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Die Welt · 1912-05-24 · 21 (24.5.1912) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
21 (24.5.1912)
Date
1912-05-24
Page
– (sequence 14)
Language
German
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636 D1EÄELT: Nr. 21 ist unsere Habe, und vor uns breitet sich als wie ein steinerner Panzer die Einöde mit Sand und Stein!" j 13. Eleasar aber fuhr fort zu reden: „Zu den Mutlosen spricht eine Stimme: Stärket die schlaffen Hände und straffet die strauchelnden Kniee! Sehet die Einöde: Euer Boden ist es und der Boden Eurer Väter und Vätersväter. Ein geheiligter Boden ist es. So nehmet denn Eure zerbrochenen Lanzen und Eure schartigen Sch.wer.ter und sie sollen sein in Euren Händen wie Harke und Pflugschar, und Ihr sollt damit Furchen ziehen in die sandige Erde. Und das Blut Eurer Toten, das Ihr in den Urnen habt, schüttet darauf, daß es die dürren Adern feuchte, und die Knochen Eurer Toten bettet hinein, da 15 sie den Schollen Kraft geben, und die Asche Eurer Toten streuet aus, daß sie die Erde dünge. Und sammelt wilden Weizen der Steppe und werfet die Körner in die Furchen. 14. Denn siehe, so spricht der Herr durch den Mund des Propheten: Heilig ist dieser Boden, den ich Euren Vätersvätern und Euch und Euren Kindeskindern gegeben, darauf zu wohnen. Und mag er sein gleich der Wüste — in der Wüste sollt Ihr einen Weg bahnen! Und wo es zuvor dürre gewesen ist, werden Brunnquellen sein und die Wässerlein hin und wieder fließen. Und die Einöde wird fröhlich sein und das dürre Land frohlocken und wird aufblühen wie eine Narzisse. 15. So tuet denn mit dieser Wüstenei, wie ich Euch geheißen." 16. Nachdem Eleasar so geredet, zog er von dannen, die anderen zu trösten vom Rest Israels, die in die Berge und das wüste Land geflohen waren. 17. Und es war nach vieren Monden, da zog der Prophet desselbigen Weges. 18. Und siehe: Wo die Flüchtigen gelagert hatten, da waren jetzt mancherlei Felder und standen hoch in Halmen und die Aehren darauf wraren schwer und reich und geneigt wie Dolden der Trauben, wie er nie dergleichen gesehen. Und dazwischen war ein üppiges Blühen von Blumen, die waren rot wie Blut und ihr Odem war süßer, denn er je geatmet. 19. Und aus Zelten, die eines weben dem anderen standen wie ein Feldlager, kamen Männer und Frauen, singenden Mundes, bereit zur Ernte. 20. Und werden seiner ansichtig und grüßten ihn mit Jubel und Segensworten: 21. ,,Mit unseren Fingern mehr denn mit Eisen und Stahl haben wir die Furchen gewühlt und Blut und Asche mehr denn der Saatkörner senkten wir hinein — und nun siehe: Es biegen sich die Halme wie Weidenzweige, und aus einem Korn wurden ihrer tausend." 22. Da hob Eleasar seine Arme auf und redete laut: „Die Ihr gesäet mit Tränen und geerntet mit Freuden und Lachen, lasset uns lobsingen dem, der uns diesen Boden gegeben, sprechend: Euch und Euren Kindeskindern will ich ihn geben, darauf zu wohnen. Denn wahrlich: geheiligt ist dieser Boden. 23. Das Tote senktet Ihr hinein und es wurde lebendig. 24. Aus den Gräbern der Väter brechen hervor die Quellen der Kraft, und, aus der Asche der Mütter quillt der Odem des Lebens. 25. Und im tauben Qestein werden Wasseradern, und dürre Schollen füllen sich mit Saft. 26. Und ist nichts so wüst, daß es nicht ein Garten werden könnte — so Ihr Euch ihm nahet in Liebe. 27. Also ist dieser Boden Lebens voll und ist Lebens bereit von Geschlecht zu Geschlecht, 28. Und ist wie eine Mutter und gibt Stärke den ermatteten Kindern und Trost denen, die sich bergen in ihrem Schöße." 29. Und sie baueten hier eine Stadt und nannten sie „Stadt unseres Blutes". Und wuchsen aus ihr starke Männer, Helden in Israel. 30. Und Eleasar, Sohn Zadok, blieb wohnen in dieser Stadt, bis sich erfüllten die Jahre seines Lebens und wurde allda begraben an der Stätte seiner Weissagung. Berthold Feiwel. [MM LITERARISCHE RUNDSCHAU Gestalten und Schatten. Von Samuel Max Melanie d. Mit einem Vorwort von Israel Z a n g w i 11. Verlag von Louis Lamm, Berlin. (Preis 2 M., geb. 3 M.) ,.Es schallen gut im Liede der Purpur und das Schwert. Doch hüllt sich oft in Lumpen, der auch ist preisenswert! Ich führ' euch einen Juden und Bettler heute vor . . ." So ließ vor hundert Jahren der deutsche Dichter aus französischem Blute, C h a rh i s s o , seinen „Abba Glosk Leczeka" beginnen, mit dem er, im Rhythmus des alt.cn Heldenliedes, eine schlicht-innige jüdische Schattengestalt seines Zeitalters in die deutsche Epik einzuführen wagte. Die alten lieben Verse kamen mir heute wieder in den Sinn, als ich die Einleitung las, die Zangwill zu dem vorliegenden Buche geschrieben hat. Er erzählt, wie er gleichzeitig mit Melameds Buch eine romantische Geschichte aus jenen Tagen las, da britische und spanische Eroberer, muskelstrotzende Männer voll wilden Lebensübermutes, unter grellglühender Tropensonne fechtend, fluchend, städtezerstörend und frauenschändend um den Besitz der Goldgruben des Westens rangen. „In dem anderen Buch Gestalten, die in ihrem blutleeren Sein mehr Schatten ähneln, demütig-übermoralische Sklaven und Märtyrer, die mit wenig Brot und vielen Gebeten sich zufrieden geben, die bescheiden durch die sonnenlosen Gassen des Ghetto wandeln, um mit Friedhofssehnsucht im Herzen die Stätten des Gebetes und der Gotteslehre aufzusuchen Nur wenn diese blutleeren Gestalten sich durch Erziehung und Intelligenz über die bleiche Masse erheben, werden sie sich ihrer Nichtigkeit bewußt. Hamlets und Werthers des Ghetto, fragen sie beständig nach dem Sinn und Ziel des Lebens, und in ihrer schattenhaften Existenz springen sie von einer Lebensweise zur andern oder werden vollständig aus dem Leben gestoßen." In der Tat, ein grimmigerer Gegensatz als zwischen den Menschen dieser beiden Welten ist nicht denkbar. Schatten sind Melameds Helden; umgekehrte Peter Schlemihle möchte man sie nennen, Schattenmenschen, die irgendwo einmal ihr Urbild von Fleisch und Blut zurückgelassen haben müssen und nun trotz all ihres zum Himmel schreienden Elends sich dort fast unhörbar durchs Leben hinschleppen. Schattengestalten sind es, aber ein tüchtiger Bildner hat sie gestaltet und führt sie uns vor. Melamed hat zwar jene jüdisch-meditierende Art, die nun einmal beim Erzählen aus diesem Milieu sich von selber einzustellen scheint. Aber er vermeidet es dennoch glücklich, sich in skizzenhaften Stimmungs- und Gedankenbildern zu verlieren und zu erschöpfen; er weiß wirklich etwas zu erzählen. Trotz der grausam engen Grenzen,

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