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Die Welt · 1912-05-24 · 21 (24.5.1912) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
21 (24.5.1912)
Date
1912-05-24
Page
– (sequence 15)
Language
German
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innerhalb deren sich das Dasein seiner jüdischen Schattenhelden regen darf und trotz der wehmütigen Nachdenklichkeit dessen, der sie uns vorführt, geschieht doch auch genug in diesen Geschichten, daß man sie als echte Novellen bezeichnen kann. Tragische und tragikomische Menschen und Schicksale ziehen in reicher Fülle (— ach, lieber Leser, im Zusammenhange mit diesen armen Menschenkindern müßte sich eigentlich die Feder aus Taktgefühl dagegen sträuben, die Worte „reich" und „Fülle" irgendwie zu erwähnen! —) an uns vorüber. Da sind gleich in der ersten Geschichte „Die Drei" die famosen Figuren des grimmigheiter philosophierenden, luftidealistischen „Freundes" und des schwatzhaften aufdringlichen „Verkäufers" und die ergreifende Episode von dem einzigen Jungen des Reb Welwele, der über eine neue Hose (— natürlich eine, die er nicht bekommen hat —) aus dem Leben scheiden mußte. Da sind in „Gespräche" die beiden Gefangenen, die sich im Anblick der dicht bei ihrem Gefängnisse brandenden Meeresflut unterhalten, traurig von den traurigen Menschen seiner Kinderzeit erzählend der eine, hart und höhnisch der andere. Da ist „Feitele Zaddik", der Nikolaussoldat, der in früher Kindheit gewaltsam getauft worden ist und dann, ohne daß ein Mensch, Christ oder Jude im Städtchen seine Vergangenheit ahnt, ein Menschenleben in frommer Hingebung im Bethause zubringt, bis ihn die weltliche Gerechtigkeit zur Sühne für das Verbrechen seines Rückfalls in das verfluchte Judentum hinwegreißt in den feuchten Kerker und er dahinsiecht und an einem trüben Oktobermorgen wie ein Hund verscharrt wird. Da sehen wir in „Der Hekdesch und seine Leute" die Aermsten der Armen, in — nicht nur symbolischer! — Nachbarschaft mit dem Friedhof wohnend, sehen die schauerliche und doch auch so rührend-schöne nächtliche Hochzeit auf dem Gottesacker: die barmherzige Zusammenbringung zweier armen und verwaisten Menschenkinder, ihre Vereinigung zum Leben, soll die schreckliche Seuche von der mildtätigen Gemeinde bannen. Da hören wir den grotesken Zank der Armenhäusler bei dem „Tischobeowjahrmarkt" auf dem Friedhof. Wie prächtig und tröstlich ist die Disputation, die der „kluge Joschi" mit „Mote Goi" vor versammeltem Kriegsvolk der jüdischen Bettlerschaft ausficht. Mote Goi findet nämlich, daß es den Juden nicht besonders gut ginge. „Was sprichst du da von Mizwes, von Jontef und Schabbes? Haben wir Polizisten? Haben wir Soldaten? Haben wir Gefängnis? Ein jüdisches Gefängnis? Nix haben wir, und wir sind nix. Ein Bettler bin ich und du und alle Juden. Schabbes hin, Schabbes her, Jontef oder nicht, was hilft's?" Und nun Joschi: „Was redest du da für Dummheiten, Mote? Ein Jude ist ein Jude, und ein Goi ist ein Goi. Und wenn ein Jude wenig hat, hat er doch viel. Was sagst du da von Polizisten und Soldaten? Was ist ein Polizist? ein Räuber, ein Esau! und ein Soldat? Sei froh, daß du kein Polizist bist! Wenn du als Jude nicht diese Welt hast, hast du doch wenigstens jene Welt, und ein Goi hat nicht diese Welt und nicht jene Welt. Was hat der Goi von seinem Leben überhaupt? Ein Jud', wenn er geboren wird, ist ein Jontef, Masseltow, und wenn er S Tage alt wird, hat er schon eine Mizwe; und wenn er 6 Jahre alt wird, geht er in den Cheder und lernt die heilige Thora; und ist er 13 Jahre, legt er Tefillin und zählt zum Minjan, und dann lernt er und hat Mizwes, seinen Schabbes und seinen Jontef, ist wohltätig und sagt Kaddosch, wenn sein Vater stirbt; kurzum, er lebt, wie es Gott geboten hat, er hat was von seinem Leben. Aber ein Goi, was hat der von seinem Leben? Er wird geboren als Goi, wenn er erwachsen ist, säuft er, schlägt seine Frau, hat in der Woche keine Mizwes und Schabbes kein' Ruh. Was, Sie haben Polizisten? Wir haben wohltätige Leute. Sie haben Soldaten? Wir haben Talmudjünger. Sie haben Gefängnisse? Da haben wir doch Synagogen. Sie haben Minister? Wir haben doch Rabbiner. . wahrhaftig, Sie tun mir leid . . . .", und dann wieder der triumphierende Schlußsatz: „Siehst du, ich habe immer gesagt: ein Jud* ist ein Jud' und ein Goi ist ein Goi>.". . . — Da lernen wir Freuden, Leiden und Philosophie des Reb Chatzkel kennen, der seine schöne und kluge Tochter Malkele nicht an den Mann bringen kann, und die „schöne Traindel" die Tochter des Lotteriekollekteurs, die einst mit einem von den „Andern" durchgegangen ist und nun, ein geschlagenes und verschüchtertes Tier, den Rest ihrer Tage im Hekdesch verbringt. All das wird uns schlicht und einfach erzählt, und gerade in der Diktion, die sich für solchen Stoff am besten eignet, nämlich in einem Deutsch, dem man trotz seiner Korrektheit doch die Herkunft aus dem jüdisch-deutschen anzumerken glaubt, und ohne Rührseligkeit oder aufdringliches Pathos. Und so spricht das rührende Pathos der erzählten Tatsachen mächtiger und überzeugender zu uns, als es die raffinierteste westeuropäische Erzählungskunst vermöchte. Ja, all diese Gestalten und Schatten sind von einer Welt, die „auch ist preisenswert" trotz Purpur und Schwert der anderen. Nur wenige Partien des Buches sind schlechter gelungen. Dazu rechne ich die gar zu schematisch gehaltene Geschichte von „Leiserl" dem grüblerischen Knaben, der sich, um den Qualen religiösen Zweifels zu entgehen, selbst den Tod gibt, und das allegorisch-emphatische Schlußstück „Als das Meer sie verschlang". Auch wünschte ich der Geschichte „Chaimki Hunds letzter Tag", diesem erschütternden Bild von wildem, dumpfem Haß, Jammer und tierischer Verkommenheit einen weniger grell-theatralischen Schluß. Schließlich ist es eine kleine Entgleisung des Stils, wenn in Zangvvills Vorwort fortwährend von dem Dichter „Dr." Melamed die Rede ist. So etwas wirkt im Deutschen ein wenig komisch und degoutierend, und es wäre schade, wenn durch solche Kleinigkeiten dem Ansehen des Buches in der literarischen Welt Eintrag geschähe. Auch der Schlußsatz der Zangwillschen Einleitung wirkt peinlich und geschmacklos. Aber das ist wohl die Schuld des Uebersetzers. Alles in allem führt das Buch Melameds eine gute Fracht an Bord. Auch derjenige, der die Dinge nicht nur im Superlativ nennt, darf es als eine wirkliche Bereicherung der in deutscher Sprache vorhandenen Ghettoliteratur bezeichnen. Berlin. C. Kaiser. * Martin Buber. Tri reci o zidovstvi. Herausgegeben vom „Spolek zidovskvch akademiku Theodor Herzl" in Prag, 1912. Martin Bubers „Drei Reden über das Judentum" sind von dem Prager zionistischen Studentenverein „Theodor Herzl" in tschechischer Sprache herausgegeben worden. Die Uebertragung hat A. Kol 1 mann besorgt und sie ist ihm gelungen, wie eine LJebertragung Buberscher Prosa überhaupt gelingen kann. Die Uebertragung ist ein Beweis dafür, daß die wunderbare rhythmische Kraft der Buberschen Sprache nicht eine noch so köstliche Nuance deutscher Sprachkunst ist, sondern ein Kunstwerk, das nur durch das Wirken jüdischen Geistes erklärt werden kann. Wer einer slawischen Sprache kundig ist, wird mit neuer Wollust die „D r e i Reden über das Juden tu m" in sich aufnehmen können und mit wiederempfundener Andacht den Geist fühlen, der den Sinn des Judentums zu enträtseln sucht. L. H. Zwei Berliner Romane Georg Hermanns jüngstes Buch „Die Nacht des Dr. Herzfeld", erschienen bei E. Fleischel & Co., Berlin, ist ein jüdisches Buch. Dr. Herzfeld ist ein Typus. Ein redseliger, geistreicher Jude, ein Kunstkenner und Feinschmecker. Ein verlebter, müder, jüdischer Junggeselle — nein, ein Witwer. ... Er weiß es fast selbst nicht. Irgend einer ganz unten auf der Nachtseite des Lebens. Das ist er. Und einmal packt ihn der Wahnsinn der Einsamkeit stärker als sonst. Just in einer Nacht, da vieles zusammenkommt, auf ihn einstürmt. Und es packt ihn all die schwere Kümmernis seines verfehlten Lebens, des zwecklosen Hintaumeins. . . . Ja, wenn's wenigstens gedankenloses Taumeln wäre! Aber sein Leben war doch nur ein in Permanenz erklärter Fehlschlag. . . . Frauen standen im Mittelpunkt, aber kein Glück kam ihm von ihnen. Betrug, Tod, Schmutz. Und nichts als wirre Erinnerungen an Unglück und Gräber. Vielleicht stände er zu all dem anders, wenn der Begriff Religion für diesen müden Juden nicht gestrichen wäre. Er hatte, wie er glaubte, nicht einmal das Interesse für sie, das er sonst am Prähistorischen nahm. Und doch so ganz im geheimen, in einem äußersten Winkel seines Herzens, da war noch ein Plätzchen dafür. Und er hing an den verblassenden Erinnerungen seiner Jugend mit einer fetzten ironischen Liebe, die selbst der freie Jude noch heute für seine Riten hat. Ach, wie sind sie müde, diese „freien"' Juden! Halbkünstler, Lebensstümper, ohne Zusammenhang mit Volk und Boden. ... An die Lasten des Lebens gespannt .... So einer ist Dr. Herzfeld, der halb kummervolle, halb lächelnde Outsider mit der ein wenig geschürzten Miene des Spötters, der Bewunderer Heines. Kein Wunder, daß er solche schaurige Nächte hat, wie sie uns Georg Hermann schildert. Der ganze Roman spielt in einer Nacht. Er ist nichts als ein Bündel Erinnerungen, ein Knäuel

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