Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 20 (17.5.1912)
- Date
- 1912-05-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316514-3316534--56004-3349867- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Aber welcher Sombart? Nicht der „bedeutende Nationalökonom", sondern derjenige, „der ein Gesamtbild des religiösen Judentums entworfen und gezeichnet hat, wie es unwahrhaftiger und unerträglicher ...... nicht einmal von dem ärgsten Judenfeind jemals versucht worden ist. Der Werner Sombart, und kein anderer, hat sich nunmehr in seiner neuesten Kundgebung rückhaltlos zu den zionistischen Idealen bekannt.u „Der und kein anderer" — da haben wir's. Da haben wir den Schwindel, mit dem der Zionismus seit Sombarts Auftreten bekämpft wird. Weil Sombarts Ansichten über das Wesen der jüdischen Religion irrig, weil sie herabsetzend sind — deshalb ist er Zäonist. „Diese eine Tatsache spricht Bände" — sagt Herr Breuer — „spricht auch für solche, die das Wesen einer Erscheinung zu begreifen nicht Muße oder Fähigkeit haben, dafür aber einer mehr auf das Symptomatische gehenden Betrachtungsweise um so zugänglicher sind." Diese Sätze haben nicht nur den Zweck der Selbstcharakteristik, sondern sie sollen auch die Leser davon abhalten, das Wesen des Zionismus begreifen zu lernen. Aber das wird Herrn Breuer nicht gelingen, denn die Methode der Hexenküche ist hier allzudeutlich. Er will erst den Zionismus als Feind der Religion anschwärzen, um es recht glaubhaft zu machen, daß Sombart, der ja auch ein „Feind" der jüdischen Religion ist, zu den Zionisten gehen mußte. So trifft er zwei Fliegen mit einer Klappe. Aber wir wollen ihm ein wenig seine Wege durchkreuzen und sein Hexeneinmaleins nachrechnen. Es wurde bereits gesagt (Herrn Breuer und Genossen muß man es ja noch sagen), daß der Zionismus auf der Idee der jüdischen Nation beruht und daß sich hierin nichts geändert hat. Wenn Sombart also für den Zionismus eintritt, so tritt er für die Idee der jüdischen Nation ein —, mag er nun über das Wesen des Judentums in religiöser Hinsicht so oder anders denken. Damit bricht die Anklagemethode des Herrn Breuer zusammen. Sombart beweist nicht den „gänzlich entjudaisierten Charakter des Zionismus", wie Herr Breuer behauptet, wohl aber beweist Herr Breuer den gänzlich entnationalisierten Charakter seines Judentums. Ueber die Einzelheiten des zionistischen Gedankenbaues, der sich in Breuers eigenem Urteil fortwährend verschiebt, wollen wir mit ihm nicht streiten. Es lag uns nur daran, den Trick aufzudecken, durch den die harmlosen Leser vom Zionismus abgeschreckt werden sollten. Nicht der Sombart wird von uns Zionisten willkommen geheißen, der über das Wesen des Judentums einseitige, zum Teil falsche Ansichten hegt, sondern der Sombart, der mit erfrischender Klarheit erkannt hat, daß das jüdische Volk in seinem jetzigen Zustand nicht leben und nicht sterben kann, der deshalb die Ansiedlung der jüdischen Massen in Palästina empfiehlt und die westliche Judenheit ermahnt, ihr Volkstum nicht aufzugeben. Nicht den Judentumsdeuter, sondern den politisch denkenden Europäer Sombart haben wir freudig begrüßt. Es fällt uns Zionisten gar nicht ein, Sombart als Vertreter unserer Ideen in vollem Umfange anzuerkennen. Nicht nur seine religionsgeschichtliche Auffassung des Judentums, sondern auch seine Beurteilung der rassenmäßigen Anlagen der Juden enthält nach unserer Ansicht schwerwiegende Irrtümer. Und schließlicli sind wir Zionisten auch nicht mit allem einverstanden, was Sombart Zionismus nennt. Wir betonen ihm gegenüber die Einheit von Ost und West, wir lehnen den jüdischen Nationalismus, losgelöst vom palästinensischen Zentrum, und damit auch Sombarts unklare und widerspruchsvolle Theorie von der staatsbürgerlichen Stellung der Juden strikt ab. Wir haben also auch von unserem Standpunkt nichts dagegen einzuwenden, daß Sombarts Werke in der jüdischen Presse kritisch beleuchtet werden. Nur soll man hübsch bei der Wahrheit bleiben und nicht Sombarts Irrtümer dem Zionismus in die Schuhe schieben. Aber eben dies ist ja der ganze sSinn der Sombarthetze in den zionistenfeindlichen Blättern. Es haben ja soviele Christen ihre mehr oder weniger irrigen Ansichten über Judentum und Judenfrage zum Besten gegeben, ohne daß Herr Breuer und seine Sturmgesellen zum Kampfe geblasen hätten. Nun kommt aber ein Goj von anderer Art und sagt in der Ahnungslosigkeit seines Gemütes den Juden einige Wahrheiten, die jedes andere Volk mit Vergnügen hören würde: „Laßt euren Volksorganismus nicht zerstören, erhaltet ihn in seiner Eigenart und sucht sein Dasein menschenwürdig zu gestalten/' Man kann als Psychologe des Judentums in die Irre gehen und dennoch als Politiker in der Judenfrage im großen und ganzen richtig urteilen. Das ist Sombarts Fall. Seine Ansicht über das Wesen des Judentums ist irrig, zum mindesten einseitig, aber seine politischen Ratschläge sind von diesen Irrtümern ganz unabhängig. Da spricht nur der Soziologe, der ein altes Kulturvolk vor sich sieht und aus einer liberalen Staats- und Geschichtsauffassung heraus das Recht dieses Volkes auf selbständige Weiterexistenz bejaht. Er konnte natürlich nicht ahnen, daß die Juden sich gegen diese Weiterexistenz wehren würden. Ach, Herr Sombart kennt die Juden der Gegenwart schlecht. Sie wollen „endlich einmal in normale Verhältnisse kommen", d. h. sich assimilieren, und seine Wünsche für die Erhaltung der eigenen Art wecken nur in den Herzen der Zionisten lauten Widerhall. So finden sich denn die Leser des „Israelit" mit den Anhängern des Zentralvereins in gemeinsamem Hasse gegen Sombart, den Zionistenfreund, zusammen. Sie demonstrieren der ganzen Welt, daß ihr nationales Bewußtsein geschwunden ist und daß der Appell an das nationale Empfinden, das jedes gesunde Volk besitzt, bei ihnen nur krankhafte Erregungen auslöst. Inmitten dieser Orgie des Sombart- und Zionistenhasses beharren wir ruhig und entschieden auf unserem Standpunkt und lassen unser Schiff auch nicht um Haaresbreite von dem gewählten Kurse abweichen. Denn das Werk der nationalen Wiedergeburt, an dem wir arbeiten, ist unabhängig von den Meinungen des Tages. Die uralte Sehnsucht unseres Volkes lebt in ihm und verleiht ihm die Kraft, sich gegen die Widerwärtigkeiten des Augenblicks zu behaupten. Wir haben, indem wir uns selbst das nationale Ideal zurückeroberten, den inneren Gleichmut gegen alles fremdnationale Urteil wiedergefunden und nehmen Lob und Tadel, Liebe und Haß der anderen als normale Begleiterscheinungen unseres nationalen Daseins hin. Wir sagen Werner Sombart ruhigen Dank, weil er unserem Willen mit verständnisvoller Achtung begegnete und schütteln die Entarteten von uns ab, die ihr Volkstum verloren haben und in der Haltlosigkeit ihres Daseins vor jedem lauten Wort erschrecken. R. L.