Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 20 (17.5.1912)
- Date
- 1912-05-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 20 Es ist unsagbar, in welchem Zustande sich durch diese Umstände die hauptstädtische Gemeinde befindet. Es geht alles drunter und drüber. Die Einkünfte verringern sich tagtäglich, im Hospital gibt es Skandale, \ron den wenigen Schulen, die Untätigkeit und das Wüten des Feuers den Juden der Stadt noch gelassen haben, haben noch weitere aus Mangel an Mitteln ihre Pforten schließen müssen; kein Mensch weiß, wie das enden soll. Das einzige Erfreuliche, was in den Annalen des jüdischen Lebens noch zu konstatieren ist, ist das immer besser voranschreitende Leben in einigen jungen Vereinsbildungen. Da ist in erster Reihe die Loge „Bene Berith" zu nennen, die wirklich beständige, tüchtige und fruchtbare Arbeit leistet. Da ist zu zweit der ganz jugendliche, aber sehr sympathische und zu schönen Hoffnungen berechtigende Verein der jüdischen Studenten, der gestern erst mit einer von ihm in den Bibliothekräumen der Loge veranstalteten Propagandaversammlung einen Erfolg zu verzeichnen hatte. Und da ist endlich der unter allen Erschütterungen ruhig und machtvoll fortschreitende „Makkabi", der morgen ein gewaltiges Schaufest unter Mitwirkung von fünfhundert Turnern und Turnerinnen veranstalten und damit eine neue Probe seiner glänzenden Leistungen für die Regeneration des hiesigen Judentums ablegen wird. Ueber diese Frühlingszeichen im Leben des hiesigen Judentums soll ein nächstes Mal Eingehendes berichtet werden. Relegierung jüdischer Studenten (Von unserem Berichterstatter.) Wien. Die germanischen Hurrahnationalisten von der Universität haben bekanntlich vor Jahr und Tag den jüdischen Studenten die Ehre abgeschnitten und verweigern auf Grund des „Waidhofener Beschlusses" jedem Juden wegen seiner Zugehörigkeit zum jüdischen Volke die Genugtuung für angetane Beleidigung. Wenn die breite jüdische Oeffentlichkeit bisher nicht — wie es wohl jedes andere Volk im gleichen Falle getan hätte — die Sache ihrer unerhört beschimpften akademischen Jugend zu ihrer eigenen machte, konnte die Entschuldigung gelten, daß man auf die Anmaßung verwilderter Rohlinge nicht zu reagieren brauche. Jetzt ist aber die Angelegenheit in ein neues Stadium getreten. Der jüdische Student, sofern er noch Blut in den Adern hat, züchtigt selbstverständlich jeden deutschnationalen Ehrabschneider, der ihn erst beleidigt und dann wagt, ihm als „ehrlosen Juden" die Genugtuung zu verweigern. In der jüngsten Zeit hat nun der akademische Senat einige Zionisten wegen dieser handgreiflichen Selbstwehr relegiert. Es ist eben inzwischen ein Jahrzehnt verstrichen, die bierehrlichen Judenhasser von dazumal sitzen im Parlamente, in allen Aemtern und im — akademischen Senate, und der Wiener Rektor tanzt nach ihrer Pfeife. Die Feiglinge, die im Vorjahre wehrlose jüdische Studentinnen verprügelten, gingen straflos aus, der jüdische Student aber muß den ärgsten Schimpf einstecken, sonst wird er um die Existenz gebracht. Da das Rektorat die gleiche Maßnahme für alle künftigen Fälle angedroht hat, auch wenn sie sich außerhalb des akademischen Bodens ereignen, könnte es leicht zu Massenrelegierungen kommen, denn man darf unserer Jugend nicht zumuten, daß sie die gröbste Beleidigung ihrer Volksehre so fallweise einstecken wird. Darum muß rechtzeitig dafür gesorgt werden, daß die bisherigen Relegierungen aufge- 599 hoben und künftige hin tangehalten werden. Abg. Breiter hat in dankenswerter Weise bereits interveniert. Der „zionistische Verband ehemaliger Akademiker" erläßt einen Aufruf und veranstaltet in den nächsten Tagen eine große Demonstrationsversammlung. Eine Deputation, bestehend aus Studenten, ehemaligen Akademikern und Bürgern wird bei der Regierung vorstellig werden, um die krasse Ungerechtigkeit der verhängten Disziplinarstrafen zu beleuchten. Die galizische Beamtenschaft und die Juden (Von unserem Berichterstatter.) Wien. Der polnische Abgeordnete Breiter, ein Nichtjude, hat sich schon wiederholt um die bedrückte galizische Judenheit sehr verdient gemacht. Ganz besondere Anerkennung gebührt ihm aber für die Offenheit, mit der er im Parlamente über das nichtswürdige Verhalten der galizischen Beamtenschaft gegenüber den Bauern und Juden sprach. Es gehörte viel Mut dazu, in dem Ausschusse, der die brennende Beamtenfrage behandelte, diesen Krebsschaden der galizischen Verwaltung, unter dem die polnischen Juden materiell, vor allem aber moralisch unsäglich leiden, freimütig aufzudecken und Remedur zu fordern. Richtig wurde er sofort von dem Abg. German als „Beamtenfeind" gekennzeichnet, wodurch sich Breiter aber keineswegs einschüchtern ließ, sondern dem Hause ein reiches Tatsachenmaterial unterbreitete, das Eindruck machte. Abg. Breiter, der auch seinerzeit die galizischen jüdischen Schänker nach Wien leitete, hat sich neuerdings als aufrichtiger Freund der unterdrückten Juden erwiesen, und ist des Dankes der jüdischen Volksgesamtheit gewiß. Das böhmische Volk und die Zionisten (Von unserem Berichterstatter.) Prag. Die Prager „Unionein in deutscher Sprache erscheinendes böhmisches Tageblatt, brachte am 7. Mai einen Aufsatz über die Frage, wie das böhmische Volk sich zu den Zionisten stellen solle. Dieser Aufsatz hat begreiflicherweise große Beachtung gefunden. Denn selten hat sich noch ein — nicht von Juden redigiertes — Organ in so entschiedener Weise und nicht nur bezüglich theoretischer Fragen so deutlich für den zionistischen und nationalen Standpunkt ausgesprochen. Es heißt in dem Artikel: „Wie die Böhmen heute, nach der Erneuerung des letzten Jahrhunderts, genau wissen, daß kein noch so starker Widerstand die im Grunde eines Volkes schlummernden Energien zermürben kann, fällt es ihnen nicht ein, die geradezu heroischen Anstrengungen mißachten zu wollen, die ein Teil der Juden, der sich um das zionistische Lager schart, im Interesse einer Erneuerung des Judentums unternimmt". Und weiter: „Erst mit dein Wachsen des jüdischnationalen Gedankens scheint auch unter den Juden selbst der Wille durchgedrungen zu sein, sich zunächst einmal als Juden zu bekennen und als jüdische Nation aufzutreten. Es ist hier nicht der Ort, zu betrachten, welche Rolle eine solche Politik für die Juden» selbst spielen könnte, die mit ihrer Assimilationspolitik, bei den Deutschen z. B und bei den Magyaren ganz üble Erfahrungen gemacht haben". Im ganzen spricht der Aufsatz des führenden böhmischen Tageblattes ein vernichtendes Urteil über die in Böhmen getriebene Assimilationspolitik und tritt besonders energisch dafür ein, daß der Zionismus dem friedlichen Zusammenleben zwischen Juden und Nichtjuden nur nützen könne. „Ehrlichkeit und Offenheit", heißt es in der „Union", „ist im nationalen und sozialen Leben immer von Nutzen und befördert die auf Erreichung gemeinsamer wirtschaftlicher und kultureller Ziele gerichtete "Arbeit. Was die Antisemiten, die das böhmische Volk leider auch ertragen muß, dazu