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Die Welt · 1912-05-31 · 22 (31.5.1912) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
22 (31.5.1912)
Date
1912-05-31
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 22 - - —" D1E3 Verlust des Zutrauens zur Zukunft, das Schwinden der alten Ideale nagen an seinein Bestand. Es gibt kein Reservoir mehr für die Erneuerung unserer Volkskraft, das wir für Generationen gesichert sehen, auch nicht im Osten. Allerdings, die Zahl unseres Volkes hatte noch nie den heutigen Bestand erreicht. Selbst in der Blütezeit jüdischen Lebens hat es kein Zwölfmillionenvolk jüdischen Stammes gegeben. Die Zukunft eines Volkes beruht aber nicht auf der Zahl, sondern auf dem Geist, der es beseelt, auf dem Willen zum Leben, der in ihm herrscht. Deswegen dürfen wir unsere Kräfte nicht verschwenden, indem wir die alten Halbheiten nitmachen. Deswegen müssen wir der satten Zufriedenheit der Assimilation immer wieder die Lehre entgegensetzen, daß das jtidentum nicht gesunden kann, wenn nicht sein nationales Fundament wieder anerkannt wird, wenn nicht seine alte Zukimftshoffnung, die Schaffung eines neuen jüdischen Lebens im alten Palästina, wieder zum Mittelpunkt unseres Denkens und Handelns wird. Und so kann auch nur durch geistige i leilrnittel, nur durch eine Radikalkur der drohende Untergang kr deutschen Juden abgewandt werden. Nichts hat die Assimilation so erregt, als dieses Wort. Auch wir gebrauchen s nicht gern. Wir würden wahrlich am liebsten nur von der Zukunft unseres Volkes sprechen. Aber Krankheiten werden nicht geheilt, indem man ihre Symptome vernachlässigt. Gefahren werden nicht vermieden, indem man ihr Vorhandensein negiert. So trennt uns von allen anderen Richtungen im Judentum eine breite Kluft. Wir dürfen nicht versuchen, sie auszufüllen, indem wir von unserem Standpunkt ablassen, sondern wir müssen geduldig arbeiten, bis die deutsche Judenheit den Weg* zu uns findet, wie groß die Entfernung auch sein mag. In diesem Geist hat uns Theodor Herzl erzogen. In diesem Geist haben unsere Zentralbehörden unsere Arbeit stets u leiten versucht. Möge er auch aus den Diskussionen und Beschlüssen dieser Tage hervorleuchten. Dann wird dieser vi II. Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschend sich würdig seinen Vorgängern anschließen. Und nur mn wird er dem Namen der Gemeinde Posen, in deren litte wir uns versammeln, Ehre inachen, die Jahrhunderte indurch der Sitz eines-kräftigen, national und palästinensisch mpfindenden Judentums, die Pflanzstätte jüdischen Geistes iiid jüdischer Volkskraft war. Im Namen des Zentralkomitees eröffne ich :en XIII. D e 1 e g i e r t e n t a g. * An die Erstattung des Geschäftsberichtes schließen sich iie Begrüßungsansprachen. Im Namen des engeren Actionsomites begrüßt Herr S o k o 1 o vv den Delegiertentag. Er hebt die große Bedeutung der deutschen Landsmannschaft innerhalb der zionistischen Weltorganisation hervor und etont, daß die Fortschritte des Zionismus in Deutschland icht nur quantitativ seien, sondern daß die Zionisten in Deutschland auch starken Anteil an der Verinnerlichung 'es Zionismus nehmen. Die gegenwärtige Tagung ge- \inne auch dadurch eine gewisse Bedeutung, daß sie in einen •nichtigen Zeitabschnitt falle. Im Innern der Organisation seien ewisse Verwaltungsänderungen vorgenommen worden, deren Vert geprüft werden könne. Auch im Verhältnis zur Außenwelt den Veränderungen zu konstatieren, die es notwendig ereheinen ließen, sich in der zionistischen Arbeit neu zu orientren. Das Schwergewicht unserer Tätigkeit liege nach wie or in Palästina, und die Zusammenhänge mit Palästina entwickelten sich immer mehr. Palästina sei eine Position im < samten jüdischen Leben geworden. Die jetzige politische ituation in der Türkei sei sehr verwickelt, und es sei unsere Aufgabe, allen Regungen mit Aufmerksamkeit zu folgen und [E LT .....■ £655 in jeder sich bietenden Konjunktur einen Stützpunkt für unsere Tätigkeit zu suchen. Der Redner verweist auf die Kämpfe, die in der letzten Zeit in den jüdischen Zentren des Ostens stattgefunden haben. Diese Kämpfe seien nicht Kämpfe zwischen Zionisten und Nichtzionisten, sondern bedeuten einfach die weitere Entwicklung der zionistischen Idee. Sokolow richtet einen warmen Appell an die deutschen Zionisten, der Nationalisierung des sephardischen Judentums und der Wiedererweckung unserer Nationalsprache auch in Deutschland volle Aufmerksamkeit zuzuwenden. Die Erkenntnis von der großen Bedeutung dieser Aufgaben möge ein Ansporn sein zu fruchtbringenden Beratungen des Delegiertentages. Rabbiner Dr. Feilchenfeld (mit lebhafter Zustimmung begrüßt) dankt in bewegten Worten für die Einladung zum Delegiertentag, der er gerne gefolgt sei, um sich über die Bestrebungen und Leistungen der Zionisten zu orientieren. Er spricht den Wunsch aus, daß die nationalen Bestrebungen der Zionisten jederzeit von religiösem Geiste geleitet sein möchten. Rabbiner Dr. Friedmann überbringt im Auftrage der westösterreichischen Landsmannschaft dem deutschen Delegiertentag brüderliche Grüße und herzliche Glückwünsche. Die Landsmannschaft Theodor Herzls wünscht, daß die Beratungen der deutschen Landsmannschaft von dem Geiste unseres großen Führers beseelt sein mögen. Dr. Jeremias begrüßt die Tagung im Namen der Misrachi-Föderation, und als letzter Begrüßungsredner spricht im Namen der Zionisten der Provinz und der Stadt Posen Rechtsanwalt Dr. K o 11 e n s c h e r. Er sagt u. a.: Die Posener Zionisten sind glücklich darüber, daß eine so große Anzahl von Delegierten und Gästen sich eingefunden hat. Der Ort der diesmaligen Tagung, an dem wir eine glückliche Synthese von östlicher und westlicher Kultur beobachten können, möge auf die praktischen Arbeiten von gutem Einfluß sein. Die Posener Zionisten wünschen dem XIII. Delegiertentag, daß er im Sinne des Zionismus und des gesamten Judentums Ersprießliches leistet. Es folgt nunmehr die Wahl des Präsidiums. Dr. Stein schlägt folgende Herren vor, die per Akklamation gewählt werden: Rechtsanwalt Dr. Artur H a n t k e , Vorsitzender; Rechtsanwalt Dr. Kollensch er, Posen, und Julius Simon, Mannheim, Stellvertreter; Rechtsanwalt Gronemann, Dr. Kalmus, Dr. Hoppe, Jacob Auerbach und Arnold Wiener als Beisitzer. Hierauf erstattet Dr. Hans Gideon H e y m a n n den Finanzbericht. Der Referent konstatiert einen erfreulichen Fortschritt in der Gesundung der Finanzen der Landesorgani&ation und schlägt namens des geschäftsführenden Ausschusses des Zentralkomitees folgende Resolution vor: „Die Ortsgruppen sind verpflichtet, ausnahmslos einen Jahresbeitrag von 12 M. einzuführen und ihn vierteljährlich in Raten von 3 M., wo möglich jedoch monatlich in Raten von 1 M. einzuziehen. Aus diesem Jahresbeitragist das obligatorische Rundschau-Abonnement von 4 M., der Schekel von 1 M. und der Landesbeitrag von 3 M. für sämtliche Mitglieder jährlich an die Zionistische Vereinigung für Deutschland abzuführen/4 Nach Erstattung des Finanzberichtes hält Herr Motzkin ein großangelegtes Referat über „Unsere Palästina- Politik". Wir behalten uns vor, dieses Referat, das von den Delegierten und Gästen mit großem Interesse angehört und zum Schluß lebhaft akklamiert wurde, in einer der nächsten Nummern ausführlich wiederzugeben.

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