Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 20 (17.5.1912)
- Date
- 1912-05-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE BERLIN WI5, SACHSISCHE STR. 8. W ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVI. JAHRÖ. BERLIN, 17. Mai 1912 Um^'? y'önn 'K fPD 'X Nr. 20. HEXENEINMALEINS Der zionistische Gedanke ist in den letzten Jahren so stark geworden, daß die Wurfgeschosse der feindlichen Jäger, die ihn unablässig verfolgen, wirkungslos von ihm abprallen. Diesmal ist der unglückliche Schütze Herr Isaac Breuer aus Frankfurt a. M., der schönen Stadt, wo auch Goethe geboren wurde. Der Geist des Ortes hat mächtig auf Herrn Breuer gewirkt, und so versieht er seinen im „Israelit" erschienenen Angriffsartikel, der die Ueberschrift „Werner Sombart als zionistischer Apostel" trägt, mit dem Motto: „Das also war des Pudels Kern." Auf diese Weise spannt er unsere Erwartung auf das höchste und beweist gleich zu Beginn, daß er Goethe gelesen hat, was wir bei der folgenden Lektüre seiner Stilübungen vermutlich nicht bemerkt haben würden. Leider hat er zu rasch gelesen. Er hätte länger bei der Schülerszene verweilen sollen, in der Mephisto dem jungen Lernbeflissenen mit feinster Logik viel verzwicktes Lügenzeug beweist. Statt dessen ist er gleich in die Hexenküchenszene geraten und sagt mit großer Munterkeit sein Sprüchlein auf: „Du mußt verstehen, Aus eins mach zehn, Und zwei laß geh'n, Und drei mach gleich, So bist du reich. Verlier die Vier! Aus fünf und sechs, So sagt die Hex', Mach sieben und acht, So ist's vollbracht; Und neun ist eins, Und zehn ist keins. Das ist das Hexen-Einmaleins." Jawohl, das ist Herrn Breuers Hexeneinmaleins. Aber das liebe Publikum merkt gleich, daß die alte Hexe Unsinn schwatzt und sagt mit Mephisto: „Es war die Art zu allen Zeiten, Durch drei und eins und eins und drei Irrtum statt Wahrheit zu verbreiten." Blasen wir den Hexenküchenqualm grimmigen Hasses fort, den Herr Breuer um den Leib seines Opfers entfacht hat, so bleiben folgende Behauptungen übrig- Auf dem X. Zionisten-Kongreß „sind treffliche Männer, empört über die Schmach, die Israels Gesetz war angetan worden, von dannen gezogen. Damals ist, einmal für immer, mit wuchtiger Hand die Scheidemauer getürmt worden, die A 11 - Z i o n , Hochburg des Gesetzes und Symbol seiner Souveränität, von Neu-Zion trennt, dem frei erfundenen Sammelort der dem Gesetzesjoch Entlaufenen. Damals hat, selbst dem Blinden sichtbar, Zionismus aufgehört, Bestandteil der im Gesetz Geeinten zu sein." Man kann das kürzer und klarer sagen, aber dann wäre es eben kein Hexeneinmaleins. Zionismus hat aufgehört, „Bestandteil der im Gesetz Geeinten zu sein?" Was soll das heißen? Es gibt unter den streng Gesetzestreuen eine Reihe von Zionisten, d. h. von Männern, die den nationalen Charakter des Judentums erkannt haben und deshalb gemeinsam mit denjenigen Juden, die nicht streng nach dem Gesetz leben, in versöhnlichem Geiste die Wiederaufrichtung des jüdischen Volkstums erstreben. Für diejenigen Kreise der Gesetzestreuen aber, die den Prozeß der nationalen Wiedergeburt in Palästina nicht wünschen, ist der Zionismus niemals „Bestandteil" gewesen — wie der erfolglose Goetheleser sich ausdrückt. Daß sich aus der Verschiedenheit der Meinungen innerhalb der zionistischen Organisation gelegentlich Konflikte ergeben, ist richtig, berührt aber die Grundsätze der Bewegung in keiner Weise. Auf dem letzten Kongreß haben sich einige gesetzestreue Zionisten von der Organisation losgelöst, weil ihnen gewisse in Aussicht genommene Maßnahmen nicht gefielen. Grundsätzlich aber hat sich gar nichts geändert, denn der einigende und verbindende Gedanke der jüdischen Nation bleibt nach wie vor als Grundidee des Zionismus bestehen. Es war daher ganz überflüssig, Ausdrücke wie „wuchtige Hand" und „Scheidemauer" zu gebrauchen, und was das „Neu-Zion" betrifft, den „frei erfundenen Sammelort", so sei Herrn Breuer bedeutet, daß damit Palästina gemeint ist, ein Gebiet, das den östlichen Rand des Mittelmeerbeckens bildet und von den Zionisten für die historische Heimat des jüdischen Volkes gehalten wird. In diesem Zeitpunkt nun, der Herrn Breuer sehr bedeutungsvoll erscheint, geht Werner Sombart ins Lager der Zionisten über.