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Die Welt · 1912-05-24 · 21 (24.5.1912) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
21 (24.5.1912)
Date
1912-05-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 21 DIE ÄELT 627 flusse stehen. Er verliest die Relegierungserkenntnisse, die der Czernowitzer Senat gegen Juden erließ. Sie enthalten krasse Ungerechtigkeiten, mittelalterliche Rechtsanschauungen und einen derartigen Mangel an juristischer Logik, daß diese Urteile vor allem die Urteilsfäller brandmarken. Mit Unwillen beleuchtet Redner das Verhalten der jüdischen Professoren an den österreichischen Hochschulen und schließt mit heftigen Angriffen gegen den Vorstand der israelitischen Groß gemeinde Wien, der wieder einmal durch Abwesenheit glänze. Hierauf gelangte folgender Protest einstimmig zur Annahme : „Die Versammlung nimmt mit Entrüstung zur Kenntnis, daß seitens der akademischen Senate Wiens jüdische Hochschüler relegiert, ihrer Existenz beraubt werden, weil sie sich gegen niedrige Beschimpfungen seitens deutsch nationaler Antisemiten zur Wehr setzen, während ihre Beleidiger straflos ausgehen. Sie erblickt darin eine krasse Verletzung der akademischen Gesetze, deren Tendenz unmöglich die sein kann, die Beleidigten und systematisch in ihrer Ehre Gekränkten hart zu bestrafen, weil sie sich von begreiflicher Erregung haben fortreißen lassen, den Provokateuren aber Straffreiheit zuzusichern. Die Versammlung erblickt in der Propagierung des berüchtigten Waidhofener Beschlusses, demzufolge der deutsche Student den Juden als ein von Geburt an ehrloses und niedriges Subjekt zu betrachten und zu behandeln hat, eine unerhört freche Beleidigung eines österreichischen Volksstammes. Auf dem Boden der Universität frank und frei betrieben, ist sie geeignet, die Hochschulen zu Brutstätten der Roheit und Unmenschlichkeit zu erniedrigen. Die Versammlung fordert die Behörden und die akademischen Senate auf, aus der bisher beobachteten und unverantwortlichen Reserve herauszutreten und unnachsichtlich alle jene Personen und Korporationen zu verfolgen, die diese unmoralische und den Staatsgrundgesetzen hohnsprechende Tendenz zu vertreten wage n." Emigrantentragödie Wien. An der österreichisch-russischen Grenze hat sich wieder eine jener entsetzlichen Tragödien abgespielt, die sich nur im Leben des jüdischen Volkes ereignen. Nicht alle Juden, die aus dem Lande der Judennot auswandern wollen, erhalten Pässe. Wollen sie also der Folterkammer des Ansiedlungsrayons entkommen, müssen sie sich über die Grenze schleichen. Da stehen aber russische Grenzsoldaten und schießen in die Unglücklichen nach Herzenslust hinein. Freitag, den 10. d. M., wurden wieder zwei unglückliche Brüder nach der Ueberschreitung der Grenze auf österreichischem Boden ,,zur Strecke gebracht". Es entwickelte sich ein Rechtsstreit um die Pflicht zur Leichenbestattung .... David Ritter v. Guttmann Wien. In Wien verschied im 78. Lebensjahre der Mitchef der Weltfirma Gebrüder Guttmann, David Ritter v. Guttmann. Dem Verstorbenen ist ein echt jüdischer Wohltätigkeitssinn nachzurühmen. Noch vor kurzem hat er 3 Millionen für ein jüdisches Spital gespendet. Er war Vorstandsmitglied der Wiener Kultusgemeinde, Präsident der Wiener Allianz und der Baron Hirsch-Stiftung, nahm aber an den nationalen Bestrebungen des Judentums keinen Anteil und verhielt sich gegenüber dem Zionismus ablehnend. An den traurigen Zuständen in den Witkovitzer Eisenwerken, in denen fast gar keine jüdischen Beamten beschäftigt werden, soll ihn nach Aussage Eingeweihter kein direktes Verschulden getroffen haben. Er war einer von den letzten der alten Garde, die ehrlich daran glauben, daß die Judenfrage durch die Emanzipation endgültig gelöst sei und daß sich die noch nicht vernarbten Wunden durch Geldpflaster heilen ließen. Die neue politische Saison in Rußland (Von unserem Berichterstatter.) Odessa. Jede politische Saison hat bei uns ihre zugkräftigen Modeartikel, ihre unwiderstehlichen Schlager. Insbesondere gilt dies von dem reichsten Betätigungsgebiet unserer Bureaukratie — von der Judenpolitik. Wir haben vor wenigen Wochen das Fazit der ersten politischen Hochsaison Kokowzews gezogen. Zu jenen Leistungen kam dieser Tage noch der letzte Ausläufer der angestrengten Saisonarbeit — die nunmehr von der Reichsduma in dritter Lesung beschlossene Abtrennung des Cholmgebietes vom Königreiche Polen mit den daraus resultierenden neuen Rechtseinschränkungen für die jüdische Bevölkerung dieses Gebietes. Abgesehen von der Ritualmordaffäre, die gewissermaßen als „unvollendetes Kunstwerk" auf die neue Saison überkommen ist, kann man also bereits die Bilanz der vergangenen als abgeschlossen betrachten. Und nun fühlen wir es, daß wir in einer neuen Saison stehen. Mit dem Beginn des Frühlings ging der Schwerpunkt der politischen Aktivität auf das Gebiet der Ausweisungen und der zweckdienlichen Vorarbeiten für die Duma wählen über. Wie alles, was unsere Judenpolitik in letzter Zeit zuwege bringt, sollen auch die Ausweisungen den Stempel der Großzügigkeit tragen. Man erwartet jetzt in erster Reihe die entscheidende Senatserklärung, die das bekannte Stolypinsche Zirkular annullieren und somit Tausende jüdischer Familien außerhalb des Ansiedelungsrayons der Vertreibung preisgeben soll. Daneben wurde jetzt das Wohnrecht der Juden in den Dörfern des Ansiedelungsrayons besonders streng unter die Lupe genommen. Das Ergebnis dieser kritischen Untersuchung ist, daß bloß in den Gouvernements Grodno, Wolhynien und Jekaterinoslaw ca. 3000 jüdische Familien demnächst aus den Dörfern ausgewiesen werden sollen. Für die Ausweisungen von Juden aus den Dörfern wird zurzeit, neben den einfachen Verfügungen der Verwaltungsorgane, vielfach noch ein anderer Weg gewählt. Die D o r f - gemeinden werden nämlich angehalten, „aus eigener Initiative" bei der Behörde die Ausweisung der jüdischen Dorfbewohner zu beantragen, worauf dann diese, ohne Rücksicht auf ihre persönlichen'Rechte, sofort deportiert werden. Nach dieser Richtung hat die rührige Agitation des Verbandes des russischen Volkes, der ganz besonders im Süden und Südwesten Rußlands grassiert, große Bedeutung erlangt. Neben den Ausweisungen sind es die Repressivmaßnahmen im Zusammenhange mit den bevorstehenden Dumawahlen, unter denen die jüdische Bevölkerung zurzeit am meisten zu leiden hat. Um die jüdischen Wähler unschädlich zu machen, werden im ganzen Lande die leisesten und unschuldigsten Regungen des öffentlichen Lebens unter den Juden in rücksichtslosester Weise verfolgt. Insbesondere bekommen die Zionisten die übergroße Nervosität der Regierung zu fühlen. Die Fälle von Haussuchungen, Verhaftungen und Anklagen wegen zionistischer Betätigung häufen sich von Tag zu Tag. So wurde vor kurzem in Odessa mit dem ganzen Aufgebote polizeilicher Vorsicht und Energie -- als ob es sich um verzweifelte Verbrecher gehandelt hätte — eine kleine Versammlung zionistischer Schüler, wo Dr. Buchmil über Palästina referierte, auf frischer Tat erwischt und sämtliche Teilnehmer derselben nach dem Gefängnis gebracht. Hier wurden sie 14 Tage lang gehalten, worauf das gerichtliche Verfahren gegen sie eingeleitet wurde. Unabhängig von dem gerichtlichen Verfahren wurden übrigens noch Dr. Buchmil und der Inhaber der Wohnung, wo die Versammlung stattfand, der Vater eines der anwesenden Schüler, auf dem Wege der Verwaltung mit größeren Geldstrafen belegt. Die Schüler wurden „bis auf weiteres" aus den Lehranstalten ausgeschlossen. Gleichzeitig fanden bei verschiedenen Zionisten strenge Haussuchungen statt. Derartige Haussuchungen und Prozesse gegen Zionisten werden übrigens aus allen Ecken und Enden Rußlands gemeldet. Ferner werden die höheren Gerichts- und Verwaltungsbehörden in Bewegung gesetzt, um die jüdischen Wähler von der Urne fernzuhalten. So wurden die meisten jüdischen Wähler Kiews einfach des Wahlrechts verlustig erklärt. Auf diese Weise soll nämlich die zweite Stadtkurie in Kiew, die bei den letzten Wahlen dank den jüdischen Stimmen einem Oppositionellen anheimfiel, den „staatserhaltenden" Parteien gesichert bleiben. Auf gleiche Weise soll, wie verlautet, das Wahlrecht sämtlicher jüdischer Handwerker außerhalb des Ansiedelungsrayons, wo sie unter Umständen den Ausschlag geben könnten, „interpretiert" werden. Für den Süden und Südwesten Rußlands wurde übrigens ein vereinfachtes Verfahren erfunden, das die jüdische Gefahr beseitigen soll. Auf Betreiben der „Nationalisten" Kiews soll

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