Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 22 (31.5.1912)
- Date
- 1912-05-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 22 NESSELT 653 charakterisiert nichts besser, als daß in dem einen ein positives, an die besten Traditionen unseres Volkes sich anlehnendes Programm, ohne Konzessionen und ohne schwächliche Kompromisse, von einer neu heranreifenden Jugend begeistert vertreten und in heiligem Eifer propagiert wird, während in dem anderen Lager eine bloße Negation — der Antizionismus — jedes positive Ideal ersetzen muß. Anstelle frischer jugendlicher Begeisterung muß dort allein schwächliche Abwehr der immer stärker vordringenden unjüdischen Tendenzen ihre Danaidenarbeit leisten. Dem religiösen Konservatismus konnte die Assimilation wenigstens noch ein positiv scheinendes Gegenbild — den religiösen Liberalismus — entgegensetzen. Auch er ist in den Händen seiner in der Assimilation befangenen Vertreter ein rein negatives Prinzip geworden. Dem neuerwachenden Nationaljudentum aber hat die Assimilation nicht einmal den Schatten einer positiven Ansicht entgegenzusetzen. Sie muß vielmehr zusehen, wie unsere Ideen langsam ihr mühsam aufgerichtetes Gedankengebäude abtragen, und gerade ihre besten Vertreter müssen immer wieder neue Kompromisse mit dem verhaßten Nationalismus schließen. Wir wollen der Entwicklung nicht vorauseilen. Noch sind die jüdischen Notabein, die Führer der älteren Generation, in ihrer großen Majorität unsere Gegner. Noch herrschen diese iii fast allen Gemeindestuben. Noch steht uns eine große Mehrheit geschlossen gegenüber. Noch weiß sie uns die politische Tagespresse fast zu verschließen. Und doch! Unsere Ideenwelt hat schon heute eine feste Heimat in der deutschen Judenheit gefunden. Sie ist nach einem Kampfe weniger Jahre zum Schiboleth des deutschen Judentums geworden und hat die Aufmerksamkeit der unabhängigen Gebildeten Deutschlands gefunden. Unsere Ansichten von Selbstbewußtsein und Volksgefühl, von der Bedeutung der Kolonisation Palästinas, ja sogar von dem Wiedererwachen der hebräischen Sprache dringen immer tiefer in nichtzionistische Kreise ein. Mußten doch auch die Führer unserer Gegner len Bannstrahl, den sie gegen uns geschleudert hatten und der uns vom jüdischen Leben Deutschlands isolieren sollte, tillschweigend aufheben! Diese Erfolge können wir schon heute feststellen. Wir erdanken sie der Einheitlichkeit und Reinheit unserer nationalen Propaganda, der Stoßkraft unserer Organisation und ler — allen Assimilanten zum Trotz — auch unter den deutschen Juden herrschenden Liebe und Verehrung für Erez srael, die uralte Heimat unseres Stammes. Und dieses Ergebnis haben wir — so könnte es dem Außenstehenden erscheinen zwar nicht ohne Anstrengung, o doch in freiem, befriedigenden Geisteskampf erreicht. Wir einst wissen, daß dem tatsächlich nicht so ist. Die anscheinend >o große Aktion setzt sich leider in eine Anzahl kleiner, ja deinlicher- Arbeiten um. An Stelle des einen großen Ergebnisses tritt eine wechselnde Zahl unbedeutender Erfolge, unterrochen von ärgerlichen Mißerfolgen. So schwindet dem täglichen Arbeiter das Gefühl der Romantik und zwingt zu nüchterner Betrachtung der Dinge. Diese Gedanken möchte eh vorausschicken, ehe ich zu einer Schilderung der einzelnen Arbeiten übergehe, die wir in Durchführung unserer Propaganda erledigt haben. Hand in Hand mit der Vermehrung unserer Schekeleinänge ging das Anwachsen unserer Gruppen. Wir haben eit dem XII. deutschen Delegiertentage, der 1910 in Frankurt a. M. stattfand, in über zwanzig Orten neue Stützpunkte gewonnen. Einige von ihnen haben sich in ganz kurzer Zeit u selbständigen Zentren unserer Idee entwickelt. Unsere iruppenverbände sind jetzt mit Ausnahme einiger unbedeutender Bezirke überall durchgeführt und haben die ihnen unterteilenden Gruppen zu intensiver Arbeit zusammengefaßt. Wir können wohl konstatieren, daß wir hierin eines der erfreulichsten Ergebnisse des Frankfurter Delegiertentages sehen dürfen. Die Finanzen unseres Verbandes gehen dank der Opferwilligkeit unserer Freunde vollkommener Gesundung entgegen. Die Einzelheiten wird Ihnen der Finanzbericht unseres Schatzmeisters geben. Von dem Aufschwung unserer Sammlungen habe ich schon in anderem Zusammenhang gesprochen. Es sei nur noch erwähnt, daß ich im Interesse einer von Zufälligkeiten freien Statistik dort eine Einzelspende für den Jüdischen Nationalfonds von 54 000 Mark unberücksichtigt gelassen habe, so daß wir in den letzten zwei Jahren tatsächlich über 350 000 Mark aufgebracht haben. Diese Ergebnisse verdanken wir im wesentlichen dem systematischen Zusammenwirken folgender Faktoren: unseren Propagandaschriften, der Korrespondenz unseres Bureaus, unserem Parteisekretariat und unserer Presse. Die Broschüre Richard Lichtheims mit ihrer ruhigen Sachlichkeit und ihrer glänzenden Diktion hat uns einen neuen Typus einer Propagandaschrift geschaffen. Sie entspricht den Bedürfnissen des gebildeten Mittelstandes, dem ja die deutsche Judenheit im wesentlichen angehört, in vorbildlicher Weise und hat uns in den verschiedensten Kreisen die besten Dienste geleistet. Den äußeren Erfolg beweist der in acht Monaten erzielte Absatz von 17 000 Exemplaren. Aehnliche Erfolge erwarten wir von der Broschüre unseres nach Palästina übergesiedelten Gesinnungsgenossen Elias Auerbach: „Palästina als Judenland", die vom Zionistischen Zentralbureau auf unsere Anregung vor zwei Monaten herausgegeben wurde und in und außerhalb Deutschlands die größte Anerkennung gefunden hat. Das „Zionistische Merkbuch" Hugo Scha c h t e 1 s , das wir Ihnen zum vorigen Delegiertentag in erster Auflage hatten vorlegen können, ist inzwischen in zweiter und dritter verstärkter und verbesserter Auflage erschienen und bereits ein unentbehrliches Vademecum für jeden Zionisten geworden. Seine beredte Zahlensprache ersetzt vielfach die eindringlichste Propagandaschrift. Als Spezialschrift über die Fragen der Gemeindeorganisation gaben wir die klar und populär geschriebene Broschüre von Rechtsanwalt Köllen scher „Zionismus und liberales Judentum" heraus. In der Flugblätterliteratur begnügten wir uns mit dem Flugblatt: „Was will der Zionismus?" Auch dieses Propagandamittel hat sich, wenn auch in beschränktem Maße, bewährt. Es scheint freilich, daß die Bedeutung der Flugblätter für die Propaganda in Deutschland nachgelassen hat. Unseren Ortsgruppen und Mitgliedern gaben wir schließlich in unserem „Jahresberichte für das Jahr 1911" zum erstenmal eine kurze Uebersicht über unsere Tätigkeit und unsere finanziellen Leistungen im Geschäftsjahr, die viel Anklang gefunden hat und bereits in 7000 Exemplaren verbreitet ist. Ergebnislos geblieben ist leider unser Preisausschreiben für eine Jugendschrift über Palästina. Doch haben wir in dem Buch von Trietsch „Bilder aus Palästina" einen guten Ersatz erhalten. Der Jüdische Verlag befindet sich seit seiner Uebersiedlung nach Berlin in ständiger, sehr erfreulicher Entwicklung. Wir haben ihm daher die Buchhandlungsabteilung des Verlages „Jüdische Rundschau" übertragen. Die Korrespondenz unseres Bureaus ist in den letzten zwei Jahren vollständig umgestaltet worden und hat sich im wesentlichen in eine Einzelkorrespondenz umgewandelt. Sie erstreckt sich weit über die Ortsgruppenvorstände hinaus und hat insbesondere zwischen den vielen zerstreut wohnenden Parteigenossen und Berlin ein dauerndes Band geschlungen,