (in hebräischer Sprache) hält der Rabbiner in Kattowitz, Herr Dr. Cohn. Nach dieser friedlichen Einleitung sollte es bald zum ersten Sturm kommen. Rabbiner Dr. Breuer, dem seine gestrige Niederlage in engem Kreise nicht genügt zu haben scheint, ergriff das Wort und kam gleich am Anfange seiner Rede in medias res. Er gedachte der Kämpfe, die Samson Raphael Hirsch gegen die Gründung der „Alliance Israelite Universelle" geführt habe und zeigte, daß die Entwicklung jenem Recht gegeben habe. Dann wandte er sich der Besprechung der zionistischen Bewegung zu und erklärte, daß „man" den Zionismus nach wie vor aufs schärfste bekämpfen müsse. Es zeugt für die Art des Kampfes, den Herr Dr. Breuer gegen uns führt, daß er es sich nicht versagen konnte, den Patriotismus der Zionisten anzuschwärzen. Nachdem er schon lange, lange das ergiebige Zionistenthema verlassen und mit vollem Rechte auf die bisherige Untätigkeit der orthodoxen Jud.enheit in allen Angelegenheiten des jüdischen öffentlichen Lebens hingewiesen hatte, kam er noch ein- WELTCHRONIK