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Die Welt · 1912-05-24 · 21 (24.5.1912) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
21 (24.5.1912)
Date
1912-05-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 21 DIE3^ELT 631 geschehen. Wir in Berlin haben in zwei Stadtgegenden solche begründet und können mit dem Erfolge derselben für den Anfang zufrieden sein. Außer Studenten haben auch zahlreiche Lehrerinnen und Kaufleute, sogar ältere Herren an ihnen teilgenommen. Man bedenke, daß der Unterricht nur an einem Abend in der Woche stattfinden kann, daß ferner alle Teilnehmer einen Beruf haben, der sie ganz in Anspruch nimmt, und daher nicht allzuviel für uns arbeiten können, und man wird von vornherein nicht mit allzu großen Ansprüchen an diese Kurse herantreten können. Es ist für jeden objektiven Beurteiler klar, daß die Schüler wenigstens unserer Anfänger- und Mittelkurse in einem Jahre durch die Teilnahme an insgesamt ungefähr 35 Unterrichtsstunden nicht perfekte Hebräer werden können. Wir müssen zufrieden sein, wenn sie in dieser kurzen Zeit eine Ahnung von dem grammatischen Aufbau der Sprache bekommen und die Fähigkeit erwerben, einen leichten Text mit Hilfe des Lexikons selbständig zu lesen. Wir müssen ferner zufrieden sein, wenn wir unsern Anfängern außer diesen positiven Kenntnissen das Gefühl beibringen, daß auch das Hebräische eine Sprache mit einer modernen Literatur ist, daß man sich in ihm ebenso wie in anderen Sprachen ausdrücken kann, und wenn wir ihnen auf Grund dieser Erkenntnis Lust machen, auch später selbständig ihre geringen Kenntnisse zu vervollkommnen. Auf die Gründe, die uns bestimmt haben, von der anfangs von uns befolgten Berlitz-Methode wieder abzugehen, kann ich hier, da mich das zu sehr ins Detail führte, nicht eingehen. Das aber möchte ich noch hinzufügen, daß wir augenblicklich mit dem Gedanken umgehen, außer den wenigen Bogen eine Anzahl eigener Lehrbücher, in erster Linie eine Chrestomathie und eine Grammatik zu veröffentlichen. Diese Bücher sollen nicht nur den Lehrer im Unterricht unterstützen, sondern auch den vielen, die in kleineren Städten ohne geeignete Lehrkräfte sind, oder an der Teilnahme an unseren Kursen verhindert sind, die Möglichkeit bieten, in ihren Mußestunden das Hebräische selbständig zu erlernen. Wir hoffen, daß unsere Methode und unsere Lehrbücher allmählich auch unter den jüdischen Religionslehrern Verbreitung finden und wir so auch auf den hebräischen Unterricht an den Religionsschulen Einfluß gewinnen werden. Mehr positiven Erfolg versprechen wir uns von der Einrichtung von Kindergärten, in denen schon den Kleinen durch geschickte Lehrerinnen ein Gefühl für die Sprache und nach und nach eine beträchtliche Kenntnis des hebräischen Wortschatzes beigebracht werden kann, und endlich durch unsere bereits bestehenden Kurse für Fortgeschrittene. Diejenigen Herren und Damen nämlich, die mit einigermaßen soliden Vorkenntnissen zu uns kommen, werden durch die kursorische Lektüre bedeutender Werke der modernen hebräischen Literatur und durch die Konversation in der Umgangssprache so weit gebracht, daß sie allmählich jeden Text selbständig zu lesen und die moderne periodische Literatur zu Verfolgen imstande sind. „Schaffende" werden allerdings auch sie nicht werden. Dazu ist der deutsche Boden nicht angetan. Aber das wird auch gar nicht von uns erstrebt; denn diese letzten Ziele der Organisation überlassen wir vorläufig neidlos den Herren in Rußland und Palästina. Die Hauptsache ist und bleibt, daß in allen jüdischen Kreisen, und besonders in den nationalgesinnten, das Bewußtsein der Pflicht, Hebräisch zu lernen, immer mehr um sich greift. Die Beschlüsse auf den Zionistenkongressen allein genügen nicht. In dieser Hinsicht hoffen wir viel von der Propaganda unserer Schüler. Wir stehen in Deutschland erst am Beginne unserer Arbeit, und aller Anfang ist schwer. Das aber können wir doch schon mit Genugtuung feststellen, daß in der kurzen Zeit, während welcher das deutsche Landeskomitee arbeitet, das Interesse für das Hebräische zu wachsen begonnen hat. Die Kurse haben in dieser Beziehung segensreich gewirkt, die ersten Erfolge sind bereits sichtbar. Daß viel kleinliche Arbeit zu leisten ist, wissen wir allein» Trotzdem muß unser Unterrichtswerk aber, wenn es überhaupt einen Zweck haben soll, von unten anfangen und methodisch aufgebaut sein, denn wenn irgendwo, so führt in der Erlernung einer Sprache nur die langsam sichere Methode und nicht die Sprunghaftigkeit zum Ziel. So wie es in Berlin steht, so steht es in ganz Deutschland, und so wie in Deutschland, so steht es in ganz Westeuropa. Allenthalben sind da die hebräischen Kenntnisse der Juden gleich gering und ihre Abneigung gegen das Hebräische gleich groß. Die Unterrichtsmethode und die Aufklärungsarbeit wird daher für alle westlichen Länder dieselbe sein wie für Deutschland. Daher mögen sich auch die Freunde der Organisation in England nicht durch den Unverstand des weltfremden und urteilslosen Kritikers des Ha-zeman beirren lassen und die Kurse, die sie bei sich nach dem Muster der Berliner einzurichten gedenken, in Bälde ins Leben rufen. Briefe aus New York Von Helene Hannah Cohn I. Im Jahre 1885 trat in Pittsburg eine jüdische Konferenz zusammen, die als Resultat ihrer Verhandlungen die folgende Resolution annahm: „Wir betrachten uns nicht mehr als eine Nation, sondern als eine religiöse Gemeinschaft, und deshalb verwerfen wir den Gedanken einer Rückkehr nach Jerusalem, ebenso wie den Opferdienst unter den Söhnen Arons und die Befolgung irgendeines auf den jüdischen Staat bezüglichen Gesetzes." Einige Jahre später, 1898, gab eine Konferenz amerikanischer Rabbiner in Richmond demselben Gedanken die prägnanteste Form: „Amerika ist das Jerusalem der Juden und Washington ihr Zion!" Diese Sätze, die wie ein wilder Hohn, wie eine Lästerung gegen Tradition und Stammeswürde, gegen das gemeinsame Blut und die gemeinsame Leidensgeschichte unseres Volkes klingen, bedürfen kaum eines Kommentars. Die in ihnen enthaltene gewaltige Lüge war auch zu offenkundig, um lange bestehen zu können; es bedurfte gar keiner geistigen Gegenströmung, um sie zu entkräften, sondern die bloßen Tatsachen stießen dagegen, daß sie zerplatzte wie eine Seifenblase. Solange die Anzahl der Juden in Amerika beschränkt war, konnte das Lügengebäude sich auf seinen tönernen Füßen noch halten, — aber seitdem in den letzten Jahren dia Scharen jüdischer Emigranten wuchsen und wuchsen, in New York •allein in fabelhafter Schnelligkeit die Millionenzahl überschritten und sich — teils freiwillig, teils durch gesellschaftliche Zurückweisung — hier wie überall absonderten und zu einem selbständigen Gemeinwesen kristallisierten, zeigte es sich, daß eine Phrase nicht ein Volk auflösen und zu einer „Religionsgemeinschaft" machen kann.

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