Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 20 (17.5.1912)
- Date
- 1912-05-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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602 D1E3 ihrer Adepten — ins gebührende Licht. Auf der Versammlung hatte man das Gefühl, daß hier zwei numerisch gleichstarke Parteien um den Vorrang stritten. Als es aber nach einigen Tagen zu den eigentlichen Wahlen kam, da leistete der Appell an die Indifferenten und Uneingeweihten wieder einmal gute Dienste. Hunderte von Mitgliedern, die nie zu einer Versammlung kommen, darunter die Kreise der haute finance, wurden herbeigeholt, um die Opposition aus dem Felde zu schlagen. Das Ergebnis war, daß die Kandidaten der Opposition, darunter die klangvollsten Namen des russischen Judentums, wie Bialik und Jabotinsky — gegen die offiziellen Kandidaten, die auf jüdischem Gebiete nichts geleistet haben und kaum etwas mehr als das Aleph-Beth kennen, unterlagen. Allerdings war die Mehrheit keine übermäßig große. Es wurden insgesamt ca. 1130 Stimmen abgegeben, die Mehrheit der siegenden Partei bildeten 86 Stimmen. Charakteristisch ist jedoch die Tatsache, daß sich ca. 590 Hände gegen die Zierde des modernen Judentums — gegen Bialik — erhoben haben. Andererseits haben sich aber ca. 540 Mitglieder zum Programm der Opposition bekannt. Und dies will in Odessa viel sagen. Uebrigens haben die Vertreter der Opposition bei der Kontrolle die merkwürdige Tatsache festgestellt, daß die Zahl der abgegebenen Stimmen die der anwesenden Wähler um volle 114 überstieg. . . . Tut nichts. Die Herren bleiben doch am Ruder! Die Straßburger Israelitische Wochen- 1 schrift auf Abwegen Berlin. Vor 14 Tagen waren wir genötigt festzustellen, daß die Straßburger Israelitische Wochenschrift durch Veröffentlichung eines von Herrn Lazarus geschriebenen Briefes den Versuch unternommen hat, die Absichten der Herren Fuchs und Landau zu kompromittieren und gleichzeitig den Zionismus zu verdächtigen. Herr Lazarus hatte in einem Privatbrief, der vor seiner Anstellung als Beamter des Deutschen Landeskomitees der Alliance geschrieben war, gewisse Vorschläge gemacht, die auf die Gründung einer jüdisch-national gefärbten deutschen Landesorganisation hinzielten. Wir haben natürlich keinen Augenblick angenommen, daß die Herren Fuchs und Landau mit diesem törichten Projekt irgend etwas zu tun hätten und Herr Lazarus hat auch seinerseits im Sprechsaal unseres Blattes erklärt, daß der betr. Brief an Herrn Geh.-Rat. Landau geschrieben war, bevor er Beamter des Deutschen Landeskomitees wurde. Trotz dieser Feststellungen und trotz unserer Erklärung, daß man sehr unwissend oder sehr böswillig sein muß, um in diesen Vorschlägen etwas von zionistischer Anschauungsweise zu entdecken, wird dieser völlig undiskutable Brief wiederum von der Straßburger Israelitischen Wochenschrift in völlig bedenkenfreier Weise zu allerlei lügenhaften Kombinationen mißbraucht. Wir stellen daher folgendes fest: Der Brief des Herrn Lazarus, dessen Vorschläge mit den Absichten der Herren Landau und Fuchs nicht das mindeste zu tun haben, wanderte nach seinem Eintreffen im Oktober 1911 ohne weiteres in den Papierkorb, von wo er den Weg in die Redaktion der Israelitischen Wochenschrift fand. Die sachlichen Vorschläge des Briefes haben niemals — weder in zionistischen noch in Alliancekreisen — zur Grundlage irgendwelcher Verhandlungen gedient. An der Behauptung der „Israelitischen Wochenschrift", daß „zwischen den maßgebenden Mitgliedern der Berliner Zionistischen Vereinigung und dem Landeskomitee vereinbart wurde, die deutschen Alliance-Mitglieder zu einer Sonderorganisation mit zionistischer Grundlage zu konstituieren, und daß der Name „Landeskomitee der A. I. U." nur einen Uebergang bilden sollte" ist kein Jahres Wort. Wenn die Isr. Wochenschrift diese Behauptung durch Anführung gewisser Stellen aus dem Lazarus'schen Briefe zu stützen sucht, so bedient sie sich eines sehr unschönen Tricks, indem sie die Vorschläge des Herrn Lazarus, die allen zionistischen Bestrebungen ins Gesicht schlagen und in den Alliancekämpfen der letzten Zeit überhaupt keine Rolle gespielt haben, in einen Zusammenhang bringt, in dem sie nichts zu suchen haben. [ELT - Nr. 20 Weslialb die Isr. Wochenschrift sich dagegen sträubt, als Organ des Pariser Zentralkomitees bezeichnet zu werden, wie wir dies getan haben, ist uns unverständlich. Die Isr. Wochenschrift hat Herrn Reinach gegen alle Angriffe in Schutz genommen und ist stets für die Pariser Herren eingetreten. Wenn wir sie demgemäß als Organ des Pariser Zentralkomitees bezeichnen, so liegt darin an sich keine Kränkung. Mag sie doch für den Pariser Standpunkt kämpfen — wenn sie es nur mit anständigeren Mitteln täte! Das judenelend in Marokko Berlin. In dem neuesten Bericht, den die Alliance aus Fez erhalten hat, findet sich folgender Passus: „Unsere unglücklichen Glaubensgenossen werden morgen in ihre Häuser zurückkehren können. In den Höfen des Palastes führen sie ein erbarmungswürdiges Dasein. Es regnet schon seit drei Tagen, und unsere obdachlosen. Brüder werden durchnäßt und zittern vor Kälte. Sie werden die Rückkehr in ihre durch Plünderung und Feuer zerstörten Wohnstätten als Wohltat empfinden, werden, so schmerzlich diese Wiederkehr auch sein mag, sich in ihrer Mellah weniger unglücklich und elend fühlen. Morgen werden sie also in die Mellah zurückkehren, die bedauernswerten und unschuldigen Opfer, die mit ihrem Gut und Leben die Rettung der Europäer bezahlen mußten. Denn man hat nichts getan, den Ueberfall auf die Mellah zu verhindern, die drei Tage lang der Wut der aufständischen Soldaten und des Pöbels ausgesetzt war, wodurch das europäische Viertel vor dem Aeußersten bewahrt blieb." Schon in den früheren Berichten mußte es auffallen, welch merkwürdige Haltung die französischen Behörden während der schrecklichen Ereignisse in Fez eingenommen haben. Mit Recht weist der „Israelit" darauf hin, daß eine Untersuchung des Verhaltens der französischen Truppen am Platze wäre. Das Zentralkomitee der Alliance, das wieder in der üblichen Weise seine Hilfsaktion nebst der obligaten Audienz beim französischen Ministerpräsidenten in langen Berichten an die Presse bengalisch beleuchtet, sollte die schon früher erhobenen Vorwürfe bezüglich der wenig judenfreundlichen Haltung der französischen Behörden in Marokko mit dem nötigen Ernst behandeln. Arthur Schnitzler Wien. Arthur Schnitzler, der Wiener Poet, feierte dieser Tage seinen fünfzigsten Geburtstag. Ein Jude von unnahbarem Stolz und untadeligem, edlem Wesen, steht er auf der Höhe der Kunst und des Lebens. Unter den Westjuden — nicht zuletzt unter denen, welche die Feder führen — gibt es prononzierte Spezialitäten der Lächerlichkeit, leider auch der Gemeinheit. Dafür hat dieselbe Not, welche diese Auswüchse zeitigte, eine differenzierte Fülle von erlesenen, hochkultivierten, adeligen Juden gezüchtet, als wollte die Natur in einzelnen Exemplaren erweisen, daß Hohn und Verfolgung, gepaart mit mutigem Alleinsein und mit Tradition, auch einen guten Klang geben können. Arthur Schnitzler gehört zu den besten dieser jüdischen Elite. Auch wenn er uns nicht den „Weg ins Freie" geschenkt hätte, der uns ein teueres Buch ist, ständen wir unter den Gratulanten, die ihm aus aller Herren Länder die Hand drücken.