Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 21 (24.5.1912)
- Date
- 1912-05-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316514-3316535--56035-3349899- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Schützen nur Anfängerunterricht gegeben hätten, braucht vor einem geschulten Leserpublikum nicht erst widerlegt zu werden. Was mich persönlich trotzdem veranlaßt, auf diesen Artikel, der mir leider erst vor wenigen Tagen zu Gesicht gekommen ist, zurückzukommen, ist die Befürchtung, viele Leser des Hazeman, denen unsere Berliner Verhältnisse unbekannt sind, möchten sich durch die dreisten Spötteleien und die urteilslose und witzelnde Kritik des Berichterstatters beirren lassen. Für den mangelnden Ernst des Schreibers ist es charakteristisch, daß er auch kein einziges sachliches Moment zur Kritik an unseren Kursen beibringt oder seine abweichenden Ansichten methodisch darlegt und begründet, sondern in einem witzig sein wollenden Feuilleton nur unsere Kurse bespöttelt. Die Form, in der das geschieht, ist geradezu empörend. Die alte Art, auch bei der Besprechung ernstester Dinge faule Witzchen anzubringen, scheint wieder aufzuleben. Ich glaube aber, daß wenigstens alle diejenigen, denen die kulturelle zugleich auch eine sittliche Erneuerung des Judentums bedeutet, sich endlich von derartigen Frivolitäten freimachen sollten. Der Herr Kritiker des Ha-zeman, der keine Ahnung davon, hat, unter wie schweren Mühen die hebräische Arbeit in Deutschland und die Einrichtung der Kurse in Berlin vor sich geht, wagt es, sich in einem flüchtig hingeschriebenen Feuilleton über die Anfängerübungen unserer Unterstufe zu mokieren. Wo nimmt er, der nicht einmal die Courage besitzt, seinen Namen zu nennten, die Kühnheit her, die Arbeit derer, die jahrelang an der Verwirklichung einer Idee arbeiten, die, wie man annehmen sollte, auch ihm heilig ist, vor einem uns fremden Leserpublikum lächerlich zu machen? Ein Witz ist ihm mehr wert als alle sachlichen Argurnente. Aus seiner „Milieuschilderung" spricht nur die Schadenfreude und die knappe Intelligenz eines Tertianers, der sich über die Eigenheiten seines Lehrers mokiert, nicht der Ernst eines Mannes, der vor der Oeffcntlichkeit seine Anschauungen verantworten kann. Trotz seiner Anonymität ist uns der Schreiber des Artikels natürlich bekannt. Er hat sich bei dem Leiter unserer Berliner Kurse als Lehrer gemeldet, mußte aber, weil alle Stellen bereits vergeben waren, abgewiesen werden. Höflich wie wir sind, hat sich Herr Dr. Biram, dessen Energie das Zustandekommen der Berliner Kurse überhaupt zu danken ist, mit ihm über unsere Methode unterhalten und ihm gestattet, eine Stunde zu hospitieren. Nach dieser einen Stunde, die er auch wirklich in unserer untersten Klasse zugehört hat, hat er sich ein fertiges Urteil über unsere Arbeit im allgemeinen gebildet. Der Unterricht, dem der Herr beigewohnt hat, war erster Anfangsunterricht. Die Teilnehmer dieses Kursus haben also ungefähr dieselben Kenntnisse wie ein Sextaner im Lateinischen, d. h. sie können langsam lesen, haben aber von der Grammatik und dem Sprachschatz nicht die mindeste Ahnung. Und nun sehen wir einmal, was der Herr Sachliches auszusetzen hat! Er macht sich darüber lustig, daß die Teilnehmer erst langsam lesen konnten, die hebräischen Worte unklar aussprachen und teilweise unrichtig" betonten. Er tadelt, daß man mit der Besprechung nur weniger Zeilen eine ganze Stunde zugebracht habe. Brauche ich solche Vorwürfe erst zu widerlegen? Muß ich einigermaßen geschulten Lesern erst klarmachen, daß der erste Unterricht nur langsam vorwärtsgehen darf, weil die Fundamente im Sprachunterricht die Hauptsache sind, und daß die feine Betonung und Akzentuierung noch früh genug in den Kursen für Fortgeschrittene gelernt wird? Brauche ich ferner erst zu beweisen, daß die Unterhaltung, die in der zu erlernenden Sprache zwischen Lehrer und Schülelr in dieser Unterstufe geführt wird, sich nicht auf der Höhe theoretischer Konversation bewegen kann, sondern mit den primitivsten Kenntnissen und dem minimalsten Vokabelschatz zu rechnen hat? Daß es nicht darauf ankommt, daß stilistisch fein gebaute Sätze gebildet werden, sondern daß das Ohr des Schülers sich überhaupt an die Klänge der fremden Sprache gewöhnt? Schwierige Worte und unregelmäßige Bildungen müssen absichtlich ausgeschaltet werden, um die mühsam erworbenen Kenntnisse der Anfänger nicht zu verwirren, und da kommt der Herr Feuilletonist und will dem Lehrer jenes Kurses vorwerfen, daß er über die Elemente der hebräischen Phraseologie nicht Bescheid wisse! Es hieße die Kenntnisse und Fähigkeiten unseres Lehrers, der einer der tüchtigsten Pädagogen und besten Kenner des modernen Hebräisch ist, gering einschätzen, wenn ich ihn gegen derartig wirre Angriffe überhaupt verteidigen wollte. Die Unterhaltung zwischen Lehrer und Schüler, die da im Feuilleton des Ha-zeman wiedergegeben wird, ist für denjenigen, der die Schwierigkeiten des Anfängerunterrichts kennt und zu urteilen versteht, vielmehr ein herrliches Beispiel für die Arbeit und Mühe, die sich der Lehrer mit seinen Schülern gegeben hat. Mag sein, daß der witzige Kritiker des Ha-zeman mit seiner Methode, über die Köpfe seiner Zuhörer hinwegzureden, mehr erreicht. Mag sein, daß seine Schüler, wie er sich mündlich rühmt, schon mit 9 Jahren hebräische Lyriker werden und mit 10 Jahren vielleicht über die Theorie der hebräischen Novelle schreiben — wir bewundern seine Erfolge und stören ihn nicht. Aber wir verbitten uns auch, daß er das Urteil der Oeffentlichkeit über unsere Arbeit durch seine unzureichenden Kenntnisse von derselben verwirrt. Seine pädagogischen Weisheiten und Erfahrungen, die er sich lediglich aus Büchern und Revuen zusammengelesen hat, mögen für seine Zöglinge genügen; für die Ansprüche unserer Berliner Kursteilnehmer sind sie zu primitiv. An den von uns herausgegebenen Unterrichtsbogen weiß der Herr Feuilletonist dann auszusetzen, daß sie das Geld der Organisation gekostet hätten. Auch das ist falsch. Die Bogen sind aus privaten Mitteln gedruckt worden, und sind zudem, da sie nicht bloß in Berlin benutzt, sondern aus vielen Städten Deutschlands von uns bezogen werden, ein ausgezeichnetes buchhändlerisches Unternehmen, das sich selbst bezahlt macht. Der leichtfertige Kritiker unserer Berliner Kurse hat also den bekannten Fehler des Verallgemeinerns gemacht und das Interesse für das Hebräische und die Kenntnisse, die ein großer Teil der russischen Juden besitzt, als allenthalben vorhanden angenommen. Mit den großen und letzten Aufgaben der Organisation verglichen, mag unsere Arbeit in Deutschland und Berlin klein sein, aber sie ist trotzdem nicht weniger wichtig. Bei den deutschen Juden herrscht, wie gegenüber allem Jüdischen, so auch besonders gegenüber dem Hebräischen, das zu erlernen ja obendrein noch Arbeit kostet, eine instinktive Abneigung. Der eingefleischte Liberale sieht in jedem gedruckten hebräischen Blatte ein Stück Mittelalter, in jedem hebräischen Tageblatte ein Stück Siddur. Diesen Vorurteilen gegenüber hat die Organisation in Deutschland die Aufgabe, erstens durch Propaganda aufklärend und alte Anschauungen verbessernd zu wirken und ferner durch praktische Arbeit die Kenntnisse des Hebräischen, vor allem in der jüngeren Generation, zu vermehren. Das gilt für die Nichtzionisten, die uns prinzipiell ferner stehen, und für die Zionisten, die uns zwar theoretisch zustimmen, häufig aber nur allzu deutsche Juden sind. Wir haben in dieser unserer Arbeit einen Bundesgenossen in den Religionslehrern, die von Berufs wegen das Hebräische zu unterrichten haben. Diese Bundesgenossenschaft ist allerdings heute insofern noch nicht ohne Bedenken akzeptabel, als die Methodik des hebräischen Religionsunterrichts noch sehr im argen liegt. In Deutschland wird also die Arbeit der Organisation sich fürs erste auf die Einrichtung von hebräischen Kursen durch die einzelnen Ortsgruppen beschränken müssen. Das ist bereits