Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 20 (17.5.1912)
- Date
- 1912-05-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 20 DIEOTELT 601 im polnisch-jüdischen Konflikte hatte in weiten Kreisen große Erbitterung hervorgerufen. (Man wird sich erinnern, daß Herr Dr. Nußbaum einen geharnischten Protest gegen die fortschrittliche russische Presse veröffentlichte, die es wagte, die. von den Polen verlangte Entrechtung der Juden in der kommunalen Selbstverwaltung zu verurteilen; man wird sich ferner erinnern, daß zwei andere „Große in Israel", die Herren Nathansohn und D i c k s t e i n , eigens nach Petersburg eilten, um dort dem Polenklub der Reichsduma ergebenst zu erklären, daß sie den geplanten Rechtsraub an den Juden mit Rücksicht auf die „kulturelle Rückständigkeit der jüdischen Massen" in aller Form gut heißen.) Da nun damals gerade die Gemeindewahlen auf der Tagesordnung standen, so fanden es die einflußreichen Herren für nötig, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um in Petersburg eine Verschiebung der Wahlen durchzusetzen. Ihre Bemühungen waren auch von Erfolg gekrönt, und so durften sie darauf rechnen, daß die allgemeine Entrüstung bis zum entscheidenden Augenblicke abflauen würde. Inzwischen gelang es ihnen, auch eine andere ernste Gefahr abzuwenden. Seit Jahren hatten sich nämlich nationale und fortschrittliche Kreise im Warschauer Judentum um eine Abänderung der reaktionären Wahlordnung bemüht und eine Herabsetzung des Wahlzensus von 15 auf 3 Rubel erstrebt. Diese Bestrebungen hatten schließlich in maßgebenden Kreisen Verständnis gefunden und es war begründete Aussicht vorhanden, daß die Wahlordnung im demokratischen Sinne abgeändert werden würde. Da setzte sich die herrschende Clique, für welche die Heranziehung breiterer Volksschichten zu den Wahlen den Todesstoß bedeutet hätte, energisch zur Wehr,# und es gelang ihr auch, die beabsichtigte Reform zu hintertreiben. Dieser Umstand entmutigte indes die Gegner der assimilatorischen Mißwirtschaft nicht. Der Kampf gegen die würdelose Entjudungstendenz dieser Gemeindegewaltigen wurde vielmehr auf der ganzen Linie aufgenommen. Dabei wollten die Nationalen aus dem Kampfe gegen die Assimilation nicht eine Parteisache machen, sie suchten vielmehr alle Elemente in der Gemeinde, denen an der Erhaltung des Judentums gelegen ist, zu gemeinsamem Vorgehen zu vereinigen. In den letzten Monaten erreichte der Kampf seinen Höhepunkt. Es regnete Zeitungsartikel, Broschüren, Aufrufe, Anschläge. Die hebräische und die Jargon presse war selbstverständlich auf Seite der Nationalen. Den Assimilanten stand hingegen die gesamte polnische Presse zur Verfügung und von hier aus wurden die Wähler bearbeitet, im Interesse des polnischen Vaterlandes gegen die polenfeindlichen Nationalen, gegen die Dunkelmänner, die das Judentum in den Zustand mittelalterlicher Barbarei zurückversetzen wollen, zu stimmen. Da sie aber sehr wohl verstanden, daß sie, trotz des reaktionären Wahlreglements und trotz des mächtigen Einflusses ihrer Geldmagnaten in Kreisen des kreditbedürftigen Kaufmannstandes, nicht darauf rechnen konnten, aus eigenen Kräften auf ihre Liste die Mehrheit der ca. 3400 Wahlberechtigten zu vereinigen, so versuchten sie auf die chassidische Orthodoxie einzuwirken. Während man also in der polnischen Presse die „Interessen der Kultur und des polnischen Vaterlandes" wahrnahm, wurden unter den chassidischen Massen Jargonflugblätter verbreitet, die mit Zitaten aus dem Talmud die Wähler im Namen der religiösen Bedürfnisse der Massen aufforderten, gegen die Nationalen und für die Assimilanten zu stimmen. Die Führer der chassidischen Orthodoxie haben leider die in sie gesetzten Hoffnungen nicht gerechtfertigt. Lange pendelten sie zwischen den beiden Parteien hin und her. Die Nationalen waren indes sehr geduldig und zeigten den Chassidim das größte Entgegenkommen, mehr vielleicht als es das Selbstgefühl und die Würde der mächtigsten, aufstrebenden Partei des modernen Judentums gestattet hätte. Dies hat übrigens auch den Vorsitzenden des nationalistischen Wahlkomitees, Herrn A. P o d I i s ch e vv s k y , der des Spieles überdrüssig wurde, veranlaßt, von seinem Amte zurückzutreten. Schließlich wurde doch ein Block zwischen Nationalen und Chassidim geschlossen. Im letzten Augenblick aber verrieten die Chassidim ihre nationalen Bundesgenossen und stimmten mit den Assimilanten So hatte nun .die gemeinsame Liste des eigenartigen Blocks neben den Namen der Nathan-, söhn, Dickstein usw., auch diejenigen der unversöhnlichsten Führer der radikalsten Orthodoxie aufzuweisen! Dieses unnatürliche Bündnis wäre indes vielleicht für den Ausgang der Wahlen noch nicht entscheidend geworden, wenn nicht der allmächtige Mammon dem frischgebackenen Block zu Hilfe gekommen wäre. Da die Wahlzettel erst im Wahllokale ausgefüllt werden konnten, so hatten die zur Assimilantenpartei gehörenden Geldmagnaten die Möglichkeit, die größtenteils aus kreditbedürftigen Kaufleuten bestehende Wählerschaft in ungeniertester Weise zu beeinflussen. Sämtliche Geldmakler und die Chefs der Diskontobanken der Stadt Warschau belagerten das Wahllokal und unterließen es nicht, jedem mehr oder weniger abhängigen Wähler die erwünschten Namen aufzudrängen. Ja, die Unverschämtheit ging so weit, daß man den willigen Wählern in aller Form eine Ermäßigung des Diskontsatzes gewährte. Das unnatürliche Bündnis zwischen extremster Assimilation und unberührtester Orthodoxie chassidischer Observanz, gepaart mit der schamlosesten Korruption, trugen den Sieg davon. Die unerschütterlich thoratreuen R. Süssele B i a 1 e r und Joel Mastb.aum werden nun die schmeichelhafte Ehre haben, am grünen Tisch in der Gemeindestube neben Nathanson zu sitzen, der am zweiten „Festtage der Gesetzgebung", am Schowuothfeste, seine getaufte Tochter in die katholische Kirche zur Trauung führte. — Bereits regt sich in weiten chassidischen Kreisen, namentlich unter der Jugend, eine große Empörung gegen ihre Führer", die vor lauter „Frömmigkeit" die Gemeinde den schlimmsten Feinden des Judentums ausgeliefert haben. Und diese Entrüstung hat sich leider in den letzten Tagen vielfach in ungestümen Ausschreitungen gegen die chassidischen Wahlmacher geäußert. — Die Wahlen m der Odessaer Bildungsgesellschaft (Von unserem Berichterstatter.) Odessa. Ein Gegenstück zu den Warschauer Gemeindewahlen bilden die Wahlen in der Odessaer Bildungsgesellschaft, die gleichfalls mit einem „Siege" der plan- und gedankenlosen Assimilation endeten. Wie erinnerlich, haben hier unsere Gesinnungsgenossen vor einiger Zeit einen leidenschaftlichen Kampf gegen die Entjudungstendenz, die gegenwärtig in der Odessaer Abteilung herrscht, eingeleitet. Konkret stellte die nationale Opposition die Forderung auf, daß in den Schulen der Gesellschaft 2r> der Lehrstunden jüdischen Lehrfächern gewidmet werden sollen. Da die Herren iin offenen Kampfe dem Ansturm der Opposition nicht standhalten konnten und ac das vernichtende Urteil der Versammlung fürchten mußten, so wurde die vorletzte Generalversammlungeinfach vorzeitig aufgelöst und die Abstimmung über die von beiden Parteien eingebrachten Resolutionen für mehrere Wochen hinausgeschoben, um dann ohne alle vorangehende Diskussion stattzufinden. Man rechnete dabei natürlich auf die Masse der Indifferenten, die die Diskussionsversammlungen nicht besuchen, die Gründe der Opposition nicht kennen, dabei aber bereit sind, den angesehenen Herren vom Vorstand die Gefälligkeit zu erweisen, für eine Minute nach dem Wahllokal zu kommen und ihre Stimmzettel in dem erwünschten Sinne abzugeben, um die gute Sache vor der reaktionären Gefahr zu retten. — Die Opposition legte entschieden Verwahrung gegen dieses Gebahren ein. Die Herren der Situation machten sich aber nichts aus diesem Proteste, und so blieb denn der Opposition nichts übrig, als demonstrativ Stimmenthaltung zu üben. Die Partei des Vorstandes vereinigte dann auf ihre Resolution ca. 600 Stimmen von insgesamt 1500 Mitgliedern, sie begnügte sich aber mit diesem Ergebnis und beeilte sich durchaus nicht, eine weitere Generalversammlung einzuberufen, um über die wichtigen unerledigt gebliebenen Beratungsgegenstände - darunter auch das Budget — beschließen zu lassen. So wirtschaftete man mehrere Monate hindurch ohne Absolutorium, ohne bewilligtes Budget, ohne neue Wahlen. Als es so nicht mehr weiterging, verstand man sich schließlich dazu^ eine neue Generalversammlung einzuberufen, man verfuhr aber dabei wieder nach bewährtem Muster und trennte die Abstimmung und die Wahlen von den Verhandlungen. Die Debatte brachte unseren Freunden wieder einmal einen glänzenden moralischen Sieg. Namentlich wirkte die Rede Ussischkins zündend auf der einen, niederschmetternd auf der anderen Seite. Er hielt der zieluud programmlosen Assimilation einen Spiegel vor und stellte die historischen Leistungen der überlebten „Aufklärung" — die massenhafte Fahnenflucht und Taufseuche in den Reihen