Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 21 (24.5.1912)
- Date
- 1912-05-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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628 DIE2 nämlich die jüdische Bevölkerung im gesamten südlichen Bezirke zu einer besonderen Wahlkurie vereinigt werden, der selbstredend eine verschwindend geringe, für den Ausgang der Wahlen völlig belanglose Anzahl von Wahlmännern eingeräumt werden soll. Man hofft nicht ohne gute Gründe, daß diese Methode, die sich bereits bei den Wahlen in die dritte Duma im Nordwestbezirk glänzend bewährt hat, sich auch hier bewähren und die progressive Gefahr abwenden wird. Neues vom Kiewer „RituaImord"-Prozeß Kiew. Der Journalist Brasul-Bruschkowsky hat dem Gendarmeriehauptmann I w a n o w , der die Untersuchung in Angelegenheit der Ermordung des Knaben Justschinskv leitete, vor einigen Tagen eine neue Denkschrift überreicht, in der er neues Belastungsmaterial gegen einzelne Mitglieder der Diebesbande vorbringt, die nach seiner Ueberzeugung den Mord an dem Knaben verübt hat. Eine Abschrift dieser Eingabe sandte Brasul an den Justizminister Schteg- 1 o w i t o w und an den Vorsitzenden des Petersburger obersten Gerichtshofs. Das neue Material Brasuls soll für die Tscherebiakowa und drei andere Mitglieder der Bande geradezu vernichtend sein, und man nimmt in gutunterrichteten Kreisen an, daß infolge dieser Enthüllungen nun endlich eine entscheidende Wendung in der Mordaffäre bevorsteht. Zu dem Prozeßverfahren gegen den jüdischen Arbeiter B e i 1 i s ist noch folgendes zu melden: Staatsanwalt Sapenin stellte dieser Tage vor Gericht den Antrag, gegen den Advokaten Margolin, der als Rechtsbeistand des Angeklagten Beilis fungiert, das Disziplinarverfahren einzuleiten, weil er Broschüren zur Abwehr der Ritualmordbeschuldigung drucken lasse und verbreite, also die Kiewer Bevölkerung, aus deren Reihen ja die Geschworenen hervorgehen werden, zu beeinflussen suche. Dieser seltsame Antrag des übereifrigen Staatsanwalts ging aber auch dem Gericht zu weit und wurde glatt abgelehnt. Der Staatsanwalt scheint übrigens in einem unbedachten Moment aus der Rolle gefallen zu sein, denn in der von ihm verfaßten Anklageschrift fehlt ja bekanntlich jeder Hinweis auf den „Ritualmord". Man muß sich also fragen, was denn die Verbreitung von Schriften gegen den Rirualmordwahn mit der Prozeßsache zu schaffen hat. Aber freilich, mit Vernunftgründen und Logik kann man dieser ganzen „echtrussischen" Affäre nicht beikommen. Die Jüdische Turnerschaft in Saloniki (Von unserem Berichterstatter.) Salon i k i. Der Turnverein Makkabbi beging hier in der vorigen Woche sein drittes Stiftungsfest. Herr Abraham Matarasso, der Sekretär des Vereins, ergriff als erster das Wort, um die Ziele des Makkabbi auseinanderzusetzen, der gleich den anderen jüdischen Turnvereinen in Konstantinopel, in Bulgarien und allen anderen Ländern bemüht ist, die Jugend zum Turnen zu erziehen und national-jüdisches Bewußtsein in ihr zu erwecken. Er sprach über die Entwicklung, die der Verein genommen hat, über die Sympathien, die ihm die Oeffentlichkeit entgegenbringt, und seinen guten Einfluß auf die Jugend. Er erinnerte daran, daß unsere Stadtverwaltung in Anerkennung der großen EELT ■== Nr. 21 Verdienste des Makkabbi ihm das notwendige Terrain zur Verfügung gestellt hat, um eine Turnhalle zu erbauen. Darauf hielt Herr Epstein, der hervorragende Pädagoge, der unsere Talmud-Thora-Schule leitet, eine Rede über die Bedeutung des Vereins Makkabbi als Faktor der moralischen Wiedergeburt des Judentums. Er sprach von der allgemeinen Lage des jüdischen Volkes, die in dreifacher Hinsicht, nämlich politisch, sozial und physisch, eine sehr traurige sei. Die physische Schwäche habe ihren Grund darin, daß das jüdische Volk kaum zu atmen vermöge. Viele Jahrhunderte war es im Ghetto eingeschlossen, so daß ihm die freie Bewegung und körperliche Ausbildung unmöglich war. Dem wollen die Makkabbi-Vereine abhelfen, und Herr Epstein wünscht ihnen das Beste für die Zukunft. Nach ihm bestieg der Großrabbiner Jacob Mei'r die Tribüne und appellierte an die Opferwilligkeit der Anwesenden zugunsten der Juden von Marokko. Es wurden sogleich 1000 Francs gezeichnet, und die Fortsetzung der Sammlung ergab bis jetzt 3000 Frcs. Zum Schluß sprach Herr Jeheskel Levy, der deutsche Lehrer des Hilfsvereins, der eben aus Hamburg gekommen war. Er begrüßte in warmen Worten den Makkabbi im Namen des Turnvereins Bar-Kochba, dessen Mitglied er ist, und wünschte ihm Glück für die Zukunft. Jubiläumsfeier der Hazefirah in Saloniki Die „Israelitische Bibliothek" und der Verein Makkabbi, die einzigen Zentren unserer Stadt, wo jüdischer Geist sich zeigt, veranstalteten ihrem Programm gemäß Konferenzen zur Beratung jüdischer Angelegenheiten. Die letzte fand vorigen Sonnabend statt. Es sprach Herr Baruch B e n j a c o b , Lehrer des Hebräischen an der Talmud-Thora-Schule, über die „Renaissance des Hebräischen" anläßlich des Jubiläums der Hazefirah. Die Versammlung war sehr gut besucht. Der Redner sprach über die große Bedeutung der Hazefirah, über die Persönlichkeit Nahum Sokolows und die Entwicklung der hebräischen Literatur während der letzten 200 Jahre. Nach ihm sprach Herr David Florentin, der Vizepräsident des Vereins Makkabbi und beglückwünschte den Redner, der selbst als Beispiel der Entwicklung des Hebräischen genannt werden könne, da seine Erziehung eine durchaus hebräische gewesen sei. Dann sprach er von dem letzten Zionistenkongreß und über das Wiedererscheinen der Hazefirah, die einige Zeit unterdrückt worden war. Zum Schluß sprach er über den Plan, auch in Saloniki eine hebräische Monatsschrift zu gründen. Die Veranstaltung verlief ausgezeichnet und machte den besten Eindruck. Angriffe gegen die ottomanischen Juden Ein gewisser Nafie Hanum hat dieser Tage in Konstantinopel eine Broschüre veröffentlicht, die heftige Angriffe gegen die Juden enthält. Es wird ihnen vorgeworfen, daß sie nur an ihre eigenen Interessen denken und für das Vaterland nichts tun wollen. Insbesondere wird behauptet, die ottomanischen Juden hätten sich an den Spenden für die ottomanische Flotte nicht beteiligt. Ein junger Jude aus Saloniki, Herr Schemtob Revah, hat an den Präsidenten der Liga für die Flotte einen Brief gerichtet, in dem er energisch gegen diese Beschuldigung protestiert und das Flottenkomitee auffordert, diese falschen Nachrichten zu dementieren. Die Bukowinaer Zionistische Landeskonferenz (Eigener Bericht.) Czerno witz. Sonntag, den 19. Mai, fand in Czernowitz die Landeskonferenz der Delegierten der zionistischen Vereine und Korporationen der Bukowina statt. Der gute Verlauf und die wahrhaft ersprießliche Arbeitsleistung war mit in erster Linie dem vom E. A. C. entsandten Parteisekretär Herrn Dr. Ph. Korn grün zu verdanken, der an der Landeskonferenz teilnahm, nachdem er zuvor die Vorbereitungen zu derselben energisch und umsichtsvoll betrieben hatte. Nach der Begrüßung der 52 Delegierten und der aus allen Teilen des Landes zahlreich erschienenen Gäste durch den Obmann Prof. Kellner gelangte das vom E. A. C. an die Landeskonferenz gerichtete Beglückwünschungsschreiben zur Verlesung, dessen ernster Inhalt und ehrliche Mahnworte mit stürmischem Beifall aufgenommen wurden. Die versammelten Bukowinaer Zionisten empfanden, daß sie der Zentralleitung näher gerückt sind und daß sich das längst ersehnte Verhältnis zur Gesamtorganisation und deren Leitung entwickelt. Hierauf begrüßte Sekretär Dr. Korngrün die Konferenz im Namen des E. A. C, legte in kurzen Sätzen dar, was die Parteileitung von dieser Tagung erwarte und führte unter starkem Beifall aus, daß die Beratungen in dem Sinne ge-