Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 21 (24.5.1912)
- Date
- 1912-05-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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632 DIE^ELT Nr. 21 Das Volk, das jüdische Volk in Amerika ist nun einmal da, und mit ihm hat sich — trotz aller antinationalen Resolutionen — die Frage eingestellt: Was wird aus diesem Volke? Wer jemals (durch das New Yorker Ghetto gegangen ist, wo jeder — gleichviel a,us welchem Winkel der Welt er kommt — die gleiche jüdische Sprache redet, wo alle Institute, Restaurants und Vergnügungsorte bis herab zum Kinematographentheater, einen universell-jüdischen Charakter tragen, wo die Läden ganzer Stadtteile hebräische Firmenschilder tragen und am Sabbat geschlossen sind, wo bei den wimmelnden Menschen die kleinen trennenden Merkmale von Tracht und Gewohnheiten des Herkunftslandes verschwinden hinter dem gemeinsamen Typus, wo in diesen Tagen um den Tod des edlen Ehepaares Straus Tausende weinten und trauerten, wie man nur um teure Verwandte trauert — der weiß, daß hier ein jüdisches Volk wohnt, dessen Not zum Himmel schreit. Wer jemals auf der Schreckensinsel Ellis Island gesehen hat, wie man den jüdischen Einwanderer strenger prüft, auf fadenscheinigere Begründung hin nach Europa zurückschickt, als jeden anderen Immigranten (eine Tatsache, die übrigens Schiffsbeamte und Reporter ohne weiteres auf Grund ihrer Erfahrungen zugeben), der muß sich, wenn er ein Herz in der Brust und Verstand im Kopfe hat, die Frage vorlegen, was aus allen diesen Stammesgenossen, die sich auch hier nicht mit ihrer Umgebung verschmelzen, nicht in ihr untergehen, aber auch nicht ein Volk int Volke bilden können, werden soll. Haben die Herren Rabbiner das endlich eingesehen? Weida glaubt, jeder, der das noch immer nicht tut, müsse ein Narr oder ein Lügner sein, der höre die neueste Resolution der vor einigen Tagen in Baltimore wieder zusammengetretenen Rabbiner: „Wir sind geg'en die Bewegung zur Bildung jüdischer Gemeinwesen auf anderer als religiöser Grundlage/' Als Beispiel, gegen was für Gemeinwesen sich das richtet, wurden jüdische politische, Suffragetten- und zionistische Klubs angegeben. So unbeschreiblich traurig es ist, daß gerade diejenigen, die von der Lebensfrage des jüdischen Volkes am tiefsten berührt werden sollten, aus Blindheit oder Trägheit die Hände in den Schoß legen und sich nach der Absolvierung der nötigen Zahl von Predigten und Thora-Entfaltungen von dem Sein oder Nichtsein ihres Stammes nicht weiter beunruhigen lassen — es ist nun einmal so, und wir müssen uns umsehen, wie und durch wen sonst etwas für die Juden in Amerika geschieht. Die amerikanischen Juden wissen sehr gut, daß das Schicksal des ärmsten galizischen Einwanderers bis zum Großkaufmann in Wall Street durch die ganze jüdische Gemeinschaft seine Kreise zieht. Die jüdische Wohltätigkeit ist daher in Amerika außerordentlich entwickelt und schafft viel Gutes, wenn sie auch dem eigentlichen Problem der Judenfrage aus dem Wege geht. Daneben gibt es aber auch mehr systematische Versuche, wie aus den Verhandlungen einer neulich stattgehabten Sitzung der Immigration und Distribution League hervorgeht. Diese Gesellschaft bemüht sich, den gewaltigen Fremdenstrom, der alljährlich im New Yorker Hafen ankommt, über das ganze Land zu verteilen. Die jüdische Sektion dieser Gesellschaft faßte die Resolution: * „diese verteilende Tendenz zu unterstützen und die einwandernden Juden nach dem Innern des Landes, hauptsächlich nach jüdischen Farmen (für die von jüdischer Seite imposante Summen gespendet wurden) zu dirigieren." Wenn die Herren Rabbiner konsequent sind, müssen sie auch diese auf nicht religiöser, sondern sozialer Basis begründeten gemeinsamen Bestrebungen mißbilligen. Ob der sympathische Gedanke jüdischen Farmwesens sicli praktisch durchführen läßt, ob der aus den osteuropäischen Ghettis kommende Jude imstande ist, den Boden des fremden Landes zu lieben und zu bearbeiten, muß freilich die Erfahrung noch lehren. Jedenfalls wird auch diese Taktik mehr dazu führen, zugunsten des Amerikanismus zu entjuden als das jüdische Nationalgefühl zu stärken. Einen wesentlich verschiedenen Charakter zeigt ein anderes jüdisches Gemeinwesen, nämlich die New Yorker Kehillah, die vor drei Jahren als das Resultat einer Konferenz hervorragender Vertreter des New Yorker Judentums gegründet wurde und die Resolution annahm: „Das Ziel der New Yorker Kehillah ist es, die Sache des Judentums in der Stadt New York zu fördern und ihre Juden in allen lokalen Angelegenheiten von jüdischem Interesse zu vertreten." Dieser junge Gemeindeverband ist bereits eine lebendige Widerlegung der verlogenen Rabbiner-Theorie vom Judentum als bloßer Religionsgemeinschaft. Daß die Kehillah lokaljüdische soziale Interessen zu vertreten hat, ist eben ein Beweis dafür, daß ein jüdisches soziales Sondergebilde vorhanden ist. Der Jahresbericht des Gemeindeverbandes, der am 27. und 28. April seine große Jahressitzung hatte, zeigt, daß, nachdem sich wieder einmal die jüdische Bevölkerung als Teil des jüdischen Volkes erwiesen hat, die Leiter die einzig richtige Konsequenz gezogen haben: nämlich dieses nun einmal nicht ausrottbare Volkstum nicht zu verbergen und wegzuleugnen, sondern es im Gegenteil zu stärken und zu unterstützen. So ziehen die Gemeindevorsteher, zu denen Männer wie Magncs, Fried länder, Marshall, Schiff, War bürg usw. gehören, die Erziehung der Jugend zum Judentum, hebräischen Sprachunterricht, Stiftungen in Palästina usw. mit in ihren Interessenkreis. Je weiter die Tätigkeit dieses jüdischen Gemeinwesens sich ausbreitet, desto mehr muß sie — vielleicht unbemerkt — in die Bahn einlenken, die unser Größter gewiesen hat: „Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland!" Rückkehr nicht nur zum Tempel der Rabbiner, die das Vorhandensein eines jüdischen Volksproblems abstreiten, sondern zum jüdischen Volksbewußtsein und jüdischen Stammescharakter. Ist ein noch stärkerer Beweis gegen das Ideal eines Yankee-Jerusalem und Washington-Zion vorhanden? Allerdings. Nämlich die fast 100 000 Mark betragende Summe, die der Natioualfonds im letzten Jahre hier gesammelt hat. Wer da weiß, wie zahllose Juden in Amerika hungern, ringen, sich mühen von früh bis spät, und wer da hört, daß diese stattliche Summe vorwiegend aus den Beiträgen dieser darbenden Juden zusammengeflossen ist, der bekommt einen Begriff von der hingebenden Liebe des Judenvolkes für sein altes Zukunftsideal, für die Sehnsucht seines Volkes, die auch dem materiellen Geiste Amerikas standhält. Die schönste Predigt von der Weltmission der jüdischen Religion kann dieses Opfer nicht erzielen, nur ein ererbter und tieferlebter Wunsch nach Rückkehr, nur tiefes Heimweh kann in diesem Lande, wo der Dollar herrscht, eine solche Opferfreudigkeit erwecken.