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Die Welt · 1912-05-24 · 21 (24.5.1912) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
21 (24.5.1912)
Date
1912-05-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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DIEEaKELT; Nr. 21 626 Die Einigung im Deutsch-Israelitischen Gemeindebund Berlin. Im Deutsch-Israelitischen Gemeindebund, der Vereinigung der jüdischen Gemeinden Deutschlands, bestanden bekanntlich seit längerer Zeit sehr erhebliche Meinungsverschiedenheiten, die jeden Versuch, das Statut des Gemeindebundes zu reformieren, verhinderten. Vor allem handelte es sich dabei um die Frage, in welcher Weise die Rechte der kleinen G cmeinden gegenüber den Rechten der Großgemeinden zu schützen seien. Sowohl in den Kreisen der deutschen Zionisten, wie in denen der Gesetzestreuen herrschte die Auffassung, daß das von den Großgemeinden geplante Statut den Einfluß der kleinen Gemeinden völlig vernichten müsse, und so entspann sich ein heftiger Meinungskampf, der die vorige Tagung des Gemeindebundes sehr stürmisch gestaltete und eine lange Preßfehde bewirkte. Am 15. Mai fand nun in Berlin wiederum der Gemeindetag statt, und diesmal gelang es, wenngleich nach scharfen Auseinandersetzungen, mit Hilfe einer „Einiglingskommission'1 auf dem Wege des Kompromisses ein halbwegs annehmbares Ergebnis herbeizuführen. Zu wirklicher Zufriedenheit liegt freilich kein Grund vor, denn die Forderungen der Opposition fanden bei der liberalen Majorität wenig Anklang. Immerhin wurden einige Konzessionen gemacht, die es der Opposition ermöglichten, das Statut anzunehmen. In der Frage des passiven Wahlrechts kam die Majorität den Wünschen der kleinen Gemeinden durch die Bestimmung entgegen, daß diejenigen Personen wählbar sein sollen, die einmal zehn Jahre in der betreffenden Provinz oder im Bundesstaate ansässig gewesen sind, oder die dem Gemeindebund persönlich als Mitglieder angehören und fünf Jahresbeiträge entrichtet haben. Andere Wünsche der Minderheit erfuhren eine „dilatorische'*' Behandlung. Die Frage des Pluralwahlrechts wurde einer Kommission zur Prüfung übergeben. Auch wurden gewisse Zusicherungen gemacht, daß im Vorstand des Bundes alle Richtungen vertreten sein sollen. So ist das Ergebnis immerhin akzeptabel und beseitigt den endlosen Pressekampf, der um das Statut ausgefochten wurde. Was den äußeren Verlauf der Verhandlungen betrifft, so wäre den Vertretern der jüdischen Gemeinden Deutschlands zu wünschen, daß sie sich an den Verhandlungen der Zionistenkongresse ein Beispiel nähmen. Die Relegierung jüdischer Studenten Die Solidarität der Bürgerschaft. — Eine Straßendemonstration der jüdischen Studenten. — Massenversammlung und öffentlicher Protest. (Von unserem Berichterstatter.) Wien. Die in der jüngsten Nummer der )5Welt" behandelte Ausschließung jüdischer Hochschüler vom Studium weist auch eine Lichtseite auf. Sic hat eine erfreuliche Solidarität der jüdischen Bürgerschaft mit unserer akademischen Jugend gezeitigt. Der Wiener Kultus vorstand hielt sich abseits und sein offizielles Organ verschwieg die Sache — aber unsere Judenheit war am Platze. Das ehrt sie und erfüllt uns mit guten Hoffnungen. Samstag, den 18. d. M., fand eine Demonstration statt. Um 7 Uhr abends hatte die jüdische Studentenschaft vor der Universitätsrampe Aufstellung genommen und marschierte lautlos und geschlossen — an 700 Mann stark — in den Versammlungssaal im II. Bezirke. Der Zug erregte großes Aufsehen, zumal die Studenten an die Passanten Aufrufe verteilten, in denen dargelegt wurde, daß der jüdische Hochschüler nurmehr die Wahl habe, die schimpflichste Beleidigung seiner Volksehre zu dulden — oder die Existenz einzubüßen. Lange vor Beginn der Versammlung waren Saal und Galerien von Bürgern und Frauen derart überfüllt, daß die Polizei die Saaltüren sperrte. Ein großer Teil der Studenten nahm daher in der Straße Aufstellung. Stürmische Hedadrufe kündigten die Ankunft des Gg. Abg. Dr. Strauch er an, der aus seiner Heimatstadt Czernowitz herbeigeeilt war, um den Studenten beizustehen. Der Präsident des ,zionistischen Verbandes ehemaliger Akademikeru, Ob.-Ing. Fried, hielt die Eröffnungsansprache: Die heutige Wiener Universität ist nicht mehr die hohe Schule Kants, Hegels, Lessings, Goethes, sondern die Universität der Schönerer, Wolf, Malik. Vor 16 Jahren haben die germanischen Hurrahnationalisten konstatiert, daß jeder als Jude Geborene ehrlos sei. Der akademische Senat, der „Vater der Studenten", nahm sich seiner jüdischen Söhne nicht an und erklärte die Angelegenheit als privat. Jetzt ist er aber aus seiner merkwürdigen Passivität herausgetreten. Er hat die zur Selbstwehr gezwungenen jüdischen Hörer relegiert, die Schänder der jüdischen Volksehre aber straflos gelassen. Dagegen muß die Judenheit protestieren. Ob.-Ing. Stricker: Die heutige Universität unterscheidet sich wesentlich von der des Jahres 1848. Damals opferten akademische Bürger ihr Herzblut, damit das Volk mündig werde und Schulen erhalte — jetzt demonstriert der deutschnationale Student, um die Minoritätsvölker der Schulen zu berauben. Damals ging von der Aula das Licht der Freiheit aus — heute weht von dort der Hauch der Roheit und der Reaktion. Bei den heutigen Verhältnissen muß man es begrüßen, daß die Universität den politischen Einfluß eingebüßt hat, und wir hätten Sie nicht gerufen, wenn es sich um eine rein studentische Angelegenheit handelte. Der „Waidhofener Beschluß" ist ein österreichisches Privilegium. Unerhört ist es, daß sich weder die Regierung noch die akademischen Senate um diesen Beschluß gekümmert haben, der jedem Feigling die Möglichkeit gibt, sich ungestraft am Judentume zu reiben. Nach dem Urteil des hochweisen Senats hat der jüdische Stockhieb die Universität entweiht — aber die Ehrloserklärung des jüdischen Sohnes der alma mater entweiht sie nicht. Die Bürger, welche wähnen, es handle sich beim Waidhofener Beschluß einfach um nicht ernst zu nehmende Roheit übermütiger, unreifer Studenten, seien darauf verwiesen, daß die ehemaligen Studenten mit ihren eingefleischten Begriffen von der jüdischen angeborenen Ehrlosigkeit in den Gerichten als Staatsanwälte und Richter, in den Ministerien als höchste Beamte, in den akademischen Senaten als Jugendbildner sitzen. Nur der Druck der öffentlichen Meinung kann verhindern, daß seitens der Rektoren unserer Jugend weiterhin gleiches Unrecht widerfahre. Student Freundlich: Es ist nicht unsere Schuld, daß sich ein studentisches Plattenwesen entwickelt hat. Neun Zehntel der nichtjüdischen Akademiker erkennen den Waidhofener Beschluß an. Diese Ehrabschneider verschmähen es aber nicht, jüdische Stiftungen zugenießen. In dem von P o 11 a k v. R u d i n gewidmeten „Rudolfinum" sitzen deutschnationale antisemitische Studenten, die die Frechheit hatten, an die Türe die Worte zu schreiben: „Juden und Hunden ist der Eintritt verboten.4' (Stürmische Entrüstung.) Die Maßregelungen des Rektors werden uns nicht hindern, auch künftighin den Schändern der Judenehre tüchtig heimzuleuchten! Student Waldmann: In der Behandlung der Juden auf den Universitäten zu Czernowitz, Prag und Wien liegt unverkennbar ein System. Die Rektoren beugen sich unter die Fuchtel der deutschnationalantisemitischen Parteiführer. Schamlos ist das Verhalten jener jüdischen und auch der getauften Professoren, die alle vom Waidhofener Beschlüsse mitbetroffen sind und die jüdische Studentenschaft im Stiche gelassen haben. Abg. Dr. Straucher: Das Staatsgrundgesetz „Vor dem Gesetze sind alle Bürger gleich"' gilt* für uns Juden nicht, weil wir die Gleichberechtigung nicht als Nation erkämpft haben, sondern unter der Maske der Konfession. Der traurige Zustand muß so lange währen, bis wir alle wieder auf dem Boden der jüdischen Nation stehen. So erklärt sich die überragende Wichtigkeit des Kampfes um die Anerkennung der jüdischen Nationalität. Redner behandelt eingehend die Vorgänge an den Hochschulen in Wien, Prag und Czernowitz und schließt sich der Meinung an, daß die Rektorate unter höherem, politischem Ein-

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