Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1912-05-31 · 22 (31.5.1912) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
22 (31.5.1912)
Date
1912-05-31
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316514-3316536--56056-3349921
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

654 DIE2&ELT \f Nr. 22 das wesentlich dazu beigetragen hat, die Stimmung im Landesverband zu vereinheitlichen und die Schlagkraft der Organisation zu erhöhen. Die Korrespondenz belief sich bereits im Jahre 1911 auf 28 000 Sendungen und ist seitdem weiter gestiegen. Vom 1. Januar bis 15. Mai sind 9896 Briefe, 383 Postkarten, 7333 Drucksachen und 150 Pakete herausgegangen. Unser Parteisekretariat befand sich bis zum Oktober 1911 in den bewährten Händen Kurt Blumenfelds. Er hat dieses Amt geschaffen und die Art seiner Tätigkeit für die Zukunft festgelegt. Wir können mit Befriedigung konstatieren, daß diese Form der Propaganda, seitdem Herr Blumenfek! Beamter des Aktionskomitees geworden ist, Gemeingut aller unter ähnlichen Verhältnissen arbeitenden Landesverbände zu werden beginnt. Sein Nachfolger Rosen bäum hat zu unser aller Zufriedenheit die Tätigkeit Blumenfelds fortgeführt. Daneben haben natürlich, wie auch in früheren Jahren, eine große Reihe von Gesinnungsgenossen auch außerhalb ihres Wohnorts Propagandavorträge gehalten und so die Arbeit des Parteisekretariats unterstützt. Diese freiwillige Mitarbeit ist um so wertvoller, als sie die so notwendige Abwechslung in die Propaganda bringt. Sie befriedigt auch mehr als früher, da der Redner in ganz anderer Weise als in früheren Jahren ein vorbereitetes Auditorium findet. Seit dem Oktober 1911 sind insgesamt über 500 zionistische Versammlungen in Deutschland zu unserer Kenntnis gelangt. In mehr als hundert von ihnen haben unsere Sekretäre gesprochen. Unsere Presse hat weiter befriedigende Fortschritte gemacht. Wir verdanken dies insbesondere der besseren Organisation unserer Ortsgruppen. Denn nur durch diese war es möglich, in immer steigendem Maße das Gesamtabonnement aller Ortsgruppenmitglieder für die „Jüdische Rundschau" einzuführen. Dieses Ziel ist überall da erreicht worden, wo die Ortsgruppen auf unsere Anregung einen Ortsgruppenbeitrag von 12.— Mark mit monatlicher oder vierteljährlicher Einziehung eingeführt haben. Nachdem dies jetzt seitens der Mehrheit der Otsgruppen geschieht, werden wir beantragen, daß dieses System der Finanzierung und Beitragseinziehung auf alle Ortsgruppen ausgedehnt wird. Neben der „Jüdischen Rundschau" und neben dem Zentralorgan des Aktionskomitees, der „Welt", verdient das „Frankfurter Israelitische Familienblatt" Erwähnung. Mit seiner rein nationalen Tendenz wirbt es unserer Sache insbesondere in Südwestdeutschland Anhänger. So haben Presse und Parteisekretariat, Zentralbureau und Literatur zusammengewirkt und, sich gegenseitig ergänzend und befruchtend, zum Aufschwung unserer Organisation beigetragen und uns befähigt, auch außerhalb unserer Reihen unseren Einfluß geltend zu machen. Ich brauche nur an die Tätigkeit unserer Freunde bei den Gemeindewahlen in Königsberg, in Posen und Berlin und anderen Orten, an den Kampf im Deutsch-Israelitischen Gemeindebund und in der Alliance, an die Entwicklung des Esra zu erinnern. Daß diese und andere jüdische Organisationen unsere Mitarbeit zu schätzen wissen, habe ich in anderem Zusammenhange erwähnt. Wir konstatieren das gern. Uns selbst aber müssen wir sagen, daß die Mitarbeit in antinationalen Organisationen ihre großen Bedenken hat. Sie absorbiert viele Kräfte und nimmt viel Zeit in Anspruch, und der Erfolg steht nur selten in Einklang mit der angewandten Mühe. Um so dankbarer ist es anzuerkennen, daß viele unserer besten Arbeiter sich diesen mühevollen Arbeiten mit so viel Eifer unterziehen. Die Organisation muß aber darauf achten, daß die direkte Arbeit für unsere Bewegung hierunter nicht leidet. Jede neue Bewegung — das lehrt die Geschichte der Ideen in allen Ländern und allen Zeiten — muß, wenn sie erfolgreich sein will, ihre Generation finden und versuchen, der heranwachsenden Jugend ihren Stempel aufzudrücken. So haben wir uns seit den ersten Tagen unserer Bewegung immer in erster Reihe an die Jugend gewendet. Und so ist das jugendliche Alter unserer Anhänger, das uns so oft höhnisch vorgehalten worden ist, unser größter Stolz., unsere beste Sicherung *ür die Zukunft. Wir müssen aber unsere Propaganda systematischer als bisher nach den Bedürfnissen der Jugend einrichten. Die Propaganda unter den Studenten hat diesen systematischen Ausbau erhalten. Wir verdanken ihr das starke Anwachsen der zionistischen Studentenorganisationen. Für die kaufmännische Jugend gilt dies leider noch nicht in gewünschtem Maße. Diese Frage wird Ihre Aufmerksamkeit in erhöhtem Maße in Anspruch nehmen müssen. Eine nach den Bedürfnissen der Jugend orientierte Propaganda erfordert aber nicht nur eine besondere Form, sondern auch einen spezifischen Inhalt. Sie darf nicht angekränkelt sein von vorsichtigem Streben nach Kompromissen zur Erreichung kleiner Teilerfolge. Wer die ganze Seele des Jünglings haben will, muß ihr eine in sich geschlossene Anschauung, ein ganzes, volles und reines Ideal geben. Unsere Propaganda muß daher immer wieder den Nationalgedanken und die Palästinaliebe, die beiden Grundpfeiler unserer Idee, in den Vordergrund stellen. Nur einer so gerichteten Propaganda verdanken wir das ständig wachsende Interesse für die hebräische Sprache und deren systematische Pflege, wie sie die Organisation für hebräische Sprache unter Führung unserer Gesinnungsgenossen Heinrich L o e w e und Artur B i r a in anstrebt, und den immer mehr erstarkenden persönlichen Zusammenhang zwischen den deutschen Zionisten und Palästina, die wachsende Zahl der Palästinapioniere in unserer Mitte. Bei dieser Richtung unserer Propaganda ist es naturgemäß, daß für uns die gesinnungsmäßigen Unterschiede, die zwischen den assimilatorischen Elementen unter der deutschen Judenheit bestehen, ihre Bedeutung verlieren. Wir verkennen diese Unterschiede nicht. Beruhen sie doch zum Teil auf der Fernwirkung unserer Ideen. Sie dürfen aber auf die Tendenz unserer Arbeit keinen Einfluß haben. Denn nur eine im jüdisch-nationalen Gedanken fest wurzelnde Ortsgruppe ist eine gesunde organisatorische Grundlage für unsere Bewegung. Es mag sein, daß der zahlenmäßige Ausbau unserer Organisation leichter wäre, wenn wir die trennenden Moment* gegenüber anderen positiv gerichteten jüdischen Bestrebungen in der täglichen Arbeit zurücktreten ließen. Es ist auch nicht zu verkennen, daß wir mit diesen Richtungen gemeinsame Gegner haben: die Abfallsbewegung und den Indifferentismus und daß es unsere Aufgabe ist, diese beiden Gegner mii den allerschärfsten Mitteln zu bekämpfen. Die Waffen aber die die nichtnationale Judenheit in Deutschland gegen Abfal und Indifferentismus geschmiedet hat, haben sich als stumpi erwiesen. Sie haben mehr geschadet als genützt. Wenn wir die programmatischen Erklärungen dieser Kreise verfolgen wenn wir ihre Zeitungen und Broschüren, die Predigten ihre Prediger lesen, so sehen wir überall eine satte Zufriedenhei Platz greifen. Die Zahl der Synagogen, so hören wir, ver mehre sich, das Ansehen der Rabbiner sei im Steigen begriffen das Gemeindeleben nehme einen neuen Aufschwung, das Ve; einsleben entwickele sich rapide, der Abfall nehme zwar nicl* ab, bedrohe aber den Bestand der deutschen Judenheit nici mehr. Diesen Sirenenklängen müssen wir immer wieder dei. ernsten Mahnruf entgegenhalten, daß das gesamte jüdi sehe Volk noch niemals eine so schwere Krisu durchgemacht hat, wie jetzt. Der Abfall von der angestammten Gemeinschaft, zunehmende Mischehen^ das Zweikindersystem, die traurigen ökonomischen Folgen der unauf hörlichen Wanderungen vom Lande in die Stadt, von Osteuropa nach Amerika, die Unkenntnis der hebräischen Sprache, der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.