Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1912-05-17 · 20 (17.5.1912) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
20 (17.5.1912)
Date
1912-05-17
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316514-3316534--56013-3349876
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Spiele hat Rechoboth gesehen. Und es ist heute schon keine Utopie, sondern eine Aufgabe der jüdischen Turnerschaft, die freilich nicht* von heute auf morgen gelöst werden kann, ein nationales Olympia auf dem alten Boden unserer Väter m schaffen, bei dem Juden aus aller Welt ihre Kräfte in friedlichem Wettstreite messen. Die nächsten Aufgaben der jüdischen Turnerschaft liegen freilich noch auf anderem, wenn auch zum Teil verwandtem Qebiete. Es gilt jetzt, eine neue, leistungsfähige Organisation zu schaffen, die, dem bisherigen Wachstum Rechnung tragend, durch Einteilung in Kreise den Rahmen für die weitere Ausbreitung der Turn- und Sportbewegung spannt. Einzelne Outsiders müssen herangezogen werden, damit die Einheitlichkeit der Bewegung und so auch ihre Stoßkraft wächst. Die Agitation muß unter den Ostjuden — Rußland scheidet ja leider infolge der dortigen politischen Verhältnisse aus — vorzugsweise in Galizien und Rumänien ebenso kräftig einsetzen, wie in Deutschland und Westösterreich. Und vor allem muß in Palästina und im übrigen Orient das bisher Errungene gekräftigt und weiter ausgebaut werden. Der V. Turntag soll die finanzielle und organisatorische Grundlage schaffen, auf der diese und andere Aufgaben der jüdischen Turnerschaft in Angriff genommen werden können. Rechtsanwalt Greifenhagen - Berlin. Die Mädchenfarm in Kinereth Von Sarah Thon, Jaffa. Es ist gerade ein Jahr her, daß der Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina eine Institution ins Leben gerufen hat, die von größter Bedeutung für die Kolonisation Palästinas zu werden verspricht: die Mädchenfarm in Kinereth. Diese Zeilen sind der erste Bericht über die Arbeit der Frau auf der Scholle Palästinas, und da sie nur Erfreuliches berichten, dürften sie von all denjenigen, die an der Zukunft Palästinas Interesse haben, mit Genugtuung begrüßt werden. Es ist mehr erreicht worden, als man zu erreichen gehofft hatte. Es ist in diesem Jahre festgestellt worden, daß aus unseren jüdischen Töchtern sich ausgezeichnete Bäuerinnen erziehen lassen, daß in der jüdischen Frau eine Liebe zur Natur schlummert, die zu wecken unsere vornehmste Pflicht und Aufgabe ist. Die Rückkehr der jüdischen Frau zur Natur ist nun unser Losungswort geworden, und in diesem Sinne wollen wir jetzt aus dem Stadium des Versuches zu ernster Arbeit übergehen. Ursprünglich glaubten wir nicht daran, daß aus den eingewanderten städtischen Mädchen ■ aus dem Golus sich Landarbeiterinnen würden erziehen lassen. Die Mädchen haben aber durch ihren Fleiß, ihre emsige, unermüdliche Arbeit erwiesen, daß sie mit allen Fasern ihres Herzens danach streben, in Palästina zur heiligen Natur zurückzukehren und im Schweiße ihres Antlitzes an dem Wiederaufbau ihrer alten Heimat mitzuarbeiten. In der grandiosen Einsamkeit des Kinereth-Sees und der Hermon-Berge verwandelten sich Studentinnen und häuslich erzogene Töchter zu Bäuerinnen. Sie tauschten ihre modernen Kleider gegen grobe Arbeitskittel um und dachten an nichts als an das Gedeihen ihrer Arbeit. Trotz der größten Schwierigkeiten — sie hatten z. B. gar keine oder schlechte Wohnung — blieben sie bei ihrer Arbeit. Auf dem Stück Boden, das ihnen die Farm Kinereth zugeteilt hat, haben sie Winter und Sommer Gemüse gepflanzt, haben mit diesem Gemüse die Arbeiterküche der Farm Kinereth versorgt und noch einiges in Tiberias verkauft. Unter ihrer Obhut stand der Hühnerhof, einige Kühe, die Baumschule und Pflanzungen, sowie auch die Arbeiterküche. In allen diesen Arbeiten haben sie sich als sehr fleißig, zuverlässig und pflichtgetreu erwiesen und die Verwaltung der Farm hat sie gerne zur Arbeit herangezogen. Die Bedingungen, die man ihnen bei der Aufnahme stellte, waren ziemlich schwierige. Man sagte ihnen: Ihr kommt in lie Farm als einfache Tagelöhnerinnen und ihr müßt aus der praktischen Arbeit euer Wissen ziehen. Ihr müßt euren Unterhalt selbst verdienen, da dies aber im Anfange nicht möglich sein wird, so gibt der Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina einer jeden einen Zuschuß, damit ihr über einen Mindestbetrag von 40 Francs monatlich verfügt. Es hat sich herausgestellt, daß der Zuschuß für die erste Zeit höchstens 20 Francs pro Kopf betrug, daß er aber dann immer kleiner wurde, bis er ganz unnötig war, weil die Mädchen 40—50 Francs monatlich verdienen. Unter der Leitung einer akademisch geschulten Kraft, Frl. Dr. Maisei, hat man mit sechs Mädcheji angefangen, hat dann aber, als ein Teil des Zuschusses des Frauenverbandes frei wrurde, neue Mädchen aufgenommen, so daß ihre Zahl im Laufe des Jahres auf 16 stieg. Von diesen 16 ist eine einzige im Laufe des Jahres abgesprungen, vielmehr suchten sie noch ihre Verwandten und Bekannten im Auslande herüberzuziehen. Diese Tatsachen beweisen, daß wir das Recht haben, für die Zukunft von der kolonisatorischen Arbeit der Frau viel zu erwarten. Bei dem gegenwärtigen Stand der Kolonisation können wir ohne Milchwirtschaft, Gemüsebau usw. nicht vorwärts kommen. Und wer soll diesen Zweig unserer Arbeit übernehmen, wenn nicht die Frau? Kann „jüdisches Gemüseu entstehen, wenn nicht jede jüdische Kolonistenfrau oder -Tochter es zu bauen versteht? Kann man jemals daran denken, daß die jungen Arbeiterelemente es zu einer Bauernwirtschaft bringen, wenn sie nicht Frauen an ihrer Seite haben, die einer solchen Wirtschaft vorzustehen wissen? Palästina-Kolonisation bleibt eine leere Phrase, wenn wir uns nicht die jüdische Frau dafür vorbereiten und sichern. Nicht völlig mittellose Handwerkerfamilien, die hier plötzlich zu Kolonisten werden sollen, sind unser Ideal, wir wollen junge, kräftige Elemente, Familien, in denen Mann und Frau zur Arbeit taugen und die Landarbeit lieben gelernt haben. Es liegt auch bei diesen Elementen die Wahrscheinlichkeit näher, daß ihre Kinder Kolonisten bleiben, weil sie von Vater und Mutter die Liebe zur Scholle übernommen haben. Die bekanntesten Männer unserer Bewegung bringen dieser Arbeitsleistung des Verbandes viel Sympathie und die richtige Wertschätzung entgegen. Schon im vorigen Jahre hat unser hochgeschätzter Gesinnungsgenosse J. Kremenezky den Beginn des Werkes durch Bewilligung eines größeren Betrages ermöglicht. In diesem Jahre hat Herr Dr. Bodenheime r auf seiner Reise durch Palästina überall so sehr den Mangel an jüdischen Bäuerinnen konstatieren können, daß er und Herr Dr. Ruppin uns weitgehende Förderung versprochen haben, und zwar durch den Bau eines Hauses auf dem Kerak an den Ufern des Jordans. Dort soll ein schmuckes Haus errichtet werden, mit Feder- und Rindviehstall, mit einem Garten rings um das Haus und weiten bebauten Feldern. Das Haus soll eine nette Einrichtung haben, mit zierlichen Gardinen an den Scheiben und Blumen vor den Fenstern.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.