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Die Welt · 1912-05-24 · 21 (24.5.1912) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
21 (24.5.1912)
Date
1912-05-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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BERLIN W15, SACHSISCHE STR. 8. W ERSCHEINT 1EDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVI. JAHRG. BERLIN, 24. Mai 1912 unto yann )vo 'n /vHn Nr. 2t. Staatsmännische und kleinbürgerliche Utopien Von Dr. D. Pasmanik Man hat es mir übel genommen, daß ich, in meiner Beantwortung der von der Redaktion der ,,WeIt" bezüglich des Zionismus gestellten Fragen, von Herzls Epoche als von einer utopistischen sprach. Man meinte, ich wollte Herzls Epoche herabsetzen. Zu meiner Rechtfertigung könnte ich auf meine Artikel, die ich Herzl gewidmet habe, hinweisen. Aber damit würde der theoretischsoziologische Hintergrund der ganzen Frage nicht aufgeklärt werden können. Wir müssen der ganzen Frage auf den Grund gehen. Der Philister und Bierpolitiker fürchtet das Wort „Utopie" und denkt sich dabei entweder etwas sehr Gefährliches oder aber etwas Verrücktes. In Wirklichkeit ist weder ein wissenschaftlicher noch ein gesellschaftlicher Fortschritt ohne Utopien möglich. Die Utopie ist der Anfang jeglichen Lebens. Die ganze Frage ist nur die, welche Utopie? Die Sozialisten sprechen von den Utopien eines Tomas More, Saint-Simon, Fourier, überhaupt vom utopistischen Sozialismus. Und jeder sogen, „wissenschaftliche" Sozialist spricht mit Respekt von diesen Utopien. Manche Revisionisten sprechen von gewissen Teilen der Marxschen Lehre als von Utopien, aber trotzdem ist Marx der große Schöpfer des „wissenschaftlichen" Sozialismus. Das ist die eine Art Utopie, die iebenschaffende Utopie, der göttliche Mythus, der allein imstande ist, Massen in Bewegung zu versetzen, den Völkern und Individuen neue Bahnen vorzuzeichnen. Das ist die Utopie des Unbeschränkten, des Absoluten, des Abstrakten. Es gibt aber auch eine zweite Art Utopie, nämlich die Utopie der Mittelstandspolitiker, der Zünftler, der Reaktionäre, die bestrebt sind, den Fortschritt aufzuhalten, alte Lebensformen wiederherzustellen. Das ist die Utopie der Anpassung, der Beschränktheit. Nur Gedankenlosigkeit kann diese beiden Arten von Utopien vermengen, oder sie gleichstellen. In Anwendung auf das gesellschaftliche Leben handelt es sich um die strenge Unterscheidung zwischen staatsmännischen und kleinbürgerlichen Utopien. Der Zionismus ist vor allem eine national-gesellschaftliche Bewegung, und als solche mußte er seine Mythusschöpfer und seine kleinbürgerlichen Träumer aufweisen. Zu den ersten gehörte Herzl, zu den letzten gehört noch jetzt Achad-Haam. Herzl hat eine gewaltige Utopie geschaffen: die Utopie von der raschen Regeneration des jüdischen Volkes im Lande der Väter. Er hat dem Judentum ein großes Ziel gesteckt, dem sich die Wirklichkeit des jüdischen Lebens langsam, aber unaufhaltsam nähern wird, vielleicht ohne je das ganze Ziel zu erreichen. Ohne Herzls Utopie wäre überhaupt keine systematische Bewegung möglich. Aber die Größe von Herzls, wie jeder wirklich staatsmännischen Utopie besteht darin, daß man immer wieder zu ihr wird zurückkehren müssen. An ihr, an dieser Utopie, wird das Volk sein reales Schaffen messen, nach ihr seinen täglichen Kampf richten. Diese Utopie kann niemals überwunden werden, denn sie ist der innere Sinn der Wirklichkeit. Ganz anders verhält es sich mit den kleinbürgerlichen Utopien, deren typischer Repräsentant auf dem Gebiete des Zionismus Achad-Haam ist, den manche Zionisten für den Verkünder der ungeschminkten Wahrheit halten. Nach dem X. Kongreß, dessen Arbeiten Achad-Haam aufmerksam ex visu verfolgte, ging er nach Palästina, und jetzt veröffentlichte er seine „Resultate" (im „Haschiloach"). Ich will mich da nicht befassen mit vergleichenden Analysen der Meinungen dieses Publizisten aus verschiedenen Epochen seiner Tätigkeit. Es handelt sich da nicht um Widersprüche, sondern um die Feststeilung der eigenartigen Utopien Ac'had-Haams. Aus seinen Beobachtungen des jüdischen Lebens in Palästina gelangt Achad-Haam zu folgenden Resultaten: In Wirklichkeit schafft das jüdische Volk in Palästina, dank seinem nationalen Instinkt, ein geistiges Zentrum für sich und seine Kultur, ein Zentrum, das die zerstreuten Teile unseres Volkes geistig zusammenkitten und dem jüdisch-nationalen Leben wieder zuführen wird. Er meint nun, die „politischen" Zionisten kümmerten sich nicht um die national-geistige Wiedergeburt des jüdischen Volkes und die „praktischen" Zionisten verzichteten auf das Hauptziel — die Erreichung einer rechtlich-gesicherten Heimstätte in Palästina. Alles, was in Palästina geschieht, sei kleinlich, systemlos, die Kolonisten seien keine Bauern, be-

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