Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 21 (24.5.1912)
- Date
- 1912-05-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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624 z DIE3 säßen Liebe zum Lande und nicht zur Mutter Erde, die Arbeiter seien gar keine Arbeiter, denn sie wollen Eigentümer werden, und im Resultate besitzen wir in Palästina ein paar Dutzend zerstreute Kolonien und nichts mehr. Dagegen besitzen wir schon jetzt in Palästina ein geistiges jüdisches Zentrum mit nationalen Schulen, nationaler Sprache und Literatur und damit „eine Quelle zur Gesundung der jüdischen Volksseele". Ich frage, welches Gehirn kann eine solche Utopie ersinnen? Welches Volk in der Welt könnte eine Utopie von einem geistigen Volkszentrum ernst nehmen, das nicht auf einer normalen sozialen Basis ruht? Und bei uns gibt es Aehad-Haamisten, die eben diese Utopie für ernst halten und darin sogar geniale Gedanken entdecken. Das Utopische des ganzen Gedankenganges Achad- Haams liegt für jeden soziologisch geschulten Menschen auf der Hand. Jedes gesellschaftlich-geistige Zentrum ist ein Resultat des ganzen gesellschaftlichen Lebens — mit seiner Wirtschaft, Politik und mit allen seinen prosaischen Geschehnissen. Nationale Kultur ist nicht bloß die Sprache, die Schule und das Buch, sondern das Individuelle in allen Lebenserseheinungen des Volkes. Und wenn wir wirklich nicht imstande sind, in Palästina eine wirtschaftlich gesunde und selbständige jüdische Masse, die ein kompakt-soziales Leben führt, zusammenzubringen, dann ist es auch mit unserem geistigen Zentrum aus. Denn das Land bleibt nicht leer und die jetzigen Einwohner haben die Verpflichtung nicht übernommen, in ihrer kulturellen Entwicklung stehen zu bleiben. Bleibt das Judentum in Palästina immer eine zusammenhanglose Minorität, dann muß mit der Zeit derselbe Zustand eintreten, wie in der Diaspora. Die kulturell und wirtschaftlich sich entwickelnde Majorität wird dem ganzen Leben Palästinas ihren Stempel aufdrücken, und damit ist der ganze Plan Achad-Maams vernichtet. Da gibt es nur ein Entweder •— Oder. Entweder alles oder nichts. Entweder ein sozial gesundes und kulturell schaffendes Gemeinwesen, oder aber noch ein Stück Golus. Und wenn Achad-Haam sich über unser hebräisches Gymnasium oder über unsere Bezalelinstitution freut, so vergißt er, daß beide vorläufig nur Kunstprodukte sind, die von außen her unterstützt werden. Was sich selber nicht halten kann, muß mit der Zeit verschwinden oder degenerieren. In unserem Falle hätten wir nur eine neue Chalukah-EinriChtung geschaffen. In Wahrheit liegt es umgekehrt: Soweit wir in Palästina schon jetzt die ersten Blüten einer neiljüdischen Kultur bewundern können, sind sie nur auf dem Boden des sozialgesunden Judentums entstanden. Nicht die Chalukah-Juden haben das Neue geschaffen, sondern die auf sich selbst angewiesenen Kolonisten, unterstützt von der zionistischen Organisation, aus deren Augen immer die staatsmännische und geniale Utopie Herzls leuchtet. Sobald das ganze Judentum sich Achad-Haams kleinbürgerliche Utopie aneignen würde, hätten wir in Palästina eine . . . Chalukah-Institution und nichts mehr. Das Glück ist, daß Achad-Haams Utopie, wie alle kleinbürgerlichen Utopien, nicht bloß unausführbar, sondern nicht einmal imstande ist, die Volksenergie zu wecken. Und wenn wir uns speziell mit Achad-Haam beschäftigen, so geschieht es nur deshalb, weil leider Gottes in den zionistischen Reihen (besonders in Rußland) ziemlich viel Kleinbürger vorhanden sind, die in ihrer Goluspsyehologie wirklich glauben, das Judentum sei nur etwas Geistiges, das nur eines geistigen Zentrums bedarf. Das ist ein volksfeindlicher Standpunkt. [ELT - Nr. 21 Unser Volk bewarf einer „rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina"; und nur da, wo es wirtschaftliche neue Werte schaffen wird, nur da kann auch ein geistiges Zentrum entstehen. Achad-Haams Utopien sind unausführbar und unnütz. Mag es so sein. Aber Achad-Haam will uns beweisen, daß auch die staatsmännische Utopie Herzls unausführbar sei, daß wir immer nur vereinzelte Kolonien besitzen werden, deren Einwohner keine echten Bauern und deren Arbeiter keine echten Lohnarbeiter sein werden usw. Ist dies wahr? Und noch etwas: Ist es wahr, daß all die gegenwärtige „praktische Arbeit" der Zionisten gar nicht zur Verwirklichung des Endzieles führt? Der jetzige Kolonist sei mehr Farmer, Gutsbesitzer als Bauer. Ja, es ist wahr. Und so war es auch in Amerika zur ersten Zeit der Kolonisation. Der städtische Jude des Golus wird nicht im Nu in einen Bauern verwandelt. Aber je mehr Juden Gutsbesitzer in Palästina sein werden, desto eher wird der Zeitpunkt eintreten, wo auch echte jüdische Bauern den Boden bearbeiten werden. Achad- Haam bestätigt übrigens selbst diese Regel. Er behauptet ja, der dortige jüdische Arbeiter denke gar nicht daran, Arbeiter zu bleiben, sondern er wolle eben Besitzer einer Bodenparzelle werden. Das ist ganz natürlich. Dieser Arbeiter wird eben Bauer werden. Für ihn ist die Bauernwirtschaft ein erstrebenswertes Ziel. Die meisten bisherigen Kolonisten sind Gutsbesitzer, weil sie mit großen Mitteln ins Land kamen, oder aber künstlich, d. i. auf philanthropischem Wege, angesiedelt wurden. Aber mit der Zeit wird es anders werden: es werden Leute ins Land kommen, die nicht die Mittel haben, um Gutsbesitzer zu werden, sondern die knapp und nur mii Hilfe einer Bodenkrcditanstalt sich als einfache Bauern werden einrichten können. Jetzt müssen wir Gutsbesitzer ansässig machen, bei denen jüdische Arbeiter erzogen werden, und aus diesen Arbeitern werden echte Bauern werden. In kleinem Umfange können wir diese Erscheinung schon jetzt in Unter-Galiläa beobachten, (wo mit Hilfe der 1. C. A. jüdische Arbeiter echte Bauern werden. Ganz abgesehen davon, daß ich persönlich an die Zukunft der Oppenheimerschen landwirtschaftlichen Siedelungsgenosse nschaf ten fest glaube und daß sich tatsächlich bis jetzt die Arbeitergenossenschalten gut bewährt haben, Aber es handelt sich da um eine allgemeine Erscheinung: jede Kolonisation beginnt mit Raub- und Großwirtschaft, dann erst kommt der Gutsbesitzer und zuletzt der Normalbauer samt dem Lohnarbeiter. Und so wird es auch bei uns sein. Wer den jetzigen Zustand der Kolonisten, sagen wir in Pethach-Tikwah, in alle Ewigkeit hineinprojiziert, der hat keine blasse Ahnung von wirtschaftlicher Entwicklung. Die echten Bauernkolonien werden erst später kommen, wenn die Einwanderung nach Palästina viel größer werden wird, wenn einerseits die Möglichkeit, Gutsbesitzer zu werden, schwerer, und anderseits die Einwanderung von Massen leichter werden wird. Es ist dieselbe Erscheinung, wie in New York. Vor 10—20 Jahren bereitete sich jeder einwandernde Jude darauf vor, Fabrikant oder Großhändler zu werden. Und viele wurden es in der Tat. Jetzt weiß der jüdische Emigrant, daß er sein Leben lang Arbeiter wird bleiben müssen. Und wenn wir schon jetzt in Palästina echte Bauernkolonien gründen, so hat das nur einen erzieherischen Zweck. Also ja nicht an der Gegenwart die Zukunft messen! Gerade darin liegt der Unterschied zwischen staatsmännischer und kleinbürgerlicher Utopie. Die erste sieht die sehr ferne Zukunft voraus,