Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 20 (17.5.1912)
- Date
- 1912-05-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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n 600 DIEIaEELT: Nr. 20 sagen, wird auf die Dauer doch nicht in die Wagschale fallen. Vom fortschrittlichen Standpunkte aber erscheint es als unsinnig, Juden, die sich offen zu ihrer angestammten Nationalität bekennen, das Recht zu freundschaftlichem Zusammenleben mit der Mehrheit der Bevölkerung abzustreiten." Zu dieser publizistischen Kundgebung kommen andere Merkmale, die erschließen lassen, welchen Wert leitende Politiker in Böhmen auf die zionistische Strömung legen. Am 11. Mai beriefen die tschechisch jüdischen Assimilanten in Prag eine öffentliche Versammlung ein, in der einer ihrer Wortführer die Assimilation an das tschechische Volk predigte und seinen tschechischjüdischen Glaubensgenossen das feste Versprechen gab, in höchstens fünfzehn Jahren würde die Eigenart der jüdischen Nasenformung verwischt sein; dafür mußte er sich allerdings von einem anwesenden klerikalen Redner „Träumer" nennen lassen. Der jungtschechische Reichsratsabgeordnete, Kais. Rat Dr. Schuster, von dein die Versammlung wahrscheinlich Angriffe auf die Zionisten erwartet hatte, erklärte: „Es ist nicht meine Sache, gegen den Zionismus in irgendeiner Weise aufzutreten. Ich kann nicht leugnen, daß in ihm außer einem gewissen Utopismus auch ein gesunder Kern steckt"'. Der Zionismus und die Zionisten arbeiten nicht, um Anerkennungen zu bekommen; aber daß unsere Ideen Anerkennung finden, ist erfreulich und wird bei den Tschechen und den Deutschen in Oesterreich hoffentlich in nicht allzuferner Zeit nicht mehr so selten sein. Antisemitismus in Böhmen Prag. Es kommt in Böhmen, wie in manchen anderen Ländern, vor, daß sich Kurorte, Sommerfrischen und Ausflugsorte den Besuch von Juden verbitten. Eine solche antisemitische Exklusivität macht zurzeit den Namen des böhmischen Oertchens Radeschowitz bei Prag bekannt. Die Wurzel solcher Verachtung der Juden liegt allerdings zumeist darin, daß sich die Juden selbst nicht immer genug würdevoll und selbstbewußt benehmen. Zeugt es doch von einem schwachen Selbstgefühl, daß die Prager Kaufmannschaft, mit Ausnahme eines einzigen unerschrockenen Juden, im Prager Handelsgremium schweigend das Verhalten des Oremialpräsidenten billigt, der den Direktor der Prager Handelsakademie Ried in dem vom Gremium dotierten Posten erhält, obzwar er sich als radikaler Antisemit betätigt, jüdische Lehrkräfte zurücksetzt usw. Antisemitische Gesinnung und Betätigung ist bei Deutschen und Tschechen zu finden und bei tschechischen und bei deutschen Juden würdelose Indolenz in der Abwehr. Die Oberrabbinerfrage in Amsterdam (Von unserem Berichterstatter.) Haag. Nicht nur in England, sondern auch in den Niederlanden gibt es jetzt eine Oberrabbinerfrage. Bekanntlich ist der Oberrabbiner von Amsterdam Dr. Dünner, der in weiten jüdischen Kreisen bekannt und hoch geachtet war, kürzlich gestorben. Die Frage des Nachfolgers enthält besondere Schwierigkeiten, da man hier nicht wie in England ein gemeinsames Oberhaupt der holländischen Judenheit hat. Dr. Dünner war Oberrabbiner von Amsterdam und als solcher auch Oberrabbiner von Nordholland. Da die meisten Oberrabbiner in den anderen Landesteilen seine Schüler waren, so galt er auf Grund seiner Gelehrsamkeit im Auslande als Oberrabbiner der Niederlande, Auch war er Rektor und Reorganisator des Niederländisch-Israelitischen Seminars. Formell gibt es aber das Amt eines Oberrabbiners von Holland nicht. Die Gemeinden in Nordholland haben mit Ausnahme von Amsterdam bisher zu dem -Gehalt des Oberrabbiners nichts beigetragen, was auch eine gewisse Schwierigkeit schafft. Ebensowenig ist über die Personenfrage irgend etwas bestimmtes zu sagen. Unter anderen wird der Oberrabbiner aus Kopenhagen, Dr. Lewenstein, der früher Oberrabbiner in Holland war, als Kandidat genannt. Die liberalen Elemente im Gemeindevorstand haben Aeußerungen getan, daß die liberale Richtung berücksichtigt werden solle. Man sprach sogar von Konflikten zwischen der liberalen und orthodoxen Richtung. Aber diese Ausführungen haben nicht einmal zu einer Diskussion Veranlassung gegeben, denn man hat in Holland nie etwas von Konflikten dieser Art verspürt. Eine Reformbewegung hat es hier nie gegeben, was unter anderem auch dem Einfluß des verstorbenen Dr. Dünner zugeschrieben wird. Für die zionistische Bewegung ist die Ernennung des Amsterdamer Oberrabbiners nicht von all zu großer Bedeutung. Dr. Dünner war Zionist und dies war für uns von Wichtigkeit, weil er eine bedeutende Persönlichkeit war. Das Oberrabbinat selbst hat keine größere Bedeutung als das Rabbinat in irgend einem anderen Landesteil und der Mann, der es bekleidet, muß ihm erst wieder seine bisherige Bedeutung verschaffen. Neue Einwanderungsbeschränkungen in Amerika N e w Y o r k. Der Senat nahm in einer seiner jüngsten Sitzungen den Gesetzentwurf des Senators L o d g e an, wonach ein Bildungsexamen für die Einwanderer nach den Vereinigten Staaten eingeführt werden soll. Danach soll kein Einwanderer zugelassen werden, der nicht in irgendeiner Sprache lesen und schreiben kann. Einige Senatoren hatten ein Amendement eingebracht, wonach die Einwanderungserlaubnis an die Bedingung des Lesens und Schreibens in irgendeiner Landessprache geknüpft wird, doch ging der Entwurf in der ursprünglichen Fassung durch. Demnach gelten auch Hebräisch und „Yiddish" im Sinne der bisherigen gesetzlichen Bestimmungen als anerkannte Sprachen. Die Bildungsprüfung soll in der Weise vorgenommen werden, daß einem jeden Einwanderer 20—25 Wörter der amerikanischen Konstitution in der von ihm gewünschten Sprache gedruckt vorgelegt werden und er diesen Text dem Prüfungsinspektor vorzulesen und sodann niederzuschreiben hat. Von diesem Bildungsexamen sollen nur die Ehefrauen der zugelassenen Einwanderer, deren Kinder unter 8 Jahren und deren Eltern und Großeltern über 55 Jahre befreit bleiben. Ferner ist auf Antrag des Senators Simons bestimmt worden, daß die Bildungsprüfung auch solchen Personen erlassen werden kann, die ihre Heimat wegen religiöser Verfolgungen verlassen mußten. Eine weitere Erschwerung der Einwanderung wird durch die Bestimmung herbeigeführt werden, daß die Kopfsteuer für jeden Einwanderer von 4 auf 5 Dollar erhöht wird. Der Entwurf muß, ehe er Gesetzeskraft erlangt, noch vom Kongreß genehmigt und vom Präsidenten sanktioniert werden. Nun glaubt man in politischen Kreisen allerdings nicht, daß der Kongreß dem Gesetzentwurf in dieser Form zustimmen wird, immerhin erscheint es jedoch nicht ausgeschlossen, daß die Vorlage in gemilderter Fassung zum Gesetz erhoben wird. Dies würde auch für die jüdische Einwanderung nach den Vereinigten Staaten einen schweren Schlag bedeuten, denn wenn die Zahl der Analphabeten unter den jüdischen Emigranten Osteuropas auch nicht so groß ist wie unter manchen anderen Völkerschaften, z. B. den Italienern, Russen und Griechen, so wird es dennoch auch unter den jüdischen Handwerkern usw. eine beträchtliche Anzahl geben, die das Bildungsexamen selbst in jüdischer Sprache nicht bestehen können. Einzelne amerikanische Zeitungen plädieren übrigens für eint noch größere Verschärfung der Einwanderungsbestimmungen, und der „New York Herald" fordert geradezu, „den kleinen Krämern und Hausierern aus Rußland, die in schmutzigen Vierteln der Großstädte zusammengepfercht wohnen" — gemeint sind natürlich die russischen Juden — die Pforten des Landes zu verschließen, da ihre weitere Zuwanderung „unerwünscht" sei. Die Warschauer Gemeindewahlen (Von unserem Berichterstatter.) Die eben beendeten Wahlen in den Vorstand der jüdischen Gemeinde Warschaus haben seit längerer Zeit die jüdische Oeffentlichkeit Warschaus in atemloser Spannung gehalten, ja sie waren vielleicht die brennendste Frage des öffentlichen jüdischen Lebens in Rußland überhaupt. Zwei Jahre lang tobte der heiße Kampf um die Hegemonie in der größten und zugleich bestorganisierten Gemeinde Rußlands. Alles, was im Warschauer Judentum für nationale Würde Sinn und Verständnis hat, vereinigte sich, von einer weiteren jüdischen Oeffentlichkeit freudig begrüßt, um die Vorherrschaft der Assimilantenclique zu brechen. Das schmachvolle Gebahren der offiziellen „Führer" des Warschauer Judentums i i