Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 20 (17.5.1912)
- Date
- 1912-05-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 20 DIEMELT 603 Sefardim und Aschkenasim Für das jüdische Volk ist die Aufhebungder innerhalb seines Verbandes bestehenden Artgruppen und ihre Verschmelzung eine Forderung von besonderer Bedeutung. Einmal ist es unablässiger und intensiver von der Umwelt angegriffen als jede andere Nation der Erde, dann aber sind auch die in ihm vorhandenen Nuancen vielfach so schroff, daß sie fast dem Nebeneinander ganz heterogener Volkstvpen gleichkommen, eine Erscheinung, die in. unserem eigenen Volksinnern die Auflösung des Gesamtbewußtseins herbeizuführen droht und so seine Selbstaufgabe und vollkommene Vernichtung zur gefahrvollen Folge haben kann. Es war darum die allerhöchste Zeit, daß die zionistische Weltanschauung auftrat und auf ihre steinernen Tafeln die Gebote der Nationalerhaltung durch Wiederherstellung der Nationaleinheit und -Einheitlichkeit mit ehernem Griffel verzeichnete: Die Individualisierungstendenz, die in der Menschheit so wunderbar organisierend wirkte, die ihr politische, soziale und intellektuelle Neuwerte geschaffen, eben diese Individualisieruiigstendenz hätte sonst unseren Volkskomplex desorganisiert. Es zeigt sich glücklicherweise, daß es für die Mehrheit unseres Volkes noch nicht zu spät ist. Der Kirchtumpatriotismus unserer örtlich verschiedenen Volkstcile ist mehr und mehr im Verschwinden begriffen, um dem altneuen großjüdischen KoIIektivpatriotismus Platz zu machen, der uns endlich wohl noch einmal zur wirksamen Gesamtverteidigung reif machen und eine Periode neuer Kollektivstärke für unser Volk heraufführen wird. Alles zionistische Sinnen und Sehnen ist ja auf dies eine Ziel gerichtet; und wo es seine Wege hinzieht, da wirkt es in unserem Volksorganismus Scheidungen aufhebend, Nuancen nivellierend, Einheit und Gleichstrebigkeit erzeugend. Unsere Weltorganisation, unsere Kongresse, unsere Bruderschaften, die wir über Land- und Sprachgrenzen, über Berge und Ozeane hinweg im Namen und im herzlichsten Sinne unseres Ideales geschlossen haben, die Unternehmungen in Palästina, geschaffen durch die Gesamtkraft unseres Volkes, sind reale Beweise. Der 24. Juli V90S hat in dieser Geschichte der neujüdischen Nivellierungs- und Einheitsarbeit eine besondere Epoche geschaffen; er hat uns vor den Orient gestellt, der uns bisher verschlossen war, und uns die Mission aufgedrängt, über die Donau und den Bosporus hinweg unsere Brücken zu schlagen, zum Herzen des orientalischen Judentums den Weg zu finden, es uns oder uns ihm anzugleichen, es irgendwie an das Gesamtjudentum anzuschließen und ihm einzuverleiben. Damit ist das schwere Problem des Sefarden- und Aschkenasentums aufgerollt worden. Von allen Verschiedenheiten in unserem Volksorganismus ist hier die schroffste, eingewurzeiste, komplizierteste. Ueberall sonst haben Grenzpfähle gewisse Unterschiede der Interessen, der Sprachen, endlich auch der Sitten und Temperamente herbeigeführt. Aber all diese Unterschiede sind neueren Datums, sie haben alles in allem nicht ein Jahrhundert, meist kaum eine Generation überaltert, sie liegen auf der Oberfläche unserer Bewußtseinsschwelle und lassen sich mit wenig mehr als einem Fingerstrich verwischen. Der Sefardim-Aschkenasim-Gegensatz ist anders. Er besteht ein Dreiviertel-Jahrtausend, er ist alteingesessen, durch Inzucht potenziert, durch keine nennenswerten Wanderungen erschüttert, er ist bereits auf den Boden des Bewußtseins herabgesunken, zweite Natur geworden. Er ist nicht nur Gegensatz des Orts, der Sprache und der Sitte, sondern auch des Blutes, des Ritus, des Geschmackes, des von Dr. Israel Auerbach - Konstantinopel Gefühls und der ganzen Lebensart. Nirgends vielleicht offenbart er sich so kraß, wie im Gesänge, in der Synagogenmelodik der Sefardim, vor der wir anderen wie vor einer ganz fremden Welt stehen. Wie ist dieser Gegensatz auszugleichen, wie sind diese zwei Welten einander in die Arme zu führen? Zwei wesensungleiche Elemente in ein einziges umzuschaffen, ist auf doppeltem Wege möglich: durch Verschwinden des einen im anderen oder durch Zusammenschmelzen beider zu einem neuen dritten. Es gehört nun kein besonderer Scharfsinn zu der Erkenntnis, daß die Sefardim in den Aschkenasim verschwinden müssen, denn es gibt über 10 Millionen Aschkenasim gegen 500 Tausend Sefardim. Dazu kommt, daß die deutschsprechenden Juden gegen die Sefardim mit all dem gewaltigen Rüstzeug anrücken, das ein volles Jahrhundert emsiger Mitarbeit am Schaffen moderner Kulturvölker ihnen erworben hat, mit Wissen, Ordnungsgeist, Energie und Enthusiasmus. Die im schlafenden Orient miterschlafften Spaniolen haben ihnen nur die faule Schwere des Indifferentismus, des Atavismus und der Unbeweglichkeit entgegenzusetzen. Sogar ihre Lebensgewohnheiten sind zum Untergang verdammt durch das Sich-vorwärts-und-rückwärts-Schieben der modernen Produktionsweise, durch die Revolutionierung der Lebenshaltung im Gefolge des Handels und der Industrie unserer Tage. Ihre Sprache ist schon heute stark im Verschwinden begriffen und wird es um so schneller, je weiter die Schule sich modernisiert und die Staaten, in denen sie bestehen, sich regional nationalisieren. Des Problems Lösung wäre also schon gefunden? Man überlasse unsere beiden Volkselemente einfach der Zeit und sich selber und die Zweiheit wird Einheit werden? Aber wie sollen die Sefardim unter den Aschkenasim verschwinden, wenn sie unter ihnen nicht leben 1 Ihre ungeheure Mehrzahl lebt fern von ihnen und bezeugt gar keine Lust zu Auflösungs- und Ausgleichungstendcnzen. Im Gegenteil: die Sefardim setzen alle Macht darein, sich zu behaupten und das andringende Aschkenasentum abzuwehren. Die Situation in Konstantinopel ist dafür ein Beweis. Wenn also die Idee vom Verschwinden der Sefardim verwirklicht werden soll, so müßte dies durch lokale Verschiebungen der beiden Faktoren erreicht werden. Es gibt zwei Theorien: die eine ist die von der immer ansteigenden sefardischen Auswanderung aus ihren bisherigen Hauptsitzen, den türkischen Reichsgebieten, und die andere die von der aschkenasischen Einwanderung in die orientalischen Länder. Was die Emigration betrifft, so ist sie in den letzten Jahren, infolge ökonomischer Depressionen, auch wegen der Einführung des ungewohnten Militärdienstes der nichtmoslemischen ottomanischen Nationalitäten, tatsächlich bedeutend gewachsen; aber sie ist weit davon entfernt, die Grenze der natürlichen Vermehrungsziffer zu erreichen; auch dürfte ihr die über kurz oder lang gewiß einsetzende Hebung der osmanischen Volkswirtschaft infolge Erschließung unkultivierter Gebiete und Eindringen des europäischen Kapitals ein Ende bereiten, wenn nicht gar eine Reihe ausgewanderter Kräfte zur Rückpilgerung veranlassen. Von dieser Seite ist also kaum ein Zerbröckeln des orientalischen Sefardimblockes und eine Diaspora desselben in die aschkenasischen Judenwelt draußen zu erwarten. Auf der andern Seite ist die Immigration der Aschkenasimmassen nach dem Orient