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Die Welt · 1912-05-24 · 21 (24.5.1912) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
21 (24.5.1912)
Date
1912-05-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 21 blEE^E LT 625 die vielleicht nie erreicht werden wird, aber die die Entwicklungsbahn vorzeichnet. Die letztere kennt nur die Gegenwart und will aus ihr die ganze Zukunft bestimmen. Achad-Haam sieht jetzt keine jüdischen Bauern und keine judischen Lohnarbeiter in Palästina, ergo, schließt er, wird es immer so bleiben. Nun denn: es gibt jetzt in der Tat keine Bauern, aber sie werden kommen, wenn die natürliche Entwicklung es dahin bringen wird. Und sie muß es dahin bringen. Die andere Frage ist, ob die jetzige „praktische Arbeit" der Zionisten zum Ziele führt. Es gibt unter uns gute Zionisten, die nicht mit Achad-Haam übereinstimmen, und die doch meinen, daß alle unsere jetzige Arbeit in Palästina nicht zum Ziele führe, daß aus dieser ganzen kleinlichen Arbeit nichts Großes herauskommen könne. Um die Frage zu präzisieren, will ich da das Räsonnement dieser Zionisten, die eben Gegner Achad-Haams sind, vorbringen. Diese Zionisten behaupten: „Unsere ganze kolonisatorische Tätigkeit in Palästina ist von unpraktischen Leuten geleistet worden. Vor allem hören wir mit der ganzen Kleinarbeit auf. Sammeln wir vor allem 10 bis 20 Millionen Mark für die Land Development Company, organisieren wir das Judentum und erst dann soll eine Großkolonisation beginnen. Schaffen wir bis dahin Bedingungen für eine normale, gesetzmäßige Einwanderung nach Palästina und erst dann werden wir praktische Arbeit leisten." Ich könnte dieses Räsonnement noch verstehen, wenn man mir klarmachen würde, wie man die 10—20 Millionen Mark, ohne praktische Arbeit in Palästina, sammeln könnte. Man vergißt, daß Geld nur für konkrete Zwecke gesammelt werden kann — sei es das Geld von Finanzleuten, sei es das von Philanthropen. Und besonders beim jüdischen Volk, das keine Volksorganisation besitzt. Um Geld zu sammeln, müssen wir schon jetzt etwas in Palästina schaffen. Selbstverständlich muß dieses Schaffen planmäßig, zielbewußt und wirklich praktisch geleitet » werden. Selbstverständlich muß der Bezalel auf kommerzielle Basis gestellt werden. Bs ist klar, daß die Aktien unserer Finanzinstitute und der P. L. D. C. zinsbringend sein müssen. Aber nur im Prozesse der Arbeit wird Energie ausgelöst. Nur durch diese Arbeit wird das jüdische Volk zur Kolonisation erzogen werden und «nur durch sie können wir eine Basis für Unterhandlungen mit den türkischen Machthabern schaffen. Es ist möglich, daß wir in unserer jetzigen praktischen Arbeit unpraktisch sind, daß wir einfach unwissende und unfähige Kolonisatoren sind, aber durch Nichtstun wird dem nicht abgeholfen werden können, sondern nur durch besseres Tun. Ja, wir haben bis jetzt herzlich wenig geleistet, um unser Ziel zu erreichen. Aber daran ist nicht die Arbeit einer kleinen Minorität des jüdischen Volkes schuld, sondern die stille Resignation unserer großen Masse, die es dahin bringt, daß z. B. unsere P. L. D. C. kaum 200 000 Mark aufgebracht hat. Und von diesem Standpunkte aus müssen wir sagen: Auch Achad-Haam predigt unserem Volke Resignation und Selbstbeschränkung, auch er redet unsenn Volk ein, es werde niemals ein gesundes, normales Volk werden können, auch er bestärkt das Judentum in der Goluspsychologie, obwohl er ihm zum Trost die Utopie eines geistigen Zentrums vorträgt. Und darum müssen wir den Mut haben, es offen zu bekennen: Auch Achad-Haam gehört zu unseren Feinden, obwohl er ein Feind der Assimilation ist. Der kleinbürgerlichen Utopie Achad-Haams gegenüber halten wir fest an dem großen Ideal Herzls, dessen Genie nur das wahre Volksideal formuliert hat: Jahrhunderte lang träumte unser Volk nicht von einem geistigen Zentrum, sondern von der konkreten Rückkehr ins Land der Väter. Mit Achad-Haams Utopie gehen wir sicher zugrunde; mit Herzls Ideal können wir siegen. O (T □ □ □ □ □ o ■ ■ ■ ■■ ■ - - vs- WELTCHRONIK o CV- -'J \ Friedensverhandlungen in der Alliance Wir erhalten folgende Zuschrift: „Die Unterzeichneten sind heute zu einer Versammlung zusammengetreten und haben einstimmig beschlossen, die /wischen den bestehenden Vereinigungen der deutschen Mitglieder der A. 1. U. und dem C. C. in Paris vorhandenen VLißverständnisse zu beseitigen. Zu diesem Zweck ist eine Kommission gewählt worden, welche den Weg hierzu feststellen <oll." Berlin, den 15. Mai 1912. Direktor Dr. Adler (Frankfurt a. M.), Justizrat Blau (Frankfurt a. M.), Justizrat D z i a 1 o s z y n s k i (Berlin), Senator Fischer (Linden-Hannover), Kommerztenrat G a 1 - 1 i n g e r (Nürnberg), Stadtrat G i rn k i e \v i c z (Berlin), H. Gumperz (Hamburg), Justizrat Dr. Held (Nürnberg), Professor Kalischer (Berlin), Rabbiner Dr. Kopfstein (Beuthen), Geheimrat Landau (Berlin), Rechtsanwalt Lippmann (Hamburg), Philipp Schiff (Frankfurt a. M.), Professor Dr. Silbergleit (Berlin), Rabbiner Dr. Werner (München), Justizrat Wolff, M. d. A. (Lissa). * In den letzten Wochen haben mehrfach Verhandlungen geschwebt, die einen Friedensschluß vorbereiten sollten. Es wäre zu wünschen, daß der leidige Zwist beendigt würde, denn er hat nicht nur der Alliance, sondern auch dem Ansehen des Judentums sehr geschadet. Wichtiger aber ist die Frage, wie dieser Frieden a u s s e h e n wird. Wenn in gewissen Personenfragen von beiden Seiten Konzessionen gemacht werden — wofür die Zusammensetzung obiger Liste spricht -- so ist dies sicherlich für die weitere Tätigkeit der Alliance von Nutzen, und manche Gehässigkeit wird dadurch ihre Schärfe verlieren. Weit wesentlicher aber ist die Frage, wie sich die Alliance in Zukunft zu den sachlichen Fragen stellen wird, um die der Kampf entbrannt ist. Wird sie es für angebracht halten, ihre hochverräterische, die Sache des Judentums kompromittierende Taktik gegenüber dem Zionismus in der Türkei auch weiterhin beizubehalten? Wird sie ihr Schulwerk im jüdischen Sinne reformieren und die französisch-chauvinistischen Tendenzen daraus verbannen? Wir haben Vertrauen zu dem guten Willen mancher Persönlichkeiten, die in der Alliance wirken, aber wir haben das stärkste Mißtrauen gegenüber den Drahtziehern in Paris, die bisher mit Zähigkeit an ihren Irrtümern festhielten und den Forderungen des neuen Judentums mit völliger Verständnislosigkeit begegneten.

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