Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 20 (17.5.1912)
- Date
- 1912-05-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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amtlichen Kreisen Rußlands den Mord an dem Knaben Justschinsky in der Tat für einen „Ritualmord" hält, während die Anklageschrift gegen Beilis bekanntlich keinerlei Hinweis auf die Möglichkeit eines Ritualmordes enthält und das Gericht in Kiew aus diesem Grunde sogar die von der Verteidigung beantragte Vorladung theologischer Sachverständiger abgelehnt hat. Im übrigen richtet sich die aus Anlaß der Kiewer Affäre entfesselte und von den russischen Behörden stillschweigend geduldete Pogromhetze leider nicht gegen eine nichtexistierende „geheime jüdische Sekte", sondern allerdings gegen die jüdische Bevölkerung in ihrer Gesamtheit, und diese gefährliche Aufwieglung der unwissenden Massen, an der sich selbst Abgeordnete der Reichsduma beteiligen, hat eben die Intellektuellen Westeuropas zu ihren Kundgebungen veranlaßt. In der liberalen englischen Presse wird im Zusammenhange mit der Besprechung des Heyking'schen Briefes darauf hingewiesen, daß der Herausgeber der „Times" als einziger unter den Vertretern der großen englischen Tageszeitungen die englische Protestkundgebung nicht unterschrieben hat. Dies ist bezeichnend für die eigentümlichen Beziehungen, die dieses Blatt zu den amtlichen russischen Kreisen unterhält und die übrigens schon von früher her bekannt waren. In Angelegenheit der ausländischen Proteste gegen die Kiewer Ritualmordbeschuldigung schreibt man ferner aus Petersburg: Die offiziöse „Rossija" wendet sich in einem maßlos heftigen Artikel gegen die westeuropäischen Kundgebungen zur Kiewer Knabenmordaffäre. Die Protestversammlung in Paris, erzählt die „Rossija", habe im jüdischen Stadtviertel stattgefunden und sei eine Zusammenkunft entsprungener jüdischer Sträflinge gewesen, die schlimmere Verbrecher als die Pariser Apachen seien. — Mit solchen törichten Wutausbrüchen glaubt das wackere russische Patriotenblatt die Stimme der öffentlichen Meinung Europas übertönen zu können. Aus dem türkischen Judentume (Von unserem Berichterstatter.) Konstantinopel. Die türkische Judenheit wird weiter ihren Weg geschoben. Aeußere, innere und „innerste" Politik wirken immer weiter zusammen, um ihr Schicksal ungünstig zu beeinflussen. In Syrien beschuldigt die antisemitische Presse die Juden vaterlandsfeindlicher Aktionen zugunsten des Reichsfeindes — der unvermeidliche „Zionist" Advokat Salem hört nicht auf, in der Phantasie dieser Pressehelden zu spuken —, und nur dem kläglichen Fiasko, das diese Clique jüngst durch den Ausfall der Wahlen zu erleiden hatte, sowie dem bösen Ende einiger ihrer Damaszener Blätter, dessen Pointe die Flucht des Antisemiten Schükri el Asseli gewesen ist, werden wir es zu verdanken haben, wenn nach und nach diese Verdächtigungen abflauen. Dafür aber werden zahlreiche unserer Volksgenossen schwerer und schwerer durch die Ausweisungsbefehle betroffen, die an allen von den Italienern angegriffenen Punkten erfolgen, da unter den italienischen Untertanen sehr viele Juden sind. So sind jüngst bei der infolge des Angriffes auf Rhodus dekretierten Italienerausweisung zweifellos auch wieder eine Reihe Juden gezwungen worden, den Wanderstab zu ergreifen und in ihr „Vaterland" abzureisen, das die meisten von ihnen wahrscheinlich nie in ihrem Leben gesehen haben. Der Wahlkampf hat auch seine unangenehmen Folgen für die osmanischen Juden hinterlassen. Sie haben nicht nur selbst eine schwache und ihnen wenig genehme Vertretung im Parlamente erhalten, sondern sie müssen auch noch für die Niederlage anderer büßen. Die Griechen von Silivria, erbittert durch ihre Schlappe, die sie der dem Komitee von den Juden geleisteten Wahlhilfe zuschreiben, haben einen scharfen Boykott gegen alles Jüdische erklärt, der selbst die Arzt und Medizin bedürftigen jüdischen Kranken unerbittlich mitbetrifft. Der türkische Großrabbiner hat zwar versucht, durch Intervention beim ökumenischen Patriarchen und bei der Regierung Abhilfe zu schaffen, aber bisher vergeblich. — Man wird es unter solchen Umständen noch als Glück begrüßen müssen, daß der italienische Angriff auf Rhodus die Möglichkeit der Wahl eines jüdischen Deputierten auf der Insel vereitelte. In der Tat war Aussicht dafür vorhanden, daß dort infolge der scharfen Rivalität zwischen griechischen und türkischen Kandidaten ein Jude durchging; aber man mag sich nach dem silivrinischen Beispiele ausmalen, was die Juden von Rhodus in diesem Falle von den Griechen der Insel hätten erwarten müssen. Die Elemente sind gleichfalls den türkischen Juden noch nicht gnädiger geworden. In Damaskus brach wieder einmal einer der furchtbaren orientalischen Brände aus, der auch den Juden der Stadt, laut einer Depesche des Damaszener Großrabbiners an die „Aurore", schweren Schaden zugefügt hat. Wieder einmal sind zahlreiche Familien obdachlos geworden, und wieder werden Hilferufe in die Welt hinausgesandt werden, die schon mehr oder weniger dagegen abgestumpft sein muß, da sie sich allzuhäufig hören lassen. Im Innern der Gemeinden ist keinerlei Besserung zu vermerken. Die hauptstädtische Gemeinde ist nach wie vor Beute endloser Zwistigkeiten, und alle lobenswerten Versuche, ihnen ein Ende zu setzen, sind bislang erfolglos geblieben. Die Loge „Bene Berith" in Konstantinopel hat alles Erdenkliche aufgeboten. Sie hatte eine Kommission eingesetzt, die den Frieden in der Gemeinde herstellen sollte. Man kann nicht umhin, den guten Willen und die Unermüdlichkeit dieser Vermittler anzuerkennen. Aber sie kamen im Wesentlichen nicht über die Anfänge hinaus, die darin bestanden, die jüdische Presse der Hauptstadt so lange ruhig zu halten, als die Einigungsversuche dauern mußten. Der „Tiempo" allein hat zwar, wie zu erwarten, sich nicht an den verabredeten Waffenstillstand der Presse gehalten; immerhin gab es doch einige Wochen relativer Ruhe in der hiesigen öffentlichen Meinung. Aber zu einem Ausgleiche zwischen dem Chachambaschi und dem Medschliss Dschismani reichte die schätzenswerte Anstrengung der Loge nicht aus. Rabbi Nahum ist ein für allemal entschlossen, den Medschliss zu beseitigen. Es ist begreiflich, daß unter solchen Umständen auch der Medschliss sich zu keiner Aufgabe seines Standpunktes entschließt, solange die Streitfrage Gegenstand eines offiziellen Prozesses ist. Nur ein Faktor hat durch die Vermittlungsaktion moralisch wenigstens gewonnen. Nahum hat sich nämlich, angesichts der klar zutage liegenden Gerechtigkeit der aschkenasischen Forderungen dazu verstehen müssen, fast alle ihre Ansprüche als gerecht anzuerkennen, soweit, daß er sich bereit erklärte, eine neue Akte zu unterzeichnen, die im Wesentlichen alle Punkte der so heiß bekämpften Konvention wieder aufnimmt. Praktisch ist aber auch für die Aschkenasim nichts bisher herausgekommen, da Rabbi Nahum ganz einfach die Unterzeichnung des neuen Abkommens vom Verschwinden des jetzigen Dschismani abhängig *macht. So ist denn die Affäre auf dem toten Geleise und die Gemeindekrise verewigt. In dem Momente, wo dieses negative Resultat bekannt wird, wird es jedenfalls auch mit dem schönen Pressefrieden vorbei sein, und alle die Widerwärtigkeiten des rücksichtslosen Bruderkrieges werden wiederkehren. Der Loge „Bend Berith" bleibt das schöne Verdienst, das Beste gewollt zu haben; die Aschkenasim-Gemeinde hat sich zu manchem Opfer bereit gezeigt, um eine Verständigung möglich werden zu lassen; der Medschliss Dschismani war durchaus geneigt, einer Neuordnung der schwebenden Fragen zuzustimmen; aber die Hartnäckigkeit des Großrabbiners hat alles vereitelt. i