Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 20 (17.5.1912)
- Date
- 1912-05-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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noch ein schweres Problem, dessen Lösung geraume Zeit ökonomische und politische Schwierigkeiten beeinträchtigen können. Man wird infolgedessen den Gedanken des Aufgehens und Versehwindens der Sefardim in den Aschkenasim einstweilen fallen lassen müssen, einen Gedanken, der übrigens nur die sefardische Beharrungs- und Widerstandskraft reizen kann, anstatt sie zu entwaffnen. Es bleibt nur der zweite Unifizierungsweg übrig: der des momentanen Nebeneinanders und der späteren gemeinsamen Schaffung des zukünftigen Einheitelementes durch Hervorhebung der einheitlichen Grundqualitäten in beiden Riten. Diese Grundqualitäten sind die nationalen. Im Nationalgefühl, in der Liebe zum Großen und Schönen in unserer Geschichte, in der Verehrung unseres Heiligen Landes und unserer „Heiligen Sprache" gibt es keine sefardisch-aschkenasischen Unterschiede. Hier gilt es, Einheitselementes durch Hervorhebung der einheitlichen Grundqualitäten so stark zu entwickeln, daß vor ihrer Macht und Fülle die Trennungscliaraktere ganz in den Hintergrund treten. Das wird sicherlich geschehen, bis sie nach und nach verschwinden werden. Der einzige sichere Weg dazu ist die Schule, die nationale Schule, die die Elemente sprachlich und gedanklich zu gleichen Idealen wird erziehen müssen. Eins aber ist dazu nötig. Das bewußt Nationale wird heute noch wesentlich durch das Aschkenasentum vertreten, ist so fast als Sonderqualität desselben zu bezeichnen. Damit dieses Nationalbewußtsein Einfluß üben kann, muß die Erhaltung des aschkenasischen Elementes als solchen in der Türkei gesichert werden. Die Majorität der Sefardim drückt tatsächlich mit der Wucht ihrer zehnfältigen Ueberlegenheit auf die Aschkenasim, um deren Aufgehen in ihren Organismus durchzusetzen. Das darf nicht geschehen. Hier muß um des hohen Zieles der nationalen Einheit willen, so paradox das auch klingen mag, die nationale Trennung einstweilen verteidigt werden. Ein Aufgehen von Aschkenasim in Sefardim macht diese letzteren heute stärker und morgen ihr Eingehen in das Weltjudentum, das vorwiegend aschkenasisch ist, schwieriger. Es verwischt auch Werte, die es zum besten der nationalen Einheit und des nationalen Einheitscharakters zu erhalten gilt. Also Stärkung und Erhaltung des Aschkenasentums in der Türkei, besonders in ihrer Hauptstadt, muß allgemeine Losung des Weltjudentums werden. Was dieses Aschkenasentum an Ziffer zu wünschen läßt, wird es durch die Intensität seines Artcharakters, gestützt auf die moralische Kraft des hinter ihm stehenden Weltjudentums, ausgleichen können. Aufgaben und Ziele der jüdischen Turnbewegung Zum V. jüdischen Turntag Zu Pfingsten dieses Jahres treten in Berlin die Vertreter der jüdischen Turnerschaft zusammen. Noch niemals ist es so weiten Kreisen klar geworden wie jetzt, welche große Arbeit die Bewegung, die die körperliche Ertüchtigung unseres Volkes erstrebt, für die Sache des gesamten Judentums leistet. Bildet doch jedes Schauturnen, ja jeder Turnabend, jede Wanderfahrt jüdischer Turner eine lebendige Manifestation des Willens zur Einheit, zur Stärkung des Judentums. Nur wenige waren es zunächst, die einsahen, daß unser Weg, ein nationales Gemeinwesen zu schaffen, der Normalweg sein müsse, den alle aufstrebenden Völker genommen haben. Mehr noch als anderen tut uns die harte physische Zucht not, jene Schule körperlicher Erziehung des einzelnen, die stets der Freiheitsbewegung gesunder Völker voraufgegangen ist. Die jüdischen Turner stimmen nicht in den Ruf ein, daß die Juden eine degenerierte, zu körperlichen Höchstleistungen unfähige Rasse seien. Im Gegenteil! Wir wissen, daß es zu allen Zeiten Juden gegeben hat, von dem Simson der Bibel bis zu den modernen Matadoren des Sports und des Varietes, die Gipfelleistungen vollbracht haben. Wir wissen aber auch, daß die Kräfte, die jenen zu ihren Erfolgen verholfen haben, in der übergroßen Mehrzahl der Juden verkümmern. Die Kräfte, die da sind, die aber noch latent bleiben, die wollen wir hervorlocken, jeden einzelnen dazu anregen, sich zu versuchen, damit ein gesünderer Volksdurchschnitt erzielt wird, als das heute der Fall ist. Solche Arbeit ist, in der Art, wie sie bei uns getrieben wird, auch ein gut Stück Erziehungsarbeit. Beim Turnen lernt es auch der individualistischste Jude, sich in Reih und Glied zu stellen, sich unterzuordnen, nicht in blindem Kadavergehorsam, sondern in freiem Vertrauen zu dem selbstgewählten Führer. Dieselben Vorzüge für die Volksgesundheit wie das Turnen hat auch der vernünftig, d. h. ohne Rekordjägerei betriebene Sport. Wenn auch nicht jeder Sport so gleichmäßig den ganzen Körper durcharbeitet wie das beim rationellen Turnbetrieb geschieht, liegt doch in den unmittelbaren Vergleichsmöglichkeiten der Einzelleistungen und dem daraus entspringenden Wettbewerb ein nicht zu unterschätzender Anreiz zu erhöhter Anteilnahme. Für die Erziehung zur Disziplin leisten namentlich die Mannschaftssports, wie Barlauf, Fußball, Stafettenlauf, dasselbe wie das Turnen. Ja, hier tritt sogar noch deutlicher hervor, daß der Erfolg nicht aus dem Tun des einzelnen, sondern aus dem geordneten Zusammenwirken der Gesamtheit entspringt. Deshalb haben alle jüdischen Turnvereine ihre Sportabteilungen, in denen Sport und Leichtathletik nach Maßgabe, der zur Verfügung stehenden Kräfte und Mittel gepflegt werden. Geschieht das, wie wohl ausnahmslos, im Freien, so wird ebenso wie bei den zahlreichen Wanderfahrten, der jüdische Turner der Natur nähergebracht. Und das reale Schauen in Wald und Feld erzeugt ein gesundes Gegengewicht gegen das von abstraktem Denken erfüllte Großstadtleben. Hier bietet sich dem jungen Zionisten die Gelegenheit, über sein Ideal nicht nur zu debattieren, sondern dafür zu arbeiten. Ist doch seine körperliche Ertüchtigung ein Schritt vorwärts zu dem Ziele, zur Erstarkung der Gesamtheit. Was die jüdische Turnerschaft bisher geleistet hat, ist viel gegenüber dem winzigen Anfange, viel, wenn man berücksichtigt, mit welchem Widerstande „prominenter" jüdischer Kreise gegen nationaljüdische Turnvereine zu rechnen ist, aber blutwenig, gemessen an dem Ziele, das uns vorschwebt. Immerhin können wir, wenn wir rückblickend die Arbeit seit dem IV. Turntage überschauen, uns der getanen Arbeit freuen. Nicht wenig Vereine sind zu uns gekommen, darunter so bedeutende Neugründungen wie der Bar-Kochba in Hamburg, Vereine in Königsberg, München, Dortmund, in der Schweiz der auch der eidgenössischen Turnerschaft angehörige Verein in Zürich. In Konstantinopel hat ein aus dem Berliner Bar- Kochba hervorgegangener Turnlehrer vorzüglich gewirkt. Nicht zum geringsten Teil beruht die Bedeutung des Konstantinopeler Vereins Makkabbi darauf, daß er Mitglied der Turnerschaft ist. Am erfreulichsten ist es, daß auch in Palästina sich turnerischer und sportlicher Geist regt Olympische